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Vanessa

Von biF


Vor vielen Jahren – oder besser: Jahrzehnten – hatte ich den Schnipsel eines Films gesehen und einige Zeit später die Hälfte eines Buchs gelesen, die mich beide mit ihrem offensiven Sadomasochismus beeindruckten. Ersteres dürfte an die dreißig, mindestens aber zwanzig Jahre her sein; die Lektüre kann ich etwas genauer einordnen, denn ich lieh mir das Buch – „Lulu“ von Almudena Grandes – 1994 von einem Kollegen, der es aber Knall und Fall wiederhaben wollte. Ich kam damit nur bis zu der – allerdings ziemlich abstoßenden – SM-Party, auf der Lulu von ihrem Geliebten in ein exhibitionistisches Leder-Outfit gesteckt und mit den gefesselten Händen an einem monströsen Nagel über einer Tür befestigt wird, weil sie den anderen von da aus nur zusehen sollte. Soeben hatte ihr eine Rivalin, für deren Geschmack sie sich zu gut amüsierte, die hohen Absätze ihrer Stiefel vom Schuh gebrochen, so daß sie nun mehr an der Wand hing als stand, da mußte ich das Buch abgeben. Inzwischen habe ich das Buch zu Ende gelesen und festgestellt, daß ich das gar nicht hätte tun müssen, denn alles Interessante war bis dahin schon geschehen.


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Der 1976 gedrehte Film, in den ich – egal, warum – nur kurz hineinsehen konnte, hieß „Vanessa“. Ein hübsches, junges und unerfahrenes Mädchen, das wie die Mädchen aussah, die uns – meinem früh verstorbenen Freund Rolf und mir – in unseren schönsten pubertären Träumen erschienen, geriet in die Fänge von Sexprotzen und wurde von ihnen „erweckt“, sozusagen. Was ich bis dahin von solchen Machofilmen mitbekommen hatte, war primitiv; „Vanessa“ war ein bißchen anders. – Lange Rede, kurzer Sinn: Die Szene, die mich bis heute immer wieder einmal beschäftigt hat, war ihrer Intention nach ähnlich wie das oben Angedeutete. Das Mädchen, Vanessa, streift nachts durch die weitläufigen Anlagen der luxuriösen Macho-Villa und entdeckt an einer repräsentativen Stelle eine faszinierende Installation, die sich bald als eine Art mechanischer Pranger, als „Mädchenfalle“ entpuppt. Das Mädchen ist ein aufreizend gut aussehender, unschuldiger Teenager, bei dessen Anblick es einem (als Mann) in der Magengrube zieht, und es ist naiv. Es ist außerdem nur leicht bekleidet; ein transparentes Negligé, ein winziges Spitzenhöschen, lange Strümpfe an eleganten Strapsen und ein Paar Sandaletten, alle in Weiß, machen seine gesamte Garderobe aus. Man ahnt, oder weiß, was gleich passieren wird, und freut sich drauf.


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Vanessa steht staunend vor dem Gestell, das furchterregend und gleichzeitig einladend wirkt, so jedenfalls vermittelt es der Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens. Eiserne Greife, die sich an Säulen rechts und links eines schmalen Durchgangs klammern, locken mit zwei weit geöffneten Schellenpaaren für Hände und Füße, die das Mädchen unentrinnbar in die Position einer mit gespreizten Beinen und hoch erhobenen Armen Gekreuzigten zwingen, sobald es sich hineinbegibt. Und – man hofft und weiß – Vanessa wird es tun. Vorsichtig schiebt sie einen Fuß in die Nähe der dafür vorgesehenen Fußschelle, zögert einen Augenblick, setzt ein wenig nach, und – der Mechanismus schnappt zu. Einen Moment lang scheint es, als würde sie der Mut verlassen, Vanessa sich die Fessel lösen und das Weite suchen, doch sie ist bereits gefangen vom Zauber des Unerklärlichen, das plötzlich von ihr Besitz ergriffen hat. Sie läßt sich, behutsam, auch das zweite Fußgelenk einschließen. Noch könnte sie ... – denkt man unwillkürlich, doch Vanessa denkt nicht mehr. Sie handelt sichtbar in Trance, als sie ihr rechtes Handgelenk atemberaubend langsam, doch entschlossen der ersten Handfessel nähert und das nächste Eisen zuschnappen läßt. Den anderen Arm reckt sie beinahe schon gierig empor, es klickt ein letztes Mal, und Vanessa hat sich allem ausgeliefert, was das Buch des Lebens in diesem Abschnitt für sie vorgeschrieben hat.

Hilflos, halbnackt, den Körper effektvoll von Kerzenlicht modelliert; allein, erwartungsvoll und so jugendlich-schön, daß es einen (als Mann) fast um den Verstand bringt, horcht sie hinaus in die lautlose Nacht; ein plötzlich einsetzender Luftzug spielt mit ihren lockigen langen Haaren und weht ihr das offene Negligé auseinander und man könnte nun alles, was man möchte, mit ihr tun, ja, – wenn man nicht vor einem Bildschirm säße.

An dieser Stelle brach aber damals auch der Filmausschnitt ab, und seitdem habe ich mich hin und wieder einmal gefragt, wie es wohl mit der hübschen Olivia Pascal – so hieß die Vanessa nämlich in ihrem richtigen Leben – weiter gegangen sein mochte. Vor kurzem habe ich den Film, von dem ich weder den Titel noch sonst irgend etwas wußte, im Internet gefunden und mir endlich im ganzen ansehen können. Nun weiß ich zwar, was mit der gefesselten Vanessa, oder Olivia, in jener (Film-) Nacht passierte, doch ich muß sagen: deprimierend! Mir wäre bestimmt etwas besseres eingefallen, als sie zu verprügeln ...

(Ostern 2010.)

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