Lieber Lutz
Von biF
Lieber Lutz,
ich freue mich, daß Sie fleißig sind und nicht nur arbeiten, sondern dabei auch noch denken :) Die Frage, die Sie mir stellen, ist sehr interessant und hat mich schon oft beschäftigt. Deshalb kann und will ich Sie Ihnen auch gleich beantworten.
Menschen wie jenen, über den Sie sich ärgern, gibt es überall zuhauf. Lesen Sie einmal „Über die Einsamkeit“ in Schopenhauers Parerga und Paralipomena. Auch wir haben hier einen Selfmade-Polyhistor mit hypertrophiertem Selbstbewußtsein, der sich eines Themas nach dem anderen bemächtigt und glaubt, er täte ihm genüge, wenn er gewissenhaft kompiliert, was er gerade an alten Zeitungen und Broschüren zusammenraffen und ein paar greise Leute über vergangene Jahrhunderte aushorchen konnte, die sich kaum noch daran erinnern, welche Farbe ihr Haar vor zwanzig Jahren hatte. Regelmäßig erleben auch wir hier einen von der örtlichen Journaille entfesselten Sturm im Wasserglas, bei dem ein paar um das Ansehen ihrer Zunft besorgte Kollegen unseres modernen „Abraham Hosemann“ sich zusammenrotten und ihn nach allen Regeln der Guerilla zerpflücken.

Auch ich habe da ein paar Mal mitgetan, aber ich tue das nicht mehr, weil ich damit nur mein Leben vertäte. So dünn wie die Cortex, so dick ist nämlich auch das Fell solcher Leute; man richtet also gar nichts aus. Weil sie Woche für Woche neue Kuriositäten gebären, käme man außerdem zu nichts Eigenem mehr. Es sind ja auch nicht sie allein; hinzu kommen all die Professionellen, die das Gleiche auf ihre Weise, also etwas professioneller, aber genau so hemmungslos tun. Mein Fazit ist:
Ich gucke nur noch zu und versuche mir beispielsweise vorzustellen, wie öde die Tagespresse ohne solche Zwischenfälle wäre. Ein zweiter Aspekt scheint mir aber tatsächlich bedeutsam zu sein. Stellen Sie sich vor, daß alles, was erschiene, perfekt wäre: Das wäre nicht nur sterbenslangweilig, sondern geradezu gefährlich für die kommenden Historiker-Generationen. Ich erinnere mich gut, wie es war, als ich begann, mich ernsthaft mit der Geschichte meiner Heimat zu beschäftigen. Wie habe ich mich gefreut, wenn ich eine falsche Jahreszahl, einen falschen Namen oder gar ein ganzes falsches Kapitel entdeckte! Die Möglichkeit, Fehler bei lebenden wie toten Kollegen zu entdecken und gehörig anzuprangern, gehörte zu den wichtigsten Antrieben meiner Arbeit! Und nun stellen Sie sich vor, es gelänge uns, der Jugend eine rundherum zuverlässige Überlieferung zu hinterlassen. Was, meinen Sie, würde passieren? Die jungen Leute würden vor Verzweiflung zugrunde gehen! Also lassen Sie Ihren „Hosemann“ sich ruhig eine Geschichte nach seinem eigenen Geschmack zusammenbasteln und – falls ich Ihnen das zumuten darf – machen Sie ruhig ein bißchen mit. (Adelsfamilien und erfolgreiche Unternehmen machen das übrigens schon lange.)
Ihr Außenseiterdasein würde sich in ein geselliges verwandeln, Sie würden wieder Freunde haben, und daß – last not least – vereinfachte Recherchen Ihrem Konto prächtig bekommen würden, können Sie ja schon an Ihrem Kollegen sehen.
Weißwassser, den 27.06.2010
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