Thilo Sarrazin und das Ei des Kolumbus
oder Reden ist Silber ...
Von biF

Regelmäßig schnappt die sensationsgeile Meute nach irgend einem Brocken, an dem sie ein Weilchen herumkauen kann. Beißt ein Hund ein Kind tot, ist das Geschrei groß, obwohl jeder weiß, daß Raubtierhaltung – vor allem in gewissen Familien – nach wie vor Glückssache ist; kommt Kachelmann vor Gericht, zerreißen sich alle über eine Vergewaltigung das Maul, von der vermutlich nicht einmal die Beteiligten mehr genau wissen, wie – wenn überhaupt – sie sich abgespielt haben könnte, geschweige denn die Richter oder gar der-die-das Rundfunk, Presse oder Fernsehen. Experten sind gefragt wie nie zuvor. Geht es um Glykolwein oder Gammelfleisch, ist Udo Pollmer dran; vergiftet sich eine Großfamilie aus Siebenbürgen mit grünen Knollenblätterpilzen, muß Professor Zilker ran, und in ökonomischen Fragen versucht Professor (Un-) Sinn etwas Gescheites zu sagen. Momentan lamentieren alle über Sarrazin und seine Gene. Hat der Jude welche, hat er keine, was ist mit den anderen und wie kommt es eigentlich, daß manche Lebewesen gleicher sind als andere? Man nehme Gregor Mendel und die Erbsen, oder besser noch: Darwins Hunde. Ein schöner Hobelspan aus meiner Manufaktur lautet: „Aus dem Wolf sind inzwischen Möpse und Bernhardiner geworden. Bloß der Mensch bleibt immer das selbe Schwein.“ Ja – wie ist das möglich? Die Frage haben Experten, Genetiker, längst beantwortet. Aber: Kein Mensch fragt sich mehr angesichts der Kalamität, sich öffentlich zu einer Frage äußern zu müssen, oder zu wollen, die der Einfachheit halber zu einer rassistischen erklärt wurde, worum es eigentlich geht bzw. ging. Es ging, oder geht, nämlich eigentlich darum, daß Sarrazin das gleiche passiert ist wie seinerzeit Kolumbus: Er hat trotz einiger falscher Prämissen eine wichtige Entdeckung gemacht, doch über die will keiner reden – so wie damals keiner etwas von einer Erdkugel wissen wollte ...
(15.09.2010)

Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen