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Im Veteranenclub

Eine Reportage

Von biF


Die Welt ist außerhalb der Irrenhäuser nicht minder drollig als drinnen.
Hermann Hesse


Ich könnte schreiben „infolge des demographischen Wandels“ und so weiter, aber weil ich Klartext bevorzuge, setze ich jetzt hierher: Weil uns der Westen nach wie vor 1989 die besten Leute abwirbt, vor allem die hochmotivierten jungen Frauen, macht es zu manchen Zeiten keinen Spaß mehr, in Weißwasser durch die Stadt zu laufen. Die ersten, die ich sehe, sind die immer gleichen Trinker am „Netto“, und weil die zum Trinken sehr viel Ausdauer mitbringen und ich mich meistens nur so lange in der Stadt aufhalte, wie es unbedingt sein muß, auch wieder die letzten. Deshalb fahre ich gerne nach Bautzen, oder Berlin, wo ich in einem Café sitzend zusehen kann, wie junge Leute – natürlich auch alte – hin und her eilen, vor allem hübsche und – noch – hochmotivierte junge Frauen in aufregenden Jugendmoden. Auch der alternde Mann kann nicht immer nur unter seinesgleichen sein! Das Bedürfnis, mit den jungen Leuten auch zu reden, habe ich indessen kaum, denn da ich seit Jahren bei Lesungen und Verni- oder Finissagen immer nur mehr oder weniger alten Leuten begegne, kann ich mir ungefähr vorstellen, wie es in den Köpfen der jungen Leute aussieht.

Was in den Köpfen der Alten vorgeht, ist manchmal allerdings auch bizarr. In Görlitz hielt ich zum Beispiel einmal einen – wirklich! – interessanten Vortrag über Leopold Schefer. Außer den Veranstaltern war ein dreiköpfiges Auditorium anwesend. Ein Herr, der einigermaßen durchhielt, und zwei Damen, von denen die eine gelegentlich einnickte, während die andere nur einmal einnickte und dann aber bis zum Ende konsequent durchschlief. Trotzdem war das nicht die schlechteste meiner Lesungen, denn erstens konnte ich mich gut auf meinen Text konzentrieren, den ich an diesem Tage zum ersten Mal vortrug. Ich bin nämlich leicht zu verunsichern und durch Störungen aus dem Konzept zu bringen. Zum zweiten konnte ich den Vortrag um ein Drittel kürzen, ohne daß es jemand mitbekam. Aufwand und Nutzen gingen dadurch eine der seltenen Allianzen ein, die man „ökonomisch“ nennt.


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Im hiesigen Veteranenclub ging es dagegen lebhaft zur Sache. Meine Lesung sollte sich mit „Fürst Pückler als Feinschmecker“ befassen und war quasi eine Weltpremiere. Anwesend waren etwa 22 Damen und zwei Herren. („Gammelfleischparty“ nennen die jungen Leute so etwas jetzt; da gehöre ich natürlich auch schon dazu.) Von der Vorsitzenden wußte ich, daß mein Publikum keine anspruchsvollen Menüs verträgt und zwei Personen sich gewöhnlich ein Glas Bier teilen – gesetzt den Fall, sie müssen es bezahlen. Geschenkte Biere vertragen sie beinahe so viel wie die Herren vor dem „Netto“. Also hatte ich etwas Leichtes vorbereitet, hatte die Filetstückchen aus meinem Fürst-Pückler-Kochbuch herausgelöst und mit einigen lockeren Sätzen zu einem leckeren Salat dressiert; Schonkost, sozusagen.

Allein – es nützte mir nichts. Eine Dame, die mir in der ersten Reihe genau gegenüber saß, beschwerte sich schon nach den ersten Häppchen, der Einleitung: „Aber sagen Sie mal, junger Mann, warum erzählen Sie denn nicht mal was von dem Park?! Der Pückler hat doch hier diesen schönen Park gemacht!“ Die Vorsitzende warf den Kopf in den Nacken und verdrehte die Augen. Ich vertröstete die Frau auf später und behielt sie im Auge.

Und richtig! Es dauerte nicht lange – ich hatte meinen Faden kaum wiedergefunden – da fing die Alte wieder an zu stänkern: „Ich denke, Sie wollten hier was von dem Pücklereis erzählen. Der Pückler hat doch dieses Eis erfunden. Darüber könnten Sie mal was erzählen.“ – „Ich komme später noch drauf“, versprach ich, während die Vorsitzende die Augen schloß, den Kopf senkte und schüttelte. Im Publikum entstand Unruhe und erste schüchterne Proteste wurden laut. Ich änderte ad hoc mein Konzept und zog das Pücklereis vor. Während ich danach suchte, versuchte ich, der Frau meine Mission klar zu machen.

Das Pücklereis war auch wieder falsch, das heißt, nicht nach dem Geschmack der elenden Nervensäge. Ich kam zwar – vielleicht zwei, drei Sätze – weiter als die ersten beiden Male und holte gerade Luft für eine wirklich witzige Stelle, da krakeelte die blöde alte Schachtel schon wieder los. „Aber sagen Sie mal, der Pückler, der hatte doch so viel Frauen! Erzählen Sie doch mal was darüber! Das wäre doch auch mal interessant. Darüber gibt’s doch auch schon Bücher!“ Einige Lüsterne stimmten der Kritikerin bei. Der Vorsitzenden reichte es. Sie erhob sich und wies die Querulanten zurecht. Einer der beiden Herren würzte nach und wies darauf hin, daß man ja – erstens – wüßte, in welche Veranstaltung man gegangen sei und daß es sich – zweitens – ganz einfach gehöre, die Arbeit wessen auch immer zu respektieren; ansonsten solle man doch besser gleich gehen. Dem wurde mehrheitlich zugestimmt. Ich wies noch einmal auf das Thema meines Vortrags hin und bot eventuell Frustrierten an, das Podium zu räumen. Mein Angebot wurde mehrstimmig abgelehnt, und der Vorsitzenden gelang es, die Wogen zu glätten. Mittlerweile schwitzend und ziemlich wütend, beruhigte ich mich mit einem doppelten Wasser und brachte die Lesung noch irgendwie zu Ende. Nachdem sich die Vorsitzende dann endlich stellvertretend für alle bei mir entschuldigt und bedankt hatte, raffte ich meine Unterlagen zusammen, klemmte Bücher, Blätter und Blumen unter den Arm und wollte nur noch eins: nach Hause; mich ausheulen und schlafen.

Mein Weg zum Ausgang führte mich an der sichtbar mit sich und ihrer Welt zufriedenen Verrückten vorbei, das heißt : Sie hielt mich am Jacketärmel fest und unterrichtete mich mit einem neckischem Augenaufschlag: „Junger Mann! Sie haben sich bestimmt gewundert, daß ich so gut Bescheid weiß, was? Ja-ha-ha – meine Cousine ist nämlich Parkführerin! In Muskau! Deshalb!“

(28.08.2010)


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