Wbs 70
Von biF
In seiner – wie es im Vorwort meiner Ausgabe heißt: berühmten – Erzählung „Die Amsel“ von 1928 karikiert Robert Musil „jene Berliner Höfe, wo zwei, drei oder vier Häuser einander den Hintern zeigen“: „Etagenweise sind die Ehebetten übereinander geschichtet, denn alle Schlafzimmer haben im Haus die gleiche Lage, und Fensterwand, Badezimmerwand, Schrankwand bestimmen den Platz des Bettes fast auf den halben Meter genau. Ebenso etagenweise türmen sich die Speisezimmer übereinander, die Bäder mit den weißen Kacheln und die Balkone mit den roten Lampenschirmen. Liebe, Schlaf, Geburt, Verdauung, unerwartete Wiedersehen, sorgenvolle und gesellige Nächte liegen in diesen Häusern übereinander wie die Säulen der Brötchen in einem Automatenbüfett.“

Mein Bruder nimmt mich – 1978 herum – mit zu einer Verlobung. Einer seiner Kollegen hat die Richtige gefunden; er ist noch immer und sichtbar glücklich mit ihr verheiratet. So etwas gibt es. In der Lausitz sollen die deutschen Ehen am längsten halten, sagt die Statistik. Die Verlobungsfeier findet im Hochhaus am Wasserturm statt. Ich bin neugierig, denn ich war noch nie in einem Hochhaus. Die Wohnungen dort sind aber auch bloß die üblichen Wbs 70 und für eine so große und ausgelassene Feier wie diese eigentlich zu klein. Man muß immerzu übereinander klettern, um beispielsweise auf die Toilette zu gelangen. Anfangs ist das ganz lustig, aber irgendwann wird es lästig, selbst bei der schönsten Nachbarin. Zu klein ist auch der Aschenbecher für die schätzungsweise zwölf Raucher, die im Wohnzimmer für Kneipenflair sorgen. Ich leere ihn nach einiger Zeit in den Mülleimer, der wie in allen Neubauwohnungen in der Küche rechts unter der Spüle steht. Beim anschließenden Gang zur Toilette höre ich die Frischverlobten aus dem Schlafzimmer streiten. Das ging ja fix, denke ich bei mir, halte einen Moment inne, um zu lauschen, und bekomme zu hören: „Ach! Und woher hat der Kerl dann gewußt, wo unser Mülleimer steht?!“
(09.10.2010)
Mein Cousin Roland hat mir berichtet: „Ich hab’ im vierten Stock gewohnt, damals, in der Heinestraße, und mußte runter, Schnee schieben; so: und im Treppenhaus steh’n zwei Weiber und quatschen. Ich grüße die, schiebe mich vorbei, nach unten, und mach’ mich an die Arbeit. Als ich wiederkomme, steh’n die Weiber immer noch da und quatschen. Was ich aber nicht mitkriege, ist, daß die inzwischen eine Etage nach unten gewandert sind. Mein Unterbewußtsein signalisiert mir nur: quatschende Weiber, da drüber wohnst du; ich schließe also die Türe auf – der Schlüssel steckt, wie üblich – und finde mich plötzlich in einer völlig fremdem Umgebung wieder! - Da war ich doch glatt in der Wohnung unter mir gelandet! Ich konnte mich grade noch heimlich verdrücken ...“
(14.12.2010)
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