Anderthalb Schlafmützen
Von biF
Ich fahre zum zweiten Mal zum Bibliographieren nach Bautzen. Es ist eine Arbeit, für die man eigentlich etwas bezahlen müßte, denn es sind rund dreihundert allerliebste historische Kinderbücher zu beschreiben, die größtenteils zwischen 1750 und 1850 entstanden sind, also in der Blütezeit der graphischen Künste, vor allem der Kupfer- und Holzstichillustrationen. Die meisten der Bilder sind handkoloriert und leuchten in Aquarell- und Kaseinfarben, die es heute gar nicht mehr gibt. Unter den Illustratoren und Stechern befinden sich auch Chodowiecki, Ramberg und andere namhafte, und unter den anonym gebliebenen Künstlern sind etliche, die es ebenfalls verdient hätten, namentlich genannt zu werden. Diese überaus tüchtigen Handwerker haben mit viel Liebe, Phantasie und unvorstellbarem Fleiß für die Kinder wahre kleine Wunderwerke geschaffen; faszinierende ABC-Bücher, Bildergeschichten, Bilderwörterbücher, Kinderenzyklopädien und Lehrbücher, die des öfteren den Eindruck erwecken, die Künstler hätten ihre eigene Kindheit nacherlebt oder in den Bildern so erschaffen, wie sie sie gern erlebt hätten in einer Zeit, in der das Prügeln zum Schulalltag gehörte wie heute die Security und man diejenigen Pädagogen für die besten hielt, aus deren Klassenzimmern das lauteste Geschrei erscholl.

Die wenigsten Bücher wurden von Schriftstellern verfaßt, sondern von Lehrern und Pastoren, die sich im – allerbesten! – Geiste der Aufklärung um ihre Schäflein, oder Lämmlein, sorgten, zugleich aber auch herbe Not litten und sich von ihren Büchern ein bescheidenes zusätzliches Einkommen versprachen. Davon zeugen zwei sehr originelle Einfälle. Karl August Engelhardt, „Mitglied der Königl. Sächs. Oberlausitz. Gesellschaft der Wissenschaften“, ließ auf sein Lehrbuch der Erdbeschreibung des Königreichs Sachsen drucken: „Preis: beim Verf. 8 gr.; im Buchh. 12.gr.“, und der „Verfasser der merkwürdigsten Schicksale der Oberlausitz und ihrer alten Hauptstadt Budissin“ ging mit Der Herr und die Kleinen, einem „Büchlein für Kinder, Eltern, Lehrer und alle Freunde des Herrn“, in „Budissin 1833 gedruckt bei Ernst Gottlob Monse“, sogar noch einen Schritt weiter, indem er hinzusetzen ließ: „Zu haben in den Buchhandlungen“ (es folgen die Namen) „sowie beim Herausgeber, Schloßgasse Nummer 153, zwei Treppen hoch.“ Damals bewohnte man offenbar noch tatsächlich „feste Quartiere“. Die Kinderbuchtexte zeugen von dem großen Einfühlungswillen der Autoren; mit dem Einfühlungsvermögen der neuen Pädagogen haperte es jedoch mitunter noch.

Unter solchen Betrachtungen erreiche ich die Allee am Ortseingang von Sdier. Ich verweile mit den Gedanken noch etwas bei meinem Lieblingsbüchlein, einem klein- und querformatigen Bilderbuch für kleine wißbegierige Mädchen, 1822 mit „vier und zwanzig Kupfern“ in Nürnberg herausgegeben von Friedrich Campe. In dem Kapitel „Die Köchin“ erzählt Campe die lehrreiche Geschichte einer schnupfenden Mamsell, deren Essen fertig war, wenn ihr ein schnupftabakgeschwärzter Tropfen von der Nase in den Topf fiel ... So weit bin ich, da schusselt eine Katze über die Straße, von links nach rechts, aber zum Glück ist sie bunt, schwarz, weiß und rotbraun gefleckt. Es ist eine relativ kleine, pummelige und wohl schon etwas ältere Katze mit einem dicken Fell, die gemütlich aussieht und sich auch sehr gemütlich bewegt. Ich bremse, die Reifen quietschen, ich schleudere ein wenig in Richtung Straßengraben, aber die Katze stört das gar nicht. Ich bin davon so überrascht, daß ich überhaupt nicht ans Hupen denke. Mit stotterndem Motor bewege ich mich auf die Katze zu, bis ich sie über die Motorhaube hinweg gerade noch erkennen kann. Erst, als sie nur noch mit einem Hinterbein auf dem rechten Randstreifen steht, fährt sie heftig zusammen, springt vor Schreck beinahe senkrecht in die Höhe und macht sich aus dem Staub, so schnell sie durch das dichte Gras kann. So eine Schlafmütze! – Deshalb gibt es nämlich so viele überfahrene Katzen! Die tagwandeln!
(22.10.2010.)
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