Weihnachtslieder, ein Akku und ein tiefgekühltes Ohr
Eine Dezember-Trilogie von biF
I. Frühstück im Advent
Katrin ist ein Weihnachtsfreak. Drei dicke Kerzen brennen, Katrin sitzt davor und kokelt. Das Räuchermännchen bekommt seine hölzerne Lunge geteert, der Bratapfelkocher sendet Rotwein-, Honig- und Gewürzdüfte aus, und auch der Adventskalender hat sein süßes Geheimnis schon herausrücken müssen. Die Obstschale ist gefüllt mit Pfefferkuchen, Äpfeln und Orangen, Tannenzweigen, ein paar riesigen Walnüssen und einem Pinienzapfen. Auf dem Tisch stehen heute pochierte Eier mit gebackenen Bananen auf Toast, kühler Kaviar und glühend heißer Kaffee. Jetzt kommt die Gemütlichkeit: „Heute gibt es Weihnachtslieder. Hilft alles nichts, da mußte durch.“ Katrin hat ihren Laptop auf dem freien Stuhl plaziert und läßt die erste CD anlaufen: „Let it snow, let it snow, let it snow“, tönt irgend ein flippiger Typ aus dem Off und macht mich damit augenblicklich sauer. Ich komme nämlich gerade vom Schneeschieben. Der Schnee liegt inzwischen einen halben Meter hoch, ich weiß schon nicht mehr, wohin damit, und der frische ist außerdem naß und klumpig und mindestens so schwer wie Blei. Ich bin vollkommen durchgeschwitzt, kriege meine Arme kaum noch hoch und habe große Mühe, mein – ja nun weiß Gott nicht hartes – verlorenes Ei und das Toastbrot zu zerteilen. Das Weihnachtsgejaule geht mir auf den Geist. „Laß es schnein, laß es schnein, laß es schnein!“ äffe ich den Gospelking auf Deutsch nach, „so ein Blödsinn!“ – So! Mir wird schon etwas wohler. Doch Katrin bremst meinen kaum begonnenen Stimmungsaufschwung mit dem erbarmungslos kreuzfidelen Kommentar: „Ach so? Schnee heißt snow? Wußt ich gar nicht. Siehste, das haste davon, daß de Englisch kannst. Ich versteh immer bloß Christmas; find ich voll in Ordnung, das Lied.“
II. Vergessen
Eigentlich hätte ich da oben mit unterbringen können: „Wie ich mir im Schneesturm mein rechtes Ohr erfror“. Ich hatte es mir natürlich nicht erfroren, sondern bloß ein bißchen angefroren, aber das tat auch weh. Es passierte während des ersten großen Schneesturms in diesem Winter. Ich setzte, wie immer, keine Mütze auf, dachte irgendwann auch noch „Mann, das zwiebelt an den Ohren“, aber dann hatte ich mich nicht weiter darum gekümmert. In der Nacht darauf konnte ich nicht schlafen. Immer, wenn ich mich auf die rechte Seite drehte, meldete sich das Ohr mit Nadelstichen. Eine Woche später sah es aus wie ein Salatblatt, weil die Haut sich schälte. Bei der Gelegenheit kam übrigens heraus, daß ich überhaupt keine Wintermütze mehr besaß, denn die war – aus Versehen, weil: „du setzt ja sowieso keine auf“ – im Sommer als Hochwasserhilfe nach Polen gegangen. Inzwischen besitze ich zwei Stück, vom Polenmarkt (Winterhilfe quasi), und setze sie sogar auf; abwechselnd natürlich. Eine ist fürs Schneeschieben und eine ist für „gut“. Mein Ohr krabbelt noch. – Ja, so sind wir Deutschen halt: Opfern uns für unsere Nachbarn auf, und wenn uns dabei die Ohren abfallen.
III. Betriebsunfall am Vierten
Heimchen
Heute haste Glück!
Heim
Wieso?
Heimchen
Leider, leider hab’ ich gestern mein’ Akku niedergemacht ...
Heim
Ja, und?
Heimchen
Da bleibt dir die Partymusik erspart;
sonst hätt’s heute nämlich die Rocky Christmas gegeben;
meine Lieblings-CD.
Heim
Akku sei dank!
Heimchen
Ja, aber Weihnachten bin ich wieder fit!

(12./13. und 19.12.2010)
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