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Die Luder!

Von biF

Ein Verleger ist unter Umständen nützlich. Auch eine Verlegerin kann (Schriftsteller-) Träume wahr machen. Eine attraktive Verlegerin ist ein Gottesgeschenk. Ein solches Geschenk lernte ich vor einigen Jahren kennen. Damals residierte die „Traute“, so dürfen ihre Vertrauten sie nennen, mit ihrem Unternehmen noch zu ebener Erde in einem ehemaligen Ladengeschäft, das sie second hand und unrenoviert übernommen hatte.


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Das Büro trug weder Tür- noch Namensschild, seine Schaufenster trugen keine Gardinen, doch deren Scheiben trugen einen ölig grauen Schleier, der ein wenig verhüllte, was sich in der Dämmerung dahinter verbarg. Eine gewaltige rote Recamiere mit einem halbwüchsigen, echten Dalmatiner dominierte den Raum, der Rest der Möbel verschwand unter Pappe- und Papierbergen, Broschüren, Prospekten, Anwaltsschreiben und Nippes. Nachdem sich meine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten, entdeckte ich sie, malerisch auf das Polster gelagert, ein breites Stirnband und eine schmale Designerbrille in den Farben ihres Kleides tragend, beide abgestimmt auf das Fell des Dalmatiners, – die Sprachen der Welt kennen dafür ein Wort, das mit der Präzision eines Liebespfeils trifft: Mondän. Die meterlange Zigarettenspitze dachte ich mir unwillkürlich hinzu, obwohl ich momentan gar nicht zu sagen wüßte, ob sie überhaupt raucht. Der erste Eindruck war derart überwältigend, daß ich den riesigen Müllhaufen um sie herum plötzlich gar nicht mehr wahrnahm. Für einen mikroskopisch kurzen Moment – natürlich ganz verfehlt – blitzte die Erinnerung an einen Besuch der berühmten Herbertstraße auf, den ich im ersten Nachwendejahr mit einem Verwandten, einem Pinneberger Landrat, unternommen hatte; ich schob sie rasch beiseite. Ein etwas maroder Gartenstuhl erwartete seine Befreiung durch mich, den Besucher, ein darauf plazierter halb voller Aschenbecher verriet, daß sie das Risiko liebt. – Ich hatte meine Traumverlegerin gefunden. Glaubte ich.

Ihr Geschäftsgebaren – ich deute das nur an – bereitet mir gelegentlich Sorgen, aber darauf kommt es bei einer solchen Verlegerin ja gar nicht an. Böse Zungen nennen ihren Königsverlag eine Schrottpresse, denn sie veröffentlicht buchstäblich alles; aber ganz so weit würde ich nicht gehen. Ihre Bücher werden vollökologisch, das heißt digital, gedruckt, von cleveren Praktikanten und -innen handgebunden und über einen, selbstverständlich der Allgemeinheit nützenden, Verein finanziell abgesichert. Um den Verkauf müssen hauptsächlich die Autoren sich kümmern. Derart sind in nicht einmal 20 Jahren bereits über 600 ihrer legendären Editionen erschienen. (Zum Vergleich: Die Eremiten-Presse hat mit der gleichen Anzahl sage und schreibe 60 Jahre vertrödelt!)

Sie vertraut auf ihre blendende Erscheinung und hat sich damit gut beraten. Ihre Autoren tun alles für sie. Sie stunden ihr die Honorare, nehmen ihre (ihre) Bücher, sausen in der Welt herum, um sie zu verkaufen und klagen selten oder nie.

Auch ich war ihr verfallen. Doch dann habe ich sie einmal, ein einziges Mal, nach einem bescheidenen Lohn für meine Arbeit gefragt. Man sollte das bei einer Dame ihres Formats ja eigentlich nicht tun, aber die Verhältnisse – meine – waren damals halt so. Ich tue es auch ganz gewiß nie wieder. Es zerriß mir fast das Herz, als sie, plötzlich sehr traurig, ihre ausdrucksvollen Augen verschattend, mit beinahe verlöschender Stimme gestand: „Ja, wissen Sie – die verkaufen sich nicht!“ Ich verstand. Sie meinte meine Schriften. Seitdem tröste ich mich mit den Worten Epikurs: „Reich ist man nicht durch das, was man besitzt, sondern mehr noch durch das, was man mit Würde zu entbehren weiß“. Dazu stelle ich mir das inzwischen vertraute Bild vor, das Sofa, den Dalmatiner und das sybillinische Geschöpf darauf und wie es sich erhebt, zu einem der Papierstapel schreitet – es sind meine Bücher – und verwundert zu sich spricht: „Die verkaufen sich einfach nicht! Die Luder!“

(20.03.2011)

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