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Dies und das 1

Sieben Kürzestgeschichten mit einem Bonustrack

Illustriert mit neun Ebaypleiten
Von biF und paniH


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1. Kleider machen Leute

Als ich mir den Mantel kaufte, schwante mir schon so was, und nun ist es tatsächlich so gekommen: Ich streite mich mit einer Veramteten herum und versuche, der Frau meine finanzielle Misere klar zu machen. Als die Frau nicht mehr weiter weiß, meint sie, mit einer leichten Kopfbewegung auf meinen Mantel deutend: „Na, so schlecht kann’s Ihnen ja gar nicht gehen“. Was sie nicht weiß: Das Möbel habe ich von der Arbeiterwohlfahrt – „Wool and Cashmere“ von „Bugatti“ mit dem Label des renommierten Görlitzer Modehauses „Schwind’s Erben“, nagelneu. Ganze acht Euro habe ich dafür bezahlt. Ich werde wohl ein paar Löcher hineinreißen und „AWO“ oder „8,00 €“ draufmalen müssen.


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2. ... wo die Blumen sind

Seit ein paar Tagen stellt eine junge Frau ihren Handwagen unter der großen Buche in unserem Garten ab. Mit ihm fährt sie in der Stadt umher und sammelt Altpapier; das Hartz IV reicht nicht, der Freund trinkt. Der Buchbinder am Ortseingang hebt ihr Zeitungen auf, das Reisebüro gibt ihr die schweren alten Kataloge, die bringen was, ein paar Leute sammeln für sie Papier, sie hat auch schon ein paar Stammkunden. Ihr Freund schlägt sie, sie sucht eine Wohnung, oder ein Zimmer, ob denn hier nicht noch was frei wäre, das Haus sieht doch so groß aus. Nein? Schade! Ihre Katze ist aber niedlich. Warum ist die denn so weiß? Sie haben ja sogar Gänseblümchen auf Ihrer Wiese! Die schneiden Sie nicht ab, oder? Das sieht so schön aus. In der Stadt sind gar keine mehr ...


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3. Wie ich in Forst einen Deutschen entdeckte

Ich bin in Forst, beim Gynäkologen. Das heißt – die Schwiegermutter ist im Gynäkologischen. Ich habe sie im Ärztehaus abgesetzt und ziehe nun – zum Zwecke der rechtzeitigen Wiedervereinigung – in halbstündigen Intervallen konzentrische Kreise um die leider handylose Mutter. Am Ende meiner ersten Runde frequentiere ich einen kleinen Wochenmarkt. Kein Marktwetter; keine Leute, nichts los. Die Händler halten sich mit Galgenhumor bei Laune: Vietnamesen, Türken; Türken, Vietnamesen; Vietnamesen und so weiter. Und wie ich gerade so denke: „Gibt’s denn hier gar keine Deutschen?“ entdecke ich ein Bleichgesicht. Das spricht mich auch gleich an: „Du kaufen?“ – Es ist ein Pole.


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4. Widerstand gegen die Staatsgewalt

In Forst gibt es eine Kirche, die wie jede Kirche mit ihren bemerkenswerten Epitaphen für Nekrophile allgemein, und für Liebhaber des Besonderen unter ihnen besonders interessant sein dürfte: In ihr ruht nämlich der berühmte Graf Brühl; ja, genau der; der Brühl, der von dem großen Friedrich zur Schnecke gemacht wurde und der mit der Cosel und dem starken August zusammen in der „Sachsentrilogie“ von Kraszewski vorkommt. Ein zweiter Grund, sich die Kirche anzusehen, aber von außen, ist, daß sie so ziemlich die einzige Kirche sein könnte, die inmitten eines beinahe lupenreinen sozialistischen Neubaugebiets überlebt hat, wären da nicht gegenüber des Haupteingangs noch zwei Bürgerhäuserveteranen aus den 1920er Jahren, die sich ebenfalls trutzig durch die Zeiten behauptet haben. Dissidenten.


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5. Der dicke Lenz

Eigentlich war ich ganz stolz auf meine Neuanschaffung, „Die Erzählungen“ von Siegfried Lenz in einem opulenten Band von knapp 1.600 Seiten, aber – nie wieder kaufe ich mir ein derart dickes Buch! Bis zur Seite 700, so weit bin ich gekommen, hatte ich vom Festhalten – ich lese meist abends im Bett und brauche Abstand zwischen Buch und Bauch – einmal einen Krampf im rechten Daumen, beim Umblättern zweimal fast die Katze erschlagen, und gestern habe ich mir einen Fingernagel abgebrochen, schon, als ich es in die Hand nehmen wollte. Und jetzt ist Schluß. Ich dekoriere damit mein Bücherregal, aber lesen will ich es nicht mehr!


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6. Mein kleiner grüner Kaktus

Wenn ich dich, mein kleiner blühender Kaktus, einem Deutschen zeigen würde, würde er vielleicht erst einmal staunen, aber dann würde er von seinem letzten Urlaub erzählen, und daß er da auf einer Kaktusplantage war, auf der es Tausende Kakteen gab, eine seltener als die andere, und daß die alle blühten, also, so was hast du noch nicht gesehen! – Tja, mein kleiner grüner Kaktus, deshalb erzählen wir gar nicht erst was, sondern blühen schön und freuen uns. Ohne einen Deutschen.


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7. Überfordert

Also, Frau Doktor, ich bin mit der neuen Medizin sehr zufrieden, bloß mit den Augentropfen habe ich ein Problem: Wenn ich die Brille absetze, um die Tropfen ins Auge zu träufeln, sehe ich das kleine Fläschchen nicht mehr; setze ich die Brille auf, sehe ich zwar das Fläschchen, aber die Tropfen platschen auf das Brillenglas. – Wie kriege ich die Dinger denn ins Auge?


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7a. Alle Tage wieder

Familie Weberknecht geht schlafen; die Aquariumlampen springen an; ein Kirschflecksalmler tobt panisch durch die Microsorium-Büschel, ein anderer bohrt seinen Kopf in den Sand; angeklammert an einen kleinen Hornfarn segelt eine Amanogarnele zu Boden; draußen lärmen Amsel, Meise, Spatz und Fink, weil ihr Frühstück sich verspätet; Nachbars Katze plärrt, weil keiner sie beachtet; der Hund bellt, weil die Katze plärrt; die alte Mikrowelle röhrt, die Kaffeemaschine röchelt, das Radio versucht, die beiden zu übertönen; ein Sankra, eine Feuerwehr und eine grüne Minna heulen am Küchenfenster vorbei; sekundiert von einem Laubstaubsauger dröhnt irgendwo eine Motorsäge los; Katrin ahmt eine Tuba nach; ich versuche, Gwen Stefani zu imitieren – die Welt hat uns wieder ...


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(27.05.2011)

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