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Eine kuriose Geschichte

Nicht von Schumann

Von dem Konzertbesucher biF


Aristokratie – Demokratie – Kunst perdu

Hochkulturen gedeihen am besten auf viel Mist; man sieht es auch an den saftigen dicken Tomaten aus dem Öko-Laden. Sie erblühen, indem sie ihr Substrat zersetzen. Abgesehen von dieser fundamentalen Schwäche haben sie einiges Nachahmenswerte hervorgebracht.

Niemand zweifelt daran, daß es sich beim höfischen Barock um eine höchst verfeinerte Kultur handelte, obwohl die Herrschaften soffen wie die Stinte, während es in ihren Schlössern nicht einmal Toiletten gab ... – Ich will das nicht weiter vertiefen, aber in Kulturgeschichten stößt man gelegentlich auf die Anekdote von der alten Gräfin, oder Marquise, die kurz vor ihrem Tode noch einmal das Versailles ihrer wilden Jahre besuchte und fand, daß irgend etwas fehle; in den Gängen rieche es auf einmal ganz anders. „Man denke nicht klein von fließendem Wasser, von heizbaren Häusern und vom WC“, hieß es später.

In alten Schlössern sieht man zuweilen gewaltige, bis an die Decke reichende Kachelöfen mit prachtvoller Bemalung und allen möglichen Schikanen, bei deren Betrachtung einen aber nach einer Weile das Gefühl beschleicht, daß irgend etwas mit ihnen nicht stimmt. Wenn – wenn! – dann der Groschen fällt, ärgert man sich fast, daß man nicht gleich darauf gekommen ist: Sie haben gar keine Feuerlöcher! Wie aber wurden die Dinger denn dann beheizt? Die Erklärung findet sich außerhalb der beheizten Räume. Zwischen zwei Türen, die in aneinander grenzende Gemächer führen, findet sich eine dritte, die eigentlich nirgendwo hin führen dürfte. Nachdem man sie geöffnet hat, stellt sich heraus, daß sie den Zugang zu einem Schlauch verdeckt, der nur wenig breiter als die Tür ist, so tief und so hoch wie die Wände der benachbarten Räume und keine Fenster, sondern lediglich Luftlöcher in Deckenhöhe hat. Von da aus heizten, wie Heinzelmännchen, propere Lakaien die Kolosse, wurden diese mit Frischluft versorgt. Außerdem, weil der Gang ja nun einmal da war, lagerte man darin Heizmaterial und stapelte überflüssigen Hausrat auf, den man so, im Verborgenen, reifen und zur Bezahlung künftiger Erbschaftssteuern Antiquitäten-Status erlangen ließ. Auch später installierte Zentralheizungen wurden verkleidet (daher die ebenfalls multifunktionalen meterbreiten Fensterbretter) und sogar vollkommen unsichtbare Fußbodenheizungen aus Tonröhren, betrieben mit heißem Wasser oder Dampf, hat es hier und da gegeben. Kultur ist nämlich, was man sieht; und das im Dunkeln sieht man nicht.

Küchen, wenn überhaupt welche erhalten blieben, sieht man in Schlössern aus einem anderen, einleuchtenden Grund selten: Damit außer der einen oder anderen Suppe, oder dem Braten, nicht auch noch das ganze Schloß anbrannte, befanden sie sich entweder in einem separaten Gebäude oder sie steckten in einem finsteren, gut ummauerten Kellergewölbe.

So weit muß man heute sicherlich nicht mehr gehen, und selbstverständlich ist eine demokratische Kultur, die auch den BILDungsbürger einschließt, mit dem Barock, sagen wir mal Augusts des Großen, nicht zu vergleichen, aber ein paar bewährte Einrichtungen aus der Welt der steinreichen Ästheten stünden auch ihr gut zu Gesicht.

Ich bin auf das Ganze gekommen, weil ich neulich zu einem Liederabend in einem Bad Muskauer Kulturhotel (das natürlich, wie alles dort, „Fürst Pückler“ heißt) weilte, und zwar gab es da, live and unplugged, Lieder der Romantik, also Musik fürs Herz und die marode moderne Seele. Ich erwischte aber leider einen Sitzplatz, von dem aus ich das Küchenentrée, aus dem unentwegt die handfesteren Kulturbeiträge quollen, bis hin zu den Eingängen der Personaltoiletten überschauen konnte, ja zwanghaft mußte, sobald sich die automatische Tür für die Bedienungen öffnete. Dann nämlich überfielen vagabundierende Bündel gräßlichen grellweißen Neonlichts den sanften, den Saal übergoldenden Kerzenschimmer, eine Küchenkakophonie ergoß sich über die Noten von Schefer, Schubert und Schumann und ein grellgrün leuchtendes Piktogramm signalisierte – anfangs bloß störend, doch zunehmend verlockend – einen „Fluchtweg“. In die zärtliche „Versöhnung“ von Schefer platzte ein verhalten ausgetragener Streit um unsauberes Leergut, in „Das Lied des Schmachtenden“ fielen die klappernden Absätze einer sich langweilenden Büfetteuse ein, die unbedingt ein einzelnes Glas entsorgen mußte, und Schumanns „Kind im Einschlummern“ wurde durch herabfallende Messer und Gabeln aus seinen Träumen gerissen; die Kellner(innen) arbeiteten ja in rembrandtschem Hell-Dunkel ...


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Leonor Fini (1908-1996). Paravent „Metamorphosis of a Woman”. Silkscreens 1-4.
Photo © Gallery of Surrealism, New York.

Es war ein grausames Gemetzel, das – und sei es auch nur provisorisch – mit dem einfachsten Mittel der Welt hätte verhindert werden können: einer „Wand aus Spanium“. Ein altes Schloß, meinetwegen sogar ohne Toiletten, aber mit unsichtbarer Küche, breiten, blumenübersäten Fensterbrettern und vor allem: mit – keinesfalls unsichtbaren! – hübsch uniformierten Heinzelmädchen wäre das Nonplusultra gewesen, denn das Konzert war sehr schön. – Daß die Gäste des Abends en passant vom chef de cuisine begrüßt wurden, der sich währenddessen die Hände an seinem Vorstecker trocknete, die Künstler weder vorgestellt noch (vielleicht mit einem Blumenstrauß) verabschiedet wurden, und daß das Klavier recht „bodenständig gestimmt“ war (wie der Pianist des Abends es formulierte), war zwar weniger störend, doch nichts weniger als schön.

(Am Tag danach, 27. Januar 2011)


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Leonor Fini (1908-1996). „Metamorphosis of a Woman”. Paravent. Silkscreens 3-8.
Photo © Gallery of Surrealism, New York.


Eingesandt von Pfarrer Friedrich Fuchs, Büdingen-Wolf:

Ein Witz, den ich seit Jahren kenne und gerne weitererzähle: Am Neujahrsmorgen bringt der Kammerdiener dem Grafen einen Leuchter mit brennenden Kerzen, wünscht ihm ein gutes neues Jahr und sagt: „Herr Graf, ich habe ihnen hier ein bescheidenes irdisches Licht angezündet; möge unser Herr im Himmel ihnen dereinst das ewige Licht scheinen lassen.“ Daraufhin erhält er zehn Taler. Nachdem er das dem Ofenheizer erzählt hat, sagt dieser zum Grafen: „Ich habe ihnen hier ein bescheidenes irdisches Feuer angezündet; möge unser Herr im Himmel ihnen dereinst das ewige Feuer brennen lassen!“

(Drei Tage danach, 2. März 2011)


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