Der Autor malt eine Katze
oder: „Es“ malt ihm eine Katze
Von biF

Ich hatte von einem Freund, dessen Vater gemalt hatte, eine schöne Staffelei, zwei riesige Paletten und einen Schuhkarton (Größe 46) voller gebrauchter Spachtel, Pinsel und Farben bekommen. Die Pinsel hatten schon Haare und ganze Haarbüschel lassen müssen; ein paar, die sich jedoch bald als äußerst brauchbar erwiesen, sahen nahezu unbrauchbar aus. Bei den schmuddligen, abenteuerlich zerbeulten und zum Teil fast leeren Tuben handelte es sich um Friedensware von BASF. In einigen befanden sich exotische Mischungen wie Indischgelb, von denen ich noch nie gehört hatte. Die Utensilien bewohnten sogar noch einen originalen vielfächerigen, nunmehr über und über bunt gefleckten kleinen Malkasten aus Nußbaumholz, bestückt mit massiven Messingscharnieren und -schließen.
Schon bald besaß ich auch einen Malgrund. Ich hatte ihn nach Doerners „Malmaterial und seine Verwendung im Bilde“ hergerichtet; hatte Knochenleim gekocht, mit Gips und Kreide zu einem dünnflüssigen Brei verrührt, diesen in mehreren Kreuzlagen auf einer Kabakplatte 16 mal 16 Zoll verstrichen und seidenmatt geschmirgelt. Ein Tondo hätte mir auch gefallen, war mir handwerklich jedoch etwas bedenklich erschienen. Beim Malmittel hatte ich mich für das Nelkenöl wegen seiner Trockenzeit von 40 bis 50 Tagen entschieden (das hatte ich in einer „Unter-Leibl“-Biographie gelesen), weil ich nicht so bald damit rechnete, so sichere Striche hinzubekommen wie beispielsweise Giotto Bondone, der freihändig einen exakten Kreis ziehen konnte. Man kann nicht alles können, aber zu helfen muß man sich wissen. Terpentinöl, Putzlappen, Kernseife (zum Pinsel Auswaschen) etc. standen bereit und, nicht unbedingt zum Malen nötig, aber nützlich, ein Kasten Bier und etwas zum Knabbern; was genau, weiß ich nicht mehr. Man achtet angesichts großer Herausforderungen wenig auf solche Nebensächlichkeiten. Vermutlich waren es Erdnüsse. Alles sah sehr zünftig aus und meine Freundinnen staunten. Nun wollte ich etwas Schönes malen.
Es sollte eine puschlige, kuschlige, etwas melancholische Katze werden, schwarz-weiß wie Omas Seppel, mit einer schwarzen Schabracke auf dem Rücken, und darauf sollte ein Kanarienvögelchen sitzen, knallgelb wie eine sizilianische Zitrone, und lustig trällern. Für den Hintergrund hatte ich mir ein zartes Türkis vorgestellt, eins wie jenes auf Lorenzo Costas „Maria der Verkündigung“, einem kleinen, nur 60 x 60 Zentimeter großen Gemälde, das in Dresden im Saal der Sixtinischen Madonna hängt, oder hing; ich war sie schon lange nicht mehr besuchen. Vielleicht hatte ich die Komposition ebenfalls daher, es gibt ja auch so etwas wie das unbewußte Plagiat; aber ich schließe das eigentlich aus, denn während es sich bei der Madonna um ein junges Fräulein und eine fliegende Taube handelt, wollte ich auf meinem Gemälde eine Katze mit einem sitzenden Harzer Roller vereinigen. Im Geiste war mein Bild längst fertig und selbstverständlich traumhaft schön.
Nur: Sowie ich vor meinem Malgrund saß, fühlte ich mich wie gelähmt. Es ist etwas Mystisches um so eine reine weiße Fläche. – Ich könnte jetzt behaupten, daß mir bei ihrem Anblick kluge Gedanken durch die Synapsen strömten, welche um das Jungfräuliche an sich kreisten; um die Unschuld aller Kreatur; um das Verhältnis alles Lebenden zum Mitlebenden; das Ganze ins Kosmische weiten und mich darin verlieren, doch es war ganz einfach so: Ich traute mich nicht. Der Malgrund hatte meine schöpferischen Kräfte absorbiert. Ich vermochte nur noch einen Gedanken wahrhaft zu fassen: In der ersten Linie, die du ziehst, liegt jede weitere unabänderlich beschlossen; nicht anders als im richtigen Leben: Ein Fehltritt, ein Fehlstrich, und ein unbeschriebenes Blatt (Brett) ist verdorben.
(Mir ist das später noch einmal so ergangen. Da hatte ich im „Malkasten“ an der Frauenkirche sage und schreibe fünf große Zinkplatten erwischt. Ich war auf der Durchreise und gar nicht darauf eingerichtet. Man schlug mir die Platten recht ordentlich in Packpapier ein, und damit mußte ich mich kümmern. Die Zinkplatten maßen ebenfalls 60 Zentimeter im Quadrat und ich bin 1,72 groß, das heißt, ich konnte mir die Radierplatten gerade so unter die Arme klemmen, daß ich sie noch mit den Fingerkuppen zu halten vermochte. Zinkplatten sind schwer. Sie schnitten fürchterlich ein, schon beim ersten Zufassen. Ich brauchte Lichtjahre, um in der sengenden Sonne eines Hundstages vom „Malkasten“ bis zum Hauptbahnhof zu kommen. Zu Hause mußte ich die Platten dann natürlich zurechtschneiden, entgraten und polieren – um es kurz zu machen: Als ich sie fertig hatte und losradieren hätte können, waren mir die Dinger so ans Herz gewachsen, daß ich lieber mit den Resten verzinkter und kupferner Klempnerbleche arbeitete, die ich beim Dachdecken der evangelischen Kirche abstauben konnte. Gekauft hatte ich die Zinkplatten Ende der 70er Jahre; als uns die „Wende“ überraschte, besaß ich sie immer noch, und Ende der 90er überließ ich sie, zusammen mit meinem kleinen Kupferdruck-Presselchen und einigem Kleinkram, der Grafikwerkstatt Dresden. Ja, so war das.)
Ja, und um es noch einmal kurz zu machen: Ich raffte mich schließlich auf und skizzierte die Katze, und zwar mit einem Silberstift, wie es sich für einen alten Meister gehört. Gut, es war kein echter Silberstift, sondern ein alter Drehbleistift aus Silber, der in seinem ersten Leben als Buchhalter tätig gewesen war, sozusagen. Ich hatte ihn meiner alten Tante Erna, einer ehemaligen Agentin, einer Versicherungsagentin der „Allianz“, abgeschwatzt. Es dauerte nicht lange, da zeichnete sich bereits die erste Fehlplanung ab. Auf meine großzügig entworfene A2-Kohleskizze, ausgeführt auf blaugrauem Achatpapier, das gleichfalls aus dem „Malkasten“ stammte, hatte der Kanari umstandslos gepaßt. (Diese Vorstudie befindet sich heute in der Sammlung eines bedeutenden Pfarramtes.) Jetzt aber hatte die Katze exakt die Rundungen bekommen, die sie brauchte, um so knuffig zu wirken, wie ich sie haben wollte, und plötzlich war kein Platz mehr für den lustigen Sänger. Ich hätte ihn vielleicht noch hinter der Katze hervorlugen lassen können, aber derart hätte er sicher albern gewirkt und nicht mehr so kameradschaftlich mit dem – ich sag’s mal so – netten Raubtier verbunden; kurzum – es sprachen verschiedene Gründe gegen den Vogel.
Um voranzukommen, ignorierte ich das Ärgernis und fing mit der Untermalung an, hellgrau, ganz schulmäßig. Mit dem Ergebnis konnte ich leben. Die Katze sah fast so aus wie die auf der Kohlezeichnung. Mutig geworden, langte ich zur Farbe und huschte eine Andeutung von Katze mit etwas Hintergrund über die Skizze und siehe da: Das Bild gefiel mir und sogar meinen Freundinnen ausnehmend gut. James Abbot McNeill Whistler hätte es kaum besser hinbekommen. Ich hätte es firnissen und signieren sollen, doch mein künstlerischer Ehrgeiz trieb mich weiter. Er schrie geradezu nach Perfektion. Allerdings hatte sich bereits eine zweite Komplikation angedeutet. Das Türkis war mißraten.
Ich stand vor einem Rätsel. In den nächsten Tagen malte ich weniger – um nicht zu sagen fast gar nicht, oder genau genommen überhaupt nicht mehr – an dem Bilde, sondern mehrere Paletten mit den verschiedensten Blaus und Grüns voll, aber kein einziges ähnelte dem, das zu erzeugen ich mir vorgenommen hatte. Umfragen ergaben, daß sich mein Blau (ob es das Coelin- oder das Preußischblau war, weiß ich nicht mehr) nicht dafür eignete. (Oder war’s das Grün? Egal. Irgend eine Farbe war’s.) Also disponierte ich um. Ich hatte unter anderen nämlich ein zauberhaftes Blaugrün erzeugt, das mir wesentlich besser gefiel als dieses alberne Türkis. Seine Quantität erschien mir ausreichend. Sie genügte leider nicht, ich mußte „stückeln“. Die zweite Mischung geriet ein Müh (μ) anders, auch in der Konsistenz, so daß an der Stelle, an der Alt und Neu aufeinandertrafen, ein Strich entstand, der meine Bildaufteilung störte. Wie und warum das geschah, habe ich nicht ergründen können. Tatsache ist: Lasieren ist schwieriger als man glaubt. Schweren Herzens gab ich die, nun, man kann schon sagen, mittlerweile ja wohl doch etwas antiquierte Technik auf und ging zum mehr oder weniger pastosen Farbauftrag über, zumal sich hier und da kleine Pigmentbuckel gebildet hatten, für die meine antiken Farben verantwortlich zeichneten. Es gelang mir, sehr schöne Farbverläufe zu erzeugen. Dabei lernte ich eine Menge über das Mischen der Farben unmittelbar auf dem Bildträger und gelangte allmählich zu einem nuancenreichen Hintergrund mit einer beeindruckenden Tiefenwirkung, dessen erstaunlichster Effekt darin bestand, daß er an der richtigen Stelle die Farbe von Katzenaugen angenommen hatte. Wie Lichtenberg konnte ich mich nicht genug darüber wundern, daß das Fell meiner Katze Löcher an der Stelle hatte, wo sich ihre Augen befanden. Ich mußte nur mit ein wenig Chromoxydgrün (hell und dunkel) die Rundung der Augäpfel nachmodellieren. So bekam ich die Augen noch vor der Katze. In diesem Stadium sah das Bild tatsächlich wie ein echter Dali aus. Ich hätte es ohne weiteres firnissen, signieren und als solchen verkaufen können, doch das wäre nicht recht gewesen. Außerdem war ich gespannt, wie es mit meiner Malerei weitergehen würde.
Die neue Malweise kam mir auch beim Modellieren des Katzenfells sehr zustatten, denn das Meistern der Übergänge von Schwarz nach Weiß und umgekehrt, verlangt dem Maler ebenfalls einiges ab. Ich hatte mehr Mühe damit als letzten Endes mit dem ganzen Gemälde, muß ich gestehen, und die Katze wurde dabei immer dicker. In der Tiefe, mein’ ich. Die Schwierigkeiten beim Malen des purpurroten Samtkissens, auf dem die Katze sitzen sollte, der Katzenohren, der Nase und des Mundes, wie der weltweise Leopold Schefer gesagt haben würde, übergehe ich. (Aus dem Samt- wurde, weiß der Teufel, wie, ein sehr schönes, leuchtend orangerotes Seidenkissen.) Erwähnen will ich nur, daß ich letzteren (nicht Schefer! den Mund) nach gründlicher Überlegung wegließ. Dafür ausschlaggebend war weniger der Umstand, daß die Katze, einerlei, wie ich ihr die Lefzen bog, grinste wie John Tenniels Edamer Katze in Alices „Wonderland“, als vielmehr der Symbolgehalt dieses Schrittes: Einerseits verstand ich den Verzicht auf die Waffen des Säugers als Reminiszenz an die notgedrungen geopferte pazifistische Grundidee meiner Tierdarstellung (darum auch die friedfertig unter dem Körper zusammengelegten Pfötchen, oder Hände, wie Leopold Schefer sie genannt haben würde), andererseits stand sie für die Sprachlosigkeit der leidenden Kreatur in einer menschgemachten – aber das führt jetzt zu weit.
Während alledem hatten meine Gedanken natürlich keinen Augenblick geruht, um eine Lösung für jene Fläche zu finden, die ich ursprünglich mit einem gelben Vogel hatte besetzen wollen. Es hatte ja ohnehin einiges anders werden müssen, als ich es vorgesehen hatte, und so fiel es mir nicht schwer, eine gänzlich neue Lösung zu finden: Ich setzte Modeschmuck ein. So schuf ich mit Hilfe spartanischer Mittel ein sogenanntes „Vanitas-Bild“, gelangte ich von einer banalen „Aussöhnung der Gegensätze“ zu einer konkret-menschlichen Aussage. Ich begann mit einer farbenfrohen Halskette aus winzigen venezianischen Glasperlen, wie sie im Biedermeier auf Handtaschen gestickt wurden, oder von den Indianern auf Tabaksbeutel; fügte ihr eine silberne Kette mit drei großen korallenroten Kugeln hinzu und komplettierte das Arrangement mit einem Goldkettchen, an dem bedeutungsschwanger ein Kreuzchen baumelt. Nach anderthalb Stunden hatte ich den Schnickschnack fertig.
Das frappierte mich. Hatte ich beim Schattieren der Katze und dem Stricheln ihrer Barthaare (dabei hatte sich übrigens der schäbigste Pinsel bestens bewährt) schon die Überraschung erlebt, daß man mit dem „schlampigen“ Eine-Farbe-in-die-andere-Ziehen die schönsten Übergänge hinbekommt, so staunte ich nun, wie einfach etwas Goldenes zu malen ist. Ein bißchen Chromgelb hell, ein bißchen Chromgelb dunkel und „Umbra, Ocker, Englischrot, hilft dem Maler aus der Not“ – sagt, grammatikalisch nicht ganz korrekt, mein Freund, ein Kunstwissenschaftler. Das Schattieren der Perlen getraue ich mich fast nicht zu beschreiben, so leicht ging das. Da die Perlen, Stück für Stück aufgetupft, eine reliefartige Schnur bilden, brauchte ich bloß mit dem zähflüssig angemischten „Schatten“ daran entlang zu rubbeln und anschließend die überflüssige Farbe wieder abzutupfen. Um so deprimierender war es nachher jedesmal zu erleben, daß alle sich zuerst auf diesen Trompe-l’œil-Firlefanz stürzten und sich kaum einkriegen konnten „wie toll das gemacht ist, wie echt!“ – Aber „die Katze sieht ja bißchen aus wie ’ne Porzellankatze ...“ – Dilettanten!
Wer das Werden meines Kunstwerks aufmerksam verfolgt hat, wird bemerkt haben, daß noch etwas fehlt, und zwar das Wichtigste: Die Lichter! Damit meine ich nicht die Augen (die heißen bloß bei den Rehen so), obwohl auch gleich von den Augen der Katze die Rede sein wird, sondern die Komplementäre der Schatten. Also, Blasen an die Finger habe ich mir deswegen nicht gemalt. Aber die Nerven! Bijouterie und Katzenfell waren schnell abgehakt, die Augen blieben leer. Tagelang bin ich um die Katze herumgeschlichen, ständig mit der Angst im Nacken, mit einem einzigen unbedachten Pinselstrich alles zu verderben. Nach etwa vierzehn Tagen hatte ich genug gelitten, die große Stunde des Bierkastens war gekommen. Ich soff mir einen an, spickte einen Pinsel Nr. 2 in die Titanweißtube, verpaßte den Katzenaugen je ein Komma und legte mich schlafen. Als meine Augen sich anderntags wieder dem Bilde zuwandten, erblickten sie ein Wunder: Die Katze schaute mir von oben herab direkt in die Augen: „Guten Morgen, Meister“. Sie sah phantastisch aus.
In den nächsten Tagen verließ ich das Haus nur in dringenden Angelegenheiten, denn ich hatte von früh bis spät alle Hände voll zu tun; schleppte meine Staffelei mit dem Bild oder das Bild ohne die Staffelei von einem Zimmer ins andere und blickte meiner Katze aus allen möglichen Winkeln „verliebt, verlobt, verheiratet“ in ihre schönen Augen. Dabei hörte ich einen Museumsführer, oder vielmehr eine Führerin, eine hübsche kleine Kunststudentin in einem ganz, ganz kurzen Röckchen (einem kleinkarierten, um genau zu sein) in gar nicht allzu ferner Zukunft sagen: „Und nun, meine Damen und Herren, kommen wir zum Höhepunkt unseres Rundgangs, der Katze des genialen oberlausitz-niederschlesischen Künstlers Bernd-Ingo Friedrich“ und so weiter – „schauen Sie ihr in ihre geheimnisvollen grünen Augen und wechseln Sie ihren Standort; Sie werden sehen: sie schaut Sie unverwandt an, gleich, an welchem Punkt des Raumes Sie sich befinden. Ist das nicht wunderbar?“ – Nun ja, auch in dieser Hinsicht entwickelten sich die Dinge anders. Aber das ist eine andere Geschichte.
(09.01.2012 zwischen 11 und 19 Uhr)

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