Der Autor zeichnet sich selbst
oder: Der Kaiser von China
Von biF

So also sieht das neue Leben aus: Die alte Bude mit neuen Tapeten. Der Zwiespalt zwischen einer schönen Wohnung und guten Arbeitsbedingungen – das eine ist für mich so wichtig wie das andere – existiert noch nicht. In der Stube befinden sich ein Tisch und ein Stuhl, das Bett bzw. ein altes Sofa steht in der Kammer. Die Küche sieht noch immer so aus, wie Elke sie eingerichtet hatte. Es zieht ein bißchen in der Magengrube, wenn ich an sie denke. Ich habe noch keine Lust, mich um die Einrichtung zu kümmern, weil ich dazu auch zur Petra müßte. Was mir der Vater schon zurechtgemacht hat, ist das Mal- und Zeichenzeug. Ich hefte ein Blatt Papier mit Stecknadeln an die Tapete und fange ein Selbstporträt an, erst einmal mit Bleistift. Jedes Jahr ein Selbstporträt – Rembrandt hat das gemacht; chronique scandaleuse ...
Ich vermassele vier Blättern Achatpapier die Chance auf Unsterblichkeit, bevor sich befriedigende Konturen entwickeln. Ich gehe zur Zeichenkohle über. Das Zeug war wohl ursprünglich für den Grill gedacht, denn einmal gibt es einen Strich, ein andermal keinen; furchtbar krümeln tut es aber in jedem Fall. Mir bleibt nichts anderes übrig – ich muß die gute tschechische Kohle nehmen. Nach gut sieben Stunden Schinderei sind meine Nase und die Dielen unter dem Porträt schwarz und ich bin mit dem Ergebnis meiner Session halbwegs zufrieden. Irgend etwas stimmt noch immer nicht, aber es hat keinen Zweck mehr, daran herum zu pfriemeln. Tante Erna kommt sich erkundigen, ob mir irgend etwas fehle. Wenn die wüßte – sie würde wohl gar nicht erst fragen. Sie entdeckt meine Zeichnung, sieht mich an und wieder das Bild und fragt vorsichtshalber: „Wer ist das denn?“ – „Ja, was denkste denn?“ Tante Erna ist etwas verunsichert – sie will sich nicht in die Nesseln setzen – und erwidert lachend: „Der Kaiser von China?“ – Na prina!
(26.04.2008)
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen