Was man mit 345 Euro anfangen kann?
Gute Frage
von biF
Daß wir angeblich in einer Neidgesellschaft leben kann aber auch bedeuten, daß sich in einem aufgeklärteren Teil des Abendlandes die Erkenntnis durchsetzt, daß viele nicht verdienen, was sie den anderen stehlen. (biF 2004)

Die Claudia Schiffer haben sie einmal gefragt – als man die Claudia so was fragte, herrschte
in Deutschland noch die D-Mark – was sie mit einem Hunderter machen würde. Das blonde
Girly im besten Model-Verdienstzeitalter war ob der Frage ganz verdutzt und meinte etwas
ratlos: „Ein Hunderter? Aber dafür krieg ich ja nicht mal ein richtiges T-Shirt!" Wohlgemerkt:
ein richtiges! Denn wenn man Glück hat, kann man schon für einen Euro eins in der
Krabbelkiste vom „Pfennigpfeifer" finden, und das hält gut drei Jahre - wenn man es nicht zu
oft wäscht.
Aber jetzt geht es um 345 Euro. Die Zahl sieht etwas seltsam aus, zumal für einen Politiker,
der nur mit Nullen am Ende rechnet, aber sie ist wissenschaftlich ermittelt. Nichts zu machen.
Wir müssen damit rechnen. Also, ein Mensch hat 345 Euro, Miete und BNK sind bezahlt.
Lebensmittel, Klamotten und andere "Essentials" setzen wir ganz unten an, siehe oben - Stichwort T-Shirt - und sagen
einmal, dafür reicht es. Unser Mensch hat aber kulturelle Anspruche, ist geselligen Charakters
und würde gern „mitreden" wollen. Und da sehen wir mal. Setzen wir einfach ein paar Preise
hierher:
Einmal Berlin, Kunst kucken, oder was anderes, kostet ihn die Bahnfahrt ungefähr 45 Euro -
jedenfalls heute, wo ich diese Rechnung mache. Bleiben wir einmal bei der Kunst: die
Nationalgalerie kostet 8 Euro, ein Espresso in der Cafeteria kostet zwei. Ein Katalog der
aktuellen Ausstellung kostet 98 Euro. Weil der Katalog so teuer war, gibt's zu Mittag bloß
einen Döner am Stand für 3,50. Weil's jetzt Winter ist, saukalt und der Wind so eisig, holt
sich der Mensch eine Grippe. Weil er sich den Arzt sparen will, versucht er, sich zu Hause
selber auszukurieren, aber das geht schief. Er landet mit Verdacht auf Lungenentzündung im
Spital. Ein Tag im Krankenhaus kostet 10 Euro, ein durchschnittlicher Krankenhausaufenthalt
dauert neun Tage, also kostet ihn das bis zum Erreichen der Belastungsgrenze von 2% seines
Bruttoeinkommens genau 82,80 Euro. Das macht zusammen mit dem Hustensaft und den
Spalttabletten, die er sich zuvor - umsonst - gekauft hatte, runde hundert.
Wir rechnen zusammen: 45 + 8 + 2 + 98 + 3,50 +100 = 256,50. Also würden uns für die
elementaren Bedürfnisse Essen, Trinken, Kleidung und Geschenke für das Enkelchen (zum
Beispiel) gerade noch 88,50 bleiben, 22,13 die Woche. Rembrandt gestrichen. Den Katalog
könnte man natürlich weglassen. Auch ist es nicht zwingend, daß man nach dem Besuch der
Nationalgalerie im Krankenhaus landet, zumal im Sommer. Aber wir lassen diesen Posten
deshalb in der Rechnung, weil der Mensch die 88,50 sowieso los wird, wenn er regelmäßig
zum Zahnarzt geht, zur sonstigen Vorsorge, oder im Winter einfach deshalb krank wird, weil
er versucht, in seiner schlecht isolierten Sozialwohnung ein wenig an den Heizkosten zu
sparen. In den übrigen Monaten gibt es garantiert ähnliche Katastrophen, wie eine
Waschmaschinenreparatur, ein geklautes Fahrrad und keine Versicherung usw. Hier befindet
sich auch unser 345-Euro-Bezieher in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Versuchen wir es mit etwas anderem. Das örtliche Kino ist seit Jahren geschlossen, und wenn
sich die Bundesbürger ausnahmsweise einmal in etwas einig sind, dann darin, daß man das
Fernsehen nur vergessen kann. Also Oper. Das nächste Theater ist 50 Kilometer entfernt, das
erfordert eine Bahnfahrkarte von ca. 15 Euro. Vom Bahnhof zum Theater wird gelaufen, der
Schirm ist zwar dabei, aber die Gefahr der Erkältung ist jahreszeitlich auch hier gegeben. Die
billigste Karte kostet 12 Euro. Doch da fällt uns ein, daß unser 1-Euro-T-Shirt zwar noch ganz
ordentlich aussieht, daß man sich aber nicht gern mit der Jogginghose ins Theater setzen
möchte. Für einen Anzug reicht es diesen Monat nicht mehr, weil wir schon krank waren. Wir
streichen den Theaterbesuch wegen mangelhafter Ausrüstung.
In anderen Genres sieht es nicht viel besser aus. Die Karten für ein Rolling-Stones-Konzert
kosten zwischen 80 und 140 Euro, Robbie Williams um die 80, die drei Tenöre wollen nicht
ganz so viel; dann noch Hin- und Rückfahrt und/ oder Übernachtung usw. .... Eine CD kostet
zwischen 10 und 40, eine belletristische Neuerscheinung um die 30, "Harry Potter" 39,90. Der
neueste Arno Schmidt, "Lesungen, Interviews, Umfragen", kostet glatte 128 Euro, "Buchkunst
und Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert" von Lothar Lang 198. Also doch Fernsehen mit
Merkel, Putin, Busch und Schröder – der kriegt jetzt übrigens 1 Million für das Breittratschen
von Betriebsinterna und verkauft den Stuß auch noch als Buch für 25 Euro! Wer sich das mal
überlegt und dabei nicht zum Amokläufer wird, muß charakterlich schon sehr gefestigt sein.
Und allmählich dämmert uns, daß wir, genau wie damals die Claudia, mit einem Hunderter
gar nicht viel anfangen können, nur aus einem anderen Grund.
(2007)

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