Wie ich zweimal Wessi war
und wieder Ossi wurde
von biF
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Also. Ich war zweimal Wessi: das eine mal zu Hause, im eigenen Osten, das andere Mal vor Ort. Im
Osten war das Wessi-Sein schöner. Ich hatte gleich nach der Wende meinen gehaßten Job
hingeschmissen und war auf Wanderschaft gegangen. Ich verdingte mich als freischaffender
Bademeister in zwei Ferienlager und versuchte von da aus, Fäden zu verschiedenen
Druckereien und Werbefirmen zu ziehen, da lernte ich einen Vertreter für Großküchen und
Küchengeräte kennen. Der hieß Detlef Hoffmann, kam aus Westberlin und war ein Urvieh mit
einem genau so urigen Neufundländer, der jeden um den Finger wickeln konnte. Für den zog
ich erst einmal los und machte die Zittauer Gegend unsicher, schön weit weg von zu Hause,
denn ich fand den Job eigentlich peinlich. Ich wußte kaum, was ich da verkaufte, tat aber,
als hätte ich jahrelang Töpfe und Tiegel studiert. Ich bin auch nie aufgeflogen. Die Sache mit dem Detlef ging trotzdem schief. Als ich nach einem Vierteljahr meine erste Provisionsabrechnung erhielt und durchrechnete, kam schnell ans Licht, daß ich binnen kurzem mein Erspartes aufgebraucht haben würde, wenn ich mit dieser Firma weitermachte. Also beendete ich umgehend meine erste ausländische Geschäftspartnerschaft.
Dann kam
mein Cousin - ein ganz großer Schlingel - aus dem berüchtigten Pinneberg. Der ernannte mich
mit Hilfe einer fix gedruckten Visitenkarte zum Geschäftsführer der ebenso fix gegründeten
Firma MediServ. Die Firma - das war ich. Nun vertrieb ich auch noch medizinische Geräte,
die ich nie gesehen hatte, ebenfalls mit Erfolg. Dann wurde ich, wieder vermöge einer
simplen Visitenkarte, Mitarbeiter der Firma DTT Datacontrol GmbH & CO KG mit Sitz in
der Schweiz. Meine Aufgabe bestand nun darin, die Inhaber von Telex-Anschlüssen (Fax war
schon auf dem Vormarsch!) zu möglichst seitengroßen Einträgen im Telexverzeichnis dieser
Firma zu überreden. Das machte anfangs riesigen Spaß und brachte eine Menge Geld ein –
wenn ich Glück hatte. Das war mir schon nicht mehr so peinlich, denn die von mir
bearbeiteten Ossis verdienten es nicht anders.
Was mir half, war nämlich der weit
verbreitete Irrglaube, man könne aus Äußerlichkeiten auf den ganzen Menschen schließen. Mein Cousin hatte mich bei Pieck & Cloppenburg auf dem Ku'damm in Berlin (W)
erst einmal toll kostümiert, auf meine Kosten, versteht sich. Ich trug zum ersten mal seit der
Jugendweihe wieder einen Anzug. Allein mein Schlips kostete 73 DM. Das machte schon
Eindruck. Aber sowie ich meine Visitenkarte zog, wurde mein Auftritt zur Zaubernummer.
Die Chef-Sekretärinnen, mit denen ich immer zuerst zu tun hatte, verwandelten sich auf der
Stelle von Zerbe-Russen in handzahme Mädchen, und ich wurde beknickst und bekocht und
unterhalten wie einer von Adel. Wenn ich dann zum Geschäftsführer oder Prokuristen kam,
war ich ein anderer Mensch. Hatte ich noch auf dem Wege in meinem Trabbi gekocht, vor
Hitze und vor Wut über die bescheuerte Ausschilderung überall, war ich nun locker und
gelöst und entwickelte einen Charme, wie ich ihn zuletzt in meiner Sturm- und Drangzeit zu
dem gewissen anderen Zweck versprüht hatte. Ich, mein Anzug und mein Charme – wir
verdienten fabelhaft. Das Geschäft ging eine zeitlang gut, dann verebbte es in dem Maße, wie
man nicht mehr an die Geschäftsführer herankam, weil die alle im Westen saßen. Das
definitive Ende meiner (ersten) Karriere als Wessi läutete jedoch die folgende Episode ein.
DTT hatte einen mächtigen Konkurrenten: Jaeger & Waldmann. Die waren meist schon vor
mir da, und hatte eine Firma diese Telefon-Telex-Telefaxverzeichnisse, brauchte sie
eigentlich keine anderen mehr. Dann gab es noch ein, zwei oder drei kleine Unternehmen, die
auch mit solchen Büchern unterwegs waren. Eines Tages geriet ich irgendwo bei Ebersbach in
eine bemitleidenswert heruntergekommene Bude, in der lauter Frauen Wachstuch, Planen und
solche Sachen herstellten. Schrecklich gern würde ich jetzt, an dieser Stelle, bei den Mädels
um Nachsicht für meine damalige, nun folgende Unverfrorenheit werben, aber ich weiß den
Namen des Nestes und der Firma wirklich nicht mehr; - außerdem fürchte ich, haben die auch
den Dr. Kohl gewählt, und ich würde bei den Falschen auf die Knie fallen, - also ich geriet in
diese Bude. Die Geschäftsführer waren abwesend, hatten aber eine junge Frau mit Prokura
ausgestattet, und die war da. Sie nahm mich mit in ihr Büro, und da standen sie schon alle: J
& W, DT, zwei oder drei andere, und nun war ich da, der letzte in der Runde. Ich tat, als sähe
ich die dicken Bände nicht, trug meine Rede vor und präparierte währenddessen meinen
Auftragsblock. Die junge Frau wies auf die bereits vorhandenen Nachschlagewerke hin
und bat mich, ich möge ihr bitte ganz ehrlich sagen, ob man die wirklich alle haben müsse.
Offenbar fand sie mich vertrauenswürdig. Was sollte ich tun? Ich war eine ganze Woche lang
kreuz und quer durch die Oberlausitz gefahren, hatte Benzin verbraucht, mich ernährt,
Pensionen behaust, eine Panne gehabt – und nicht einen Abschluß. Ich schwankte, ich
schwöre es. Doch dann siegte das Schwein im Vertreter. Ich bejahte, verklärte insbesondere
den Wert meines eigenen Exemplars, und verkaufte ihr das fünfte oder sechste Telefonbuch.
Also: selbst wenn sie den Kohl gewählt hat – ich schäme mich noch heute ganz entsetzlich,
wenn ich an die Geschichte denke, und ich entschuldige mich hiermit gern bei der naiven
Unbekannten. Ich wünsche ihr von Herzen einen tollen 1-Euro-Job! Ich hatte einen Knacks
weg, die Bedenken mehrten sich, und meine Glaubwürdigkeit schwand im gleichen Maße.
Und schließlich ging die Angeberei auch einmal schief. In Bernsdorf gab es damals (oder
gibt's vielleicht noch) in einer Straßengabelung eine Metall-Bude. Die steuerte ich an und
suchte mir zunächst, wie immer, für meinen alten Trabbi einen möglichst abgelegenen
Parkplatz. Den hatte ich diesmal besonders nötig. Ich hatte mich die Woche über in Dresden
eingemietet und hatte am Morgen das Autochen für die Heimreise beladen. Die Kofferklappe
stand offen. Der Trabi war ein Kombi. Der Ossi kennt den Trabbi. Die anderen würden meine
Beschreibung des Schließmechanismus' der Kofferklappe sowieso nicht verstehen, also spare
ich mir das. Der Mechanismus hing wieder einmal. Es war Februar, saukalt, und das Material
war spröde. Ich schwenkte die Klappe auf und ab, in der Gewißheit, daß der Riegel
irgendwann tun würde, wozu man ihn konstruiert hatte, da gab es einen Ruck, es riß mir den
Arm nach unten, und ich hatte die Klappe in der Hand. Die Scharniere waren gebrochen. Zum
Glück wohnte ich bei pfiffigen Leuten. Wir befestigten die Scharniere provisorisch mit Hilfe
von Splinten und sicherten die Klappe zusätzlich mit Draht. Diesen Draht, mehrere Meter
lang, zogen wir um das ganze Auto herum, also von der Kofferklappe über Fahrzeugboden,
Motorhaube, Frontscheibe und Dach wieder nach hinten und zwirbelten ihn auf der
Kofferklappe zusammen. Anders ging es nicht. Ich fuhr umher wie in einer Pralinenschachtel.
Zurück nach Bernsdorf. Diesmal war das Parken nicht so einfach. Ich hatte eine Runde um
den Betrieb gedreht. Hinein konnte ich nicht, mit dem Auto. Das Objekt meiner Begierde befand sich in der
Gabelung zwischen zwei Straßen, und ich vermutete die Geschäftsleitung in den vorderen, am
besten aussehenden Gebäuden. Also parkte ich den Trabi auf der Straße, die an ein paar
schäbige Baracken grenzte. Ich fand den Geschäftsführer auf Anhieb, überreichte ihm mein
Schweizer Kärtchen und erhandelte binnen kurzem eine Anzeige und den Vertretertraum -
einen Barscheck. Der Metaller gab ihn mir und meinte dazu feixend, vielleicht würde es damit
ja bald zu einem richtigen Auto reichen und zeigte aus seinem Fenster. Da stand meine
Praline. Ich war also bei meinem Zickzack durch die Bürogebäude quer durch den Betrieb
gelaufen bis in das Büro neben der schäbigen Baracke, die meinem Trabbi Schatten spendete.
Selten so gelacht. Besonders der Geschäftsführer.
Wessi im Westen war nicht so toll, weil ich im Westen ja der Ossi war. Ich trug auch eine
Ossi-Plakette. Die hatte ich aus dem Meereskundemuseum in Stralsund. Irgendwann in den
Achtzigern hatten sie die dort gemacht, um mit dem Verkauf Spendengelder für einen
gestrandeten Wal zu bekommen. Den Wal nannten sie Ossi. Seltsamerweise war der Wal, der
ja auf dem Trockenen saß, auf der Plakette als ein walunähnliches Unikum abgebildet, das bis
zum Hals im Wasser stand, und dem das Wasser aus den Ohren kam. Damals gingen die
Dinger wohl nicht so gut, aber nach der Wende paßte das perfekt auf die Ossis, und die übrig
gebliebenen Wal-Plaketten wurden zum Renner. Dieses Abzeichen trug ich am Revers
durchs Schwabenland. Das führte zu einigen netten Bekanntschaften, die ich ohne es nicht
gemacht hätte. Die Schwaben stutzten erst einmal, guckten mich an, ich grinste, sie lachten,
und dann kam unweigerlich die Frage: „Kommet se aus de Oschte?" Dann gab eins das
andere, und manchmal landeten wir sogar noch bei einem Esslinger Viertel. Das war natürlich
angenehm, aber alles andere war leider nicht so erfreulich.
(2005, überarbeitet 2007)
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