Was macht denn bloß der Ackermann
mit dem vielen Gelde
von biF
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Du musst verstehn!/ Aus Eins mach Zehn,/ Und Zwei laß gehen,/ Und Drei mach' gleich,/ So bist du reich./ Verlier' die Vier,/ Aus Fünf und Sechs,/ So sagt die Hex',/ Mach' Sieben und Acht,/ So ist's vollbracht:/ Und Neun ist Eins,/ Und Zehn ist keins./ Das ist das Hexen- Einmal-Eins!/ Von Johann Wolfgang von Goethe.

„Es gibt Tage, von denen wir sagen werden, sie haben uns nicht gefallen." Das steht wohl so
irgendwo in der Aula von Kant - dem anderen, dem Hermann. Solche Tage häufen sich bei
mir. Es sind vor allem die Tage, an denen im Briefkasten nur Rechnungen und Mahnungen
liegen. Nie hätte ich mir träumen lassen, daß mein kleiner Briefkasten, der mich in besseren
Tagen mit Liebesbriefen und der Post von Freunden erfreute, einmal zu meinen besten
Feinden zählen und mir seine große Klappe ungeöffnet am liebsten sein würde. An solchen
„Rechnungs"-Tagen setze ich mich zuweilen hin und überdenke den Kreislauf meines eigenen
Lebens, der darin besteht, daß ich mir Bücher und Zeitschriften kaufe, um wieder Bücher und
Beiträge für Zeitschriften schreiben zu können, weil mich eine Invalidenrente dazu zwingt,
die nur den ersten Teil ihres Namens zu Recht trägt. Ich sehe mir die vor mir liegenden
Rechnungen an: runde 150 Euro Tierarzt, 98 Kfz-Steuer, ermäßigt, und zufällig auch - weil
gerade Dezember ist - die Vorauszahlungen für Medikamente, Verbandsmaterial etc. zum
Vorzugstarif für den chronisch kranken Menschen von rund 90 Euro. Des weiteren steht eine
Autoreparatur an, ca. – na ja, lieber nicht daran denken ... Zu guter Letzt müßte auch noch der
Zahnarzt 240 für einen Stiftzahn kriegen. Aber das lasse ich wohl lieber sein, denn was nützen
mir die tollen Zähne, wenn ich denen nichts Ordentliches mehr bieten kann. Und dann frage
ich mich, ob es sich denn überhaupt noch lohnt, sich tagelang mit anspruchsvollen Artikeln
herumzuschinden, die allenfalls zwischen 50 und 100 Euro einbringen. Vielleicht. Wenn sie
gedruckt werden. Aber schon der Pückler - auch ein Hermann, ein „von" allerdings - stellte
seinerzeit resigniert fest, daß in der künftigen Welt mit jedem Tag ganz notwendig immer
ärmer wird, wer nichts dazu verdient. Dabei war es damals mit dem Kapitalismus gerade erst
losgegangen; und der Mann war weder Rentner noch arm dran. Und dann überlege ich mir:
was macht denn bloß der Ackermann mit seinem vielen Geld?! Was könnte ich damit
machen? Der hat nun also 12 Millionen im Jahr, mit "Schmankerln" sogar zwanzig; aber bleiben wir mal bei den 12 - macht eine Million im Monat. Und weil mich immer
die Dummköpfe so aufregen, die mir unter die Nase reiben, wie gut es mir doch geht, seit ich
Bundesbürger bin, weil ich die neue Niere habe, so gut versorgt bin, und überhaupt, bezahle ich von meiner Million erst einmal die Niere selber: 50.000. Bleiben übrig:
950.000. Das Krankenhaus, einen Monat lang, sagen wir mal geschätzte 50.000 inklusive
Trinkgelder und Geschenke für des Personal, bezahle ich auch selber. Bleiben 900.000. Dann
kaufe ich mir ein neues Auto, nicht das schlechteste, für sagen wir mal 50.000, bleiben
850.000. Für das Leben nach Miete, Heizung, Wasser, Strom usw., also für Butter, Brot und
Pampelmusen und so – Bücher - bin ich jetzt einfach mal großzügig; lange genug habe ich mit
Zehnern und Zwanzigern herumgeknapst. Ich gönne mir, und künftig jeden Monat, einen
glatten Tausender. Summa summarum. Damit bin ich, so in etwa, beim statistischen
Durchschnittsverdiener Ost. Im Vergleich zum Status quo verfüge ich damit über mehr als das
Doppelte - ein Vermögen. Der Ackermann würde sich darüber zwar bestimmt kaputt lachen,
aber soll er man; ist ja schließlich mein Geld! Ich habe nun also noch 848.500. Diesen
„Rest" – man weiß ja nie – lege ich auf die hohe Kante. Ich schaffe mir ein „Goldenes
Sparbuch" an, das bringt im ersten Jahr 1,25 %, macht im ersten Monat schon mal 883,85, die
ich gleich wieder reinhabe – die Miete quasi, und noch ein bißchen mehr; mehr als meine
ganze Rente. Im Februar trudelt wieder eine Million ein, von der bleiben, weil ich ja Niere
und Auto nun schon habe, 948.500; die Ausgaben für das Gesundheitswesen plane ich
vorsichtshalber trotzdem ein. Und weil das jetzt jeden Monat so geht, habe ich nach einem
Jahr 848.500 plus 11 x 948.500 = 11.282.500 Euro, für die ich 141.025 Euro Zinsen kriege,
fast 12.000 pro Monat. Bei meiner Rechnung habe ich zwar, der Einfachheit halber, Brutto für
Netto genommen, aber selbst wenn ich bloß mit der Hälfte weiterrechne, könnte ich von dem,
was mir an Zinsen zuwächst, ein halbes Dutzend Hartz IV-Empfänger privat mit
durchschleppen und würde es nicht einmal merken. Und egal, was da noch an neoliberalen
Vorzugssteuern abgeht - ich kann machen, was ich will: ich werde um's Verrecken nicht
ärmer. Im Gegenteil. Und dann denke ich immer: so was kann ja überhaupt nicht sein, das ist
ja irrational, warum geb' ich mich denn überhaupt mit so was ab? Und dann setze ich mich
wieder hin, laß den Ackermann Ackermann sein und denke lieber darüber nach, wie ich das
denn nun am besten anstelle mit der Tierarztrechnung, der Steuer, den Zuzahlungen, dem
Auto, und ob ich mir diesen Monat noch das neue Heimatbuch leisten kann oder erst im
nächsten. Gesetzt den Fall, der Briefkasten spinnt nicht wieder.

P.S.
Ackermann spricht „Wer viel leistet, soll viel bekommen, wer nichts leistet, soll nichts bekommen“ und rechtfertigt seine exorbitanten Bezüge mit dem Hinweis auf seine Fähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung treffen zu können. (3sat, 26.2.2006)
Der Mann verwechselt die Leistungsfähigkeit des ihm anvertrauten Apparats mit seiner eigenen, denn ein Busfahrer tut tagtäglich dasselbe, kriegt dafür vielleicht ein Zehntausendstel des Ackermann-Profits, sieht nach vierzig Arbeitsjahren aber wesentlich schlechter aus.
(2006)

P.P.S. Die Geschichte da oben ist fein ersonnen und ausgesponnen, aber sie ist schlecht. Warum ist sie schlecht? Weil sie im Kopf des Lesers kein Bild erzeugt! Sie steckt voller Zahlen und zieht, schon optisch, höchstens Mathematiker an, aber die interessiert das Problem an sich wieder nicht; sind ja schließlich „Experten“. Deshalb illustrieren wir die Geschichte jetzt mit der folgenden, kleinen Betrachtung:
Wir versetzen uns in die Wiege der Menschheit und stellen uns vor, eine Australopitheken-Horde hätte es satt gehabt, immer nur Eichhörnchen zu rösten und Bucheckern zu knabbern, und so hätte sie eins ihrer fähigsten Mitglieder reichlich mit Vorräten und Geschenken versehen und zu den Cro Magnons geschickt, um die Mammutjagd zu erlernen. Der Auserwählte kehrt eines Tages als Experte für die Großwildjagd zurück und organisiert erfolgreich die erste Hatz. Die Horde steht nun staunend um den Fleischberg herum, die Eckzähne tropfen, und da erklärt der Experte, weil man die Beute ja offensichtlich seinem Knowhow verdanke, würde er sich erst einmal die Hälfte des Mammuts abschneiden - die besten Teile, versteht sich; den Rest könne man dann aufteilen, und wenn nicht genügend übrig sei für alle, müßten sie halt noch ein Weilchen hungern, oder, so vorhanden – die normale Lebensmittelbeschaffung hatte während der Mammuthatz ja nicht stattgefunden – ein paar Vorräte aufessen.
Es steht so fest wie der Fels, von dem aus die Horde das Mammut erschlug: Die Horde hätte auch diesen Manager erschlagen. Die Urmenschen verfügten nämlich noch über gesunde Instinkte und empfanden Unverschämtheiten als Unverschämtheiten; allerdings hatten sie eben auch ganz andere Möglichkeiten, solche Allüren im Keim zu ersticken. Und: sie waren noch nicht so degeneriert und dressiert wie die heutigen, denen die fürchterlichen Metzeleien der herrschenden Unmenschen nach jeder verunglückten Revolte – denken wir nur an den Bauernkrieg – nachhaltig in den Knochen stecken. So sieht’s aus, Freunde!
(2008)



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