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Wie ich meine Kolumne verlor

von Bernd-Ingo Friedrich



Eines Tages trug man mir an, regelmäßig eine Kolumne für den Kulturkalender der „Turmvilla“ in Bad Muskau zu schreiben. Meine erste Kolumne befasste sich mit der peinlichen Endlos-Tragödie der deutschen Rechtschreibreform. Sie wurde gedruckt. In der zweiten widmete ich mich dem Thema Beamtenwillkür. Sie wurde abgelehnt – zu wenig Optimismus. Daraufhin verfasste ich die folgende optimistische Kolumne:

Liebe Kulturfreunde, dier Kaltscherfrends,

tuttolassiert* - wie man als alter Muskauer zu sagen pflegt - von dem ewigen Genörgel der darin fest vereinten deutschen Dreistände; vom Schimpfen auf Partei (?), Staat und Regierung, und stoisch ergeben wie Leopold Schefer der nächsten Rentenkürzung entgegen sehend, habe ich beschlossen, meine diesmonatige Kolumne sowie alle künftigen dem Optimismus zu weihen. Wir alle brauchen den Optimismus, und je schneller die Schußfahrt wird, desto nötiger haben wir ihn. Meine Kolumne soll den geknickten deutschen Bürger, ob arbeitslos oder in der Chefetage, wieder aufrichten und ihn zu Taten stimulieren, von denen er noch gar nicht weiß, daß er sie vollbringen kann. Eine gute Kolumne kann Berge versetzen, das weiß ich gewiß, denn einer, der sich damit auskennt, hat es mir gesagt. Ich sehe es deutlich vor mir: Die kleine Kolumne wird die Menschen begeistern. Sie werden sie von Quartal zu Quartal voller Ungeduld herbei sehnen. Am Tage ihres Erscheinens wird man die Büroräume der Quint Media-Werkstätten schmücken, die Angestellten werden sich versammeln und das Postauto herbei beten. Den Postboten wird man an jenem Tage begrüßen wie weiland die alten Griechen ihren Hermes, ihn kränzen und preisen, man wird ihn bewirten und erst wieder in sein Auto lassen, wenn er völlig besoffen ist. Die Angestellten der Kaiser’schen Klärwerke werden hinzu strömen, Kunden verweilen, und alle werden sich liebevoll umarmen und einträchtig, ehrfürchtig, das Päckchen mit den noch druckfrischen Kulturkalendern umstehen und aus ihrer Mitte den Würdigsten, den Besten des Monats, zu seiner Öffnung erwählen. Ihn werden sie beneiden, wenn er mit zitternden Händen daran geht, den Knoten des goldenen Bandes zu lösen, das die kostbare Gabe aus der privilegierten Druckerei umschlingt. Und es wird ein unbeschreiblicher Jubel aus Männer- wie aus Frauenkehlen gen Himmel steigen; Trompeten werden spielen, Pauken dröhnen, Engel – aber das gehört schon woanders hin. Wahrhaftig - ich sehe es vor mir: In den Panzerschränken der Bibliotheken auf der ganzen Welt, auch in Bill Gates’, werden dicke Sammelbände stehen, in denen die kleinen Kolumnen der Ewigkeit entgegen warten, liebevoll betreut von eigens dafür angestellten, kleinen, dicken Bibliothekaren, die man im Volk wie Heilige lieben und verehren wird. Überall in der Welt werden Tauschbörsen entstehen - die größte natürlich in New Yorck, oder in Bad Muskau - und man wird in den Zeitungen Anzeigen wie diese lesen: „Suche Jahrgang 2070 des Kulturkalenders; biete vollsanierte Gründerzeitvilla, dreistöckig, in Top-Lage und Wertausgleich in jeder Höhe“. Doch der arme Inserent wird vergeblich Ausschau halten, denn niemand wird sich von seinem Jahrgang 2070 des Kulturkalenders trennen. Weiß Gott – ich kann nicht mehr. Was ich vor mir sehe, ist zu schön! Ich sehe ein deutsches Volk, ach was, - ich sehe alle Völker dieser Erde im Glück schwimmen, denn Neid und Mißgunst werden verschwunden sein; unser aller Kanzler, sein Joschka und alle, die zu ihnen halten, werden unbehelligt so viel verdienen können wie Ingvar Kamprad, und der Arbeiter wird wieder bescheiden sein, wie sich das gehört. Und so gelobe ich, meinen Bleistiftstummel nicht eher aus der Hand zu legen, bis der letzte Arbeitnehmer nach einem kurzen Kirchgang des Sonntags wieder fröhlich in die ∞Stundenwoche wuselt, zufrieden mit einer warmen Mahlzeit täglich und einem Strohsack im Mannschaftszelt der Firma. Es sei denn, Gevatter Hein erwischt mich bis dahin richtig.

In diesem Sinne – usw.

* Fürst Pückler-Muskau nannte sich als Schriftsteller u.a. „Semilasso“, der Halbmüde, was Johann Daniel Ferdinand Neigebauer (1783-1866) zu dem Pseudonym „Tuttolasso“, der Ganzmüde, veranlasste.

(2005)


buchreihe sammelband kolumne meyers groschenbibliothek



Meine optimistische Kolumne wurde abgelehnt, und ich wurde als Kolumnenschreiber abgesetzt.
Hier nun die abgelehnte (pessimistische) Kolumne:

Das Land ist voller Hellseher. Sowie man irgend etwas gegen die ausufernden Mißstände zu unternehmen vorschlägt, gibt es niemanden, der nicht ganz genau weiß, daß das sowieso keinen Zweck hat. (biF 2004)

Liebe Kulturfreunde, dier Kaltscherfrends!

Zivilcourage war schon immer und überall gefragt, aber leider eben auch schon immer ein rares Gut, was gewisse Entwicklungen begünstigt(e), die regelmäßig zu Katastrophen geführt haben und wieder führen werden. Der Glaube an die Unabänderlichkeit des Bestehenden kommt Halunken wie Feiglingen gleichermaßen entgegen; letzteren aber stets nur eine Zeit lang. Nur wenige machen sich noch bewußt, daß sie sich im Zustande des permanenten Genötigt- und Erpreßtwerdens befinden, und daß es an ihnen liegt, wenn sich dieser Zustand immer weiter zuspitzt. Denn „sowie man irgend etwas gegen die ausufernden Mißstände zu unternehmen vorschlägt, gibt es niemanden, der nicht ganz genau weiß, daß das sowieso keinen Zweck hat". An diesen Hellsehern, an Zeitgenossen, denen die zivile Courage partiell oder zur Gänze fehlt, liegt es, daß Behörden es sich leisten können, Briefe zu versenden, in denen es beispielsweise heißt:
„Ihre Mitwirkungspflicht und deren Umfang ergeben sich aus den §§ 60ff. des Sozialgesetzbuches ‚Allgemeiner Teil' (SGB I). Bei fehlender Mitwirkung kann die Leistung ganz oder teilweise versagt oder entzogen werden (§ 66 SGB I)."
Abgesehen davon, daß man sich bei einer derartigen Kombination den ersten Satz hätte sparen können, heißt das im Klartext nichts anderes, als daß diese Strolche offen damit drohen, die Existenz des Empfängers zu vernichten. Und weil sie wissen, daß sie das auch jederzeit mit Hilfe von Gesetzen tun können, die ihnen ein u.U. von dem Empfänger selbst demokratisch gewählter Volksvertreter maßgeschneidert hat, sparen sie es sich auch noch, Rückporto beizulegen. Und was tut daraufhin der Empfänger? Er beantwortet treulich diese Unverschämtheit, geht hin und zahlt dafür. Was bleibt ihm übrig? Saufen, Schimpfen, Frau/Hund/Katze prügeln oder Pickel kriegen. Und das ist falsch. Er sollte seiner Antwort eine Dienstaufsichtsbeschwerde beilegen und verlangen, daß man mit ihm wie mit einem Menschen und nicht wie mit einem Häftling umgeht. Zum Beispiel.
Der Rückzug ins Private ist keine Dauerlösung. Die Leute, die glauben, sie könnten „ihr eigenes Ding machen", zusehen, wie man „mit dem Arsch an die Wand kommt", sich um Politik nicht kümmern, sind wie jemand, der in einem verfallenden Haus nur seine eigene Wohnung renoviert und dann glaubt, nun könne ihm nichts mehr passieren. Aber es tropft weiter, durch das Dach ... die erste Etage ... die zweite Etage ...
Der kleine Mann muß Zähne zeigen. Zähne, mit „Z" wie Zivilcourage.

In diesem Sinne – Euer alter biF

P.S. Zum Abfassen von o.g. Beschwerden biete ich hiermit Formulierungshilfe an. Kostenlos.

Noch ein P.S. Warum ist Gewalt gegen Frauen und Kinder so verbreitet? Weil diese sich in der Regel nicht wehren, was bei aggressiven Menschen wiederum reflexiv zur Steigerung der Brutalität führt. „Wer Augen hat zu sehen, der sehe" - siehe oben.

(2004)

Die "pessimistische" Kolumne ist mittlerweile mehrmals durch die Realität bestätigt worden.
Weiter zu: Junge Welt vom 20. April 2007, "Tod durch Hartz IV? 20-Jähriger verhungerte!"




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