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Bürgerstolz und Staatsräson

Die langen Kerle von Potsdam

Von biF

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Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. (Von Johann Wolfgang von Goethe.)


lange kerls parade


In Potsdam sah ich neulich eine Parade der „langen Kerle“. Zuerst dachte ich ja, ich bin in eine Zeitmaschine geraten und fand das Ganze etwas albern, aber je länger ich zusah und dem nachsinnierte, desto mehr war ich fasziniert von der Sache. Der Kontrast zwischen dem prächtigen Aufzug und der tristen Moderne schob meinen Betrachtungen eine neue Folie unter, was zu erstaunlichen Ergebnissen führte. Ich dachte an die Völkerschlacht, die sie ja auch nachspielen, und an die Bücher, die ich über die alten Preußen so gelesen hatte, und ich fand, daß die Preußen eigentlich schon den richtigen Dreh raushatten, wie man seine Leute regiert. Anstatt alle vier Jahre den Schwindel mitzumachen, als wählte man sich freiwillig eine Bundesregierung, die ihre Bürger belügt und betrügt, wo sie nur kann, mit Hilfe der ausgeklügeltsten Schikanen im Alltag umher hetzt und ihnen eine Bürokratie zumutet, die irrenhausähnliche Zustände schafft, sollte man sich überlegen, ob man nicht lieber auf Altbewährtes zurückgreift, selbst wenn es aus dem 18. Jahrhundert kommen sollte.

Das fängt bei der Erziehung an, die der Große Friedrich genoß: Prügel, Prügel, und nochmal Prügel. Was ist daran so schlimm? Friedrich ist davon „der Große“ geworden. Heute schreien die Grünen schon Zeter und Mordio, wenn man einen Bengel schief anguckt, der in der U-Bahn alte Leute anspuckt. Überhaupt – alte Leute, die hätte es unter dem Friedrich gar nicht gegeben. „Kerls, wollt ihr ewig leben!“, hat der die Jungs angebrüllt, und dann ging’s ab, vor die feindlichen Scharfschützen, und schon hatte er das Rentengejammer, den Ärger mit den Krankenkassen und Ersatz für schiefe Zähne vom Halse.

Vater Friedrich Wilhelm verprügelte aber nicht bloß den eigenen Sohn, der drosch auch gleich mal eine Gemüsefrau durch, wenn sie Maulaffen anbot und dummes Zeug daherquatschte. Da musste sich niemand hilflos die Platze an den Hals ärgern, weil die jungschen Bäckerweiber vom Aldi sich in aller Seelenruhe eine Viertelstunde lang über ihre Probleme mit Mann und Kindern ausquatschen, ehe sie sich zur Bedienung ihrer Kunden aufraffen. Und dabei war Vater Friedrich Wilhelm einer der größten Spaßvogel, den man sich denken kann, und hielt sich einen exquisiten Hofnarren. Damals nannte man die Intellektuellenbande nämlich noch beim richtigen Namen: Einen Haufen Spinner, der von Selbstüberschätzung und Bettelei lebt. Und deshalb war der erste Narr bei Hofe auch gleichzeitig Präsident der Akademie, ein Weichei, das angeblich keinen Alkohol vertragen konnte. Aber Väterchen Friedrich Wilhelm, das für solche Pimpeleien nichts übrig hatte, füllte ihm so lange welchen ein, bis er zwar hinüber war, aber begriffen hatte, daß man in Preußen nicht umsonst so einen Traumjob kriegt. Bier ist Schnaps, und Dienst ist Tabak, hieß es da.

Nicht anders mit dem eigen Fleisch und Blut: einen falschen Fuffziger, der seinen Sohn zu Unfug anstiften wollte, hat er kurzerhand aufgehängt, und der Sohn musste sich das ansehen. Ich wollte, so was gäb’s noch heute; ruck zuck wäre ich mit dem renitenten Bürschchen fertig, das meine Frau meinen Sohn nennt, das seit sechzehn Jahren Philosophie studiert und mir ständig das Portemonnaie ausräumt. Den hätten sie damals einfach weggefangen - 1,92! - und in’s Militär gesteckt, und damit hätten sie den gramgebeugten Eltern viel Kummer erspart. Da gab’s kein Diskutieren über staatsbürgerliche Pflichten, über Wehrgerechtigkeit, Moral und ob man mordet, wenn man seinen Nachbarn im staatlichen Auftrag abschießt - mitgefangen oder gehangen, hieß es da. Und das Militär galt was im Staate.

Mit solchen Soldaten konnte man noch was anfangen, das waren nicht solche Waschlappen wie die Amerikaner 100 Jahre später. Die feiern ja heute noch die Schlacht am Antietam Creek als nationale Tragödie, weil darin, großzügig gerechnet, 23.000 Leute umgekommen sind. Den „blutigsten Tag in der amerikanischen Geschichte“ nennen die das, haben schon, sage und schreibe, mehr als 60.000 Bücher darüber geschrieben und halten alljährlich zum Jahrestag ein Spektakel ab! 150 Jahre danach! Da hätten die Preußen aber viel zu feiern! Das muß man sich mal vorstellen: mickrige 23.000 Tote, und das mit modernen Repetiergewehren, mit Spencerbüchsen und Henrystutzen – Old Shatterhand hätte da ganz anders hingeleuchtet! Die Preußen und Österreicher, auch Brüder, wenn man so will, haben bei Kunersdorf 35.000 Tote gehabt, mit alten krummen Vorderladern, zwei Schuß die Minute! Im Siebenjährigen Krieg hatten allein die Preußen 180.000 Tote, wobei das eine Zahl vom Großen Friedrich ist, der vielleicht noch ein bisschen untertrieben hat, denn von einigen Schlachten gibt’s gar keine Zahlen; wo gehobelt wird, da fallen nun mal Späne, und auf ein paar Späne mehr oder weniger kommt’s nicht an. Drauf und dran!

(Den 30jährigen Krieg, zum Beispiel, den hätten die Amis überhaupt nicht verkraftet.)

Das waren so meine Gedanken, als ich da stand und mir die stolzen jungen Männer ansah, denen das heimliche Pulverisieren ausgewählter junger Leute in den abgelegensten Wüsten der Welt ein Greuel ist, denen eine sogenannte „humane“ Gesellschaft den offiziellen Heldentod für Führer, Volk und Vaterland verweigert, die aber was dagegen tun und sich aus eigener Tasche darauf vorbereiten. Solche Männer braucht das Land!

Natürlich fehlt dem Ganzen noch das eine oder andere, aber alles auf einmal geht ja nicht, und manches muß sich erst wieder durchsetzen, wie zum Beispiel das Spießrutenlaufen. Erst mal muß man mit einem Aufschrei rechnen, von den Grünen, Amnesty International und all den Flaschen, aber die Vorteile liegen zu deutlich auf der Hand, als daß man noch lange die Augen davor verschließen könnte: Man könnte dazu nämlich alles nehmen, was ohnehin nur der Allgemeinheit zur Last fällt: Arbeitslose oder Schulschwänzer, Ausländer, Rentner, oder die Perversen, also - da bräuchte man bestimmt nicht erst lange zu suchen. So was würde ich mir natürlich noch viel lieber angucken als die Paraden, oder das Schlachten - sorry - die Schlachten, wo man ja meistens sowieso nicht durchsieht, wer da gerade auf wen schießt; Spießrutenlaufen, Krummschließen oder Leute an den Pranger stellen, das ist auch was für den Nicht-Fachmann, also auch für mich. Frische Eier und ein paar faule Äpfel - daran soll’s nicht liegen. Ich freu mich schon drauf.

(09.02.2007)


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