Eine Bia zu Besuch
oder: Die Leiden des (leider) alten b.(i.F.)
Von Bernd-Ingo Friedrich
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Die Bia betritt die Bühne:
Rosa Flip-Flops, glitzernde Netzstrümpfe, grüner Rock, schwarze Bluse, voluminöser Schmuck in allen ausdenkbaren unechten Materialien und Farben, große Gesten und ein Lächeln, das die Welt umfängt.
Die Bia richtet sich ein:
Sante Naturkosmetik Handcreme Bio-Olive+Ingwer; Wellnature® Naturkosmetik Reichhaltige Körperlotion mit Rosenblütenextrakt & Aloe Vera; Belherbal Deo Roll-On mit Salbei à la sauge con salvia; Wellnature® Naturkosmetik Reichhaltige Nachtcreme mit Rosenblütenextrakt & Aloe Vera; Diaderma Karottenöl Gesichtspflege; Terra natura Zahncreme bio dent basic (Putzkörper aus naturbelassener grüner Mineralerde/ Neue Wirkstoffkombination mit Olivenblattextrakt und Stevia); Blütezeit Naturkosmetik Bio-Mandel-Flüssigseife mit wertvollen natürlichen Mineralien der Mandel für die sensible Haut; elka dent Kräuter Mundwasser Konzentrat mit Naturkräuterextrakten; NIVEA Bath Care Pflegedusche Lemongrass & Oil mit wertvollen Ölperlen; Rot Henna Shampoo; St. Matthäus Aloe Vera Gel plus Panthenol und Bisabolol; alverde Pflanzen & Kosmetik Augencreme Augentrost Intensivpflege für die zarte Augenpartie. Hinzu kommt ein Köfferchen mit dem Schminkarsenal; zu umfangreich für eine Aufzählung. Meine kleine Ablage über dem Waschbecken ist im Handumdrehen voller Krimskrams und mir wird plötzlich klar, was meinen Zeichnungen fehlt: ich habe viel zu wenig Buntstifte. Binnen Kurzem ist die erste Klopapierrolle alle und ich muß der Toilette bei der Verdauung der ungewohnten Zellstoffmasse und der Eyeliner-Hobelspäne beistehen.
Die Bia speist zu Abend:
Gebratene einheimische Steinpilze, die natürliche biologische Ergänzung bilden Tzatziki, Surimi in Öl, Pesto und Orangensaft; Cashewnüsse; Bärlauchbrötchen mit Ziegenbutter, Weintrauben, Pfirsich, Vollkornbrot mit Fruchtsaft.
Das Frühstück als Spektakel:
Bärlauchbrötchen, Ziegenbutter - „Salz?“ - Alpa Schlagsahne für den Kaffee – „ist aber eigentlich die falsche - kann ich mal einen Löffel kriegen?“ - BioBio Karottensaft mit Honig; Toast mit grano Vita Peperoni vegetarische Paste – „ne Zwiebel wär’ nicht schlecht, und’n scharfes Messer“ - Tomaten- und Gurkenscheiben – „wo is’n der Pfeffer?“ - Zwiebel – „wo ist denn das Salz schon wieder hin?!“ - Bayerkrone fettarmer Joghurt mild cremig gerührt – „das ist aber eigentlich auch der falsche!“ - Brombeeren, bio green Agavendicksaft – „ich brauch noch einen Löffel, mit angeleckten soll man nicht“ - Radieschen (es kracht etwa 6x pro Stück) mit Weintraube – „wo kann ich denn mal die Kerne hinspucken?“ - A.Vogels Granatapfel-Spirulina-Komplex für Vitalität und Wohlbefinden – „die Kapsel muß ab, weil, die ist vom Schwein!“ - Birne – „am besten, ich schaff die Schale gleich mal weg“ - nach jedem Gang wird eine geraucht. Ausgiebig strecken (der Stuhl ächzt) große Gesten – „Vorsicht!“ - Wortgeschwall, Wohlfühlgeräusche – „gehört dazu, hat schon Luther gesagt; wobei - die leisen, die sind natürlich unangenehm, weil sie so stinken; Schmatzen gehört auch dazu, bei den Japanern ist das ganz normal, da bist du unhöflich, wenn du nicht schlürfst, außerdem steigert das den Genuß; man kann über alles reden - warum auch nicht? - ficken kommt zum Beispiel vom italienischen ‚ficcare’, hineinstecken, so wie das Löffelchen in den Sirup, alles ganz normal – was’n los? Du kuckst ja so komisch, ist dir das etwa peinlich? – Eh, Mann, is det bei euch jemütlich!“
Die Folgen des Spektakels:
Erst wachsen die Müllberge, dann die Abfallberge: Strünke, vom Verzehr ausgeschlossenes Biomaterial, das ersten Rudel Essigfliegen trudelt ein: „Die stören mich nicht, die kleinen Dinger.“ Anders die Hornisse, die ebenfalls herbeischwebt: „Mach das Vieh tot!“
Die Bia sinniert:
Nach dem Frühstück wird geraucht. Die Bia nervt, bis alle in der Veranda sitzen: „Alleine macht’s keinen Spaß; Nachrichten brauch ich nicht - den Schwindel von den Arschlöchern - rauchen entspannt, noch besser wäre jetzt ein Joint, von wegen schädlich, eine Wohltat, alles bloß Kapitalistenschwindel; in den armen Ländern lassen sie das Zeug anbauen, und dann importieren sie’s – aber den Leuten irgendwelchen Scheiß erzählen, damit sie beschäftigt sind und nicht nachdenken; das ist der Kapitalismus – der Kapitalismus ist Scheiße; die sollen das Geld abschaffen, die Menschen brauchen kein Geld, die Menschen brauchen Zeit, viel mehr Zeit, für sich, und die Familie; die sind doch alle kaputt, komm mal her, du kleine süße Katze, Feli! gata blanca, quirida mia - ist die niedlich, wie die kuckt, bestimmt erschrocken; als der Roman noch klein war“ – gezeigte 0,8 Meter, ungefähr – „stand ich mal an der Toilette und hatte noch meine blutige Binde in der Hand, da hat der auch so geguckt, und dann fragt mich doch der Schlingel – so’n kleena Stift“ - gezeigte 0,8 Meter – „Mutti, wer hat dich denn da getreten? und zeigt zwischen meine Beene, und macht so:“ - es folgt eine Demonstration, die der Einprägsamkeit halber zweimal wiederholt wird. „Hahaha. Jedenfalls, Deutschland ist Scheiße, die deutschen Männer sind Scheiße und die Deutschen überhaupt.“ Die Bia lebt von Sozialhilfe, ihr Sohn ist zum dritten Mal auf Entzug, die Tochter studiert seit sieben Jahren. Es finden Telefonate statt, per Handy werden erste Fotos versendet, Verabredungen werden getroffen, dann wird das Bad besetzt, kommt der Schminkkoffer zum Einsatz. Am Ende sind vom Aufstehen bis zur Vollendung der Maskerade runde 3 ½ Stunden vergangen.
Die Bia entschwebt:
Rosa Flip-Flops, glitzernde Netzstrümpfe, grüner Rock, schwarze Bluse, voluminöser Schmuck in allen ausdenkbaren unechten Materialien und Farben, große Gesten und ein Lächeln, das die Welt umfängt.
(Frühjahr 2007)

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