Gottes Wille
oder: Die Kreuzspinne
Von biF & EJD
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Bernd-Ingo Friedrich
Gottes Wille
In meinem Schlafzimmer wohnt eine Kreuzspinne. Sie ist noch klein; im vergangenen Herbst hat der große Altweibersommerspinnenflug sie hereingeweht, und sie hat ihr erstaunliches Netz zwischen Christusdorn und Judenbart gespannt. Nicht ganz praktisch, wie ich finde, weil ich die Töpfe nicht mehr verrücken kann. Da sitzt sie nun und wartet auf die Fliegen. Es kommen aber keine, denn die sind alle, wenn überhaupt, in der Küche. Also habe ich mich erbarmt und ihr ein paar Mahlzeiten mit der Klatsche besorgt. Ich nehme an, das hat ihr gefallen. Und ich vermute, daß sie da in ihrem nutzlosen Netz sitzt, ihrem Spinnengott für seine Weisheit und große Güte dankt und sich selber für sehr pfiffig hält.

Ernst-Jürgen Dreyer
Die Kreuzspinne
Nach einem "Hobelspan"
von Bernd-Ingo Friedrich
Schlafzimmerfenster - zwischen Judenbart
Und Christusdorn sah ich im Netz sich wiegen
Ein Spinnchen, kreuzgezeichnet und behaart.
Wie, Spinne, willst du hier wohl Fliegen kriegen?
... von der Altweibersommerspinnenfahrt
Hierhergeweht, wo wir im Bettchen liegen?
Statt in die Küche, wo man brät und gart ... ?
Da sitzt du nun und wartest auf die Fliegen.
Sie kommen nicht. Du säßest in der Patsche.
Doch warte, deiner aussichtslosen Eiszeit
Erbarmt sich das Erbarmen! Damit griff ich
Auf Fliegennahrungssuche nach der Klatsche.
Nun danke für des Spinnengottes Weisheit
- - - und halte dich auch selber für sehr pfiffig.
Sonett aus: Ernst-Jürgen Dreyer: O zartes Blau des Nebels überm Stau. Müll/ Ein Weltgedicht/ Erster Teil. 120 Sonette und acht Ghaselen.
Nebst Nachwort und Kommentar herausgegeben von Johannes Morio. Meiendorfer Druck Nr. 59. Hamburg-Ottensen: Robert Wohlleben Verlag 2007.
Schutzumschlag: Günter Richter, Leipzig.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
(2006)
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