Narben
Eine Episode aus dem 1. Großen Scheidungskrieg 73/74
Von Bernd-Ingo Friedrich
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(Ich führte zwei solcher Kriege, die - von allem anderen abgesehen - meine ökonomische Entwicklung empfindlich störten, indem ich jeweils hohe Reparationskosten zu tragen hatte – doch: Die Zeit ist eine große Heilerin.)

Übermorgen ist Silvester, draußen ist es kalt, der erste Schnee fällt. In meinem Stübchen ist es gemütlich. Ich grüble. Das Öfchen bullert, die Kerzen machen Schummerlicht und die ABBAs dudeln Marathon. Mein Gotano hat genau die richtige Temperatur und schmeckt mit dem Zitronenöl phantastisch. Den Trick hab ich von Hauckes: Wermut zimmerwarm, da hinein drei Eiswürfel und einen Tropfen Zitronenöl; -öl – kein Saft - gibt es in der Apotheke; man säuft sich dusslig. Ich bin schon etwas dusslig, und je mehr ich trinke, desto sicherer werde ich, daß ich unbedingt mit Margit reden muß.
Elke ist bei ihren Eltern. Drei Wochen bin ich schon mit ihr zusammen, aber sie ist unheimlich anstrengend, weil man mit ihr aus dem Bett überhaupt nicht mehr heraus kommt. Ich habe mir ihretwegen schon eine alte Couch in die Kammer gestellt, obwohl es dadurch zum Arbeiten darin eigentlich viel zu eng ist. Darauf wollte ich hin und wieder einfach nur ungestört lesen oder ein heimliches Nickerchen tun, aber Elke hat das natürlich spitz gekriegt, und jetzt liegt sie auch hier dauernd auf mir herum, und es ist noch schlimmer als vorher. Um Zeit zu sparen und weil es in der Kammer so eng ist, kommt sie gleich ohne Höschen, und hinterher bin ich jedes mal sauer auf mich, weil ich mich so leicht verführen lasse. Man ist in der Hinsicht als Mann etwas gestraft, und ich habe seit Wochen nichts brauchbares mehr aufs Papier bekommen.
Dann ist die Wermutflasche fast leer, und es steht fest, daß ich mit Margit reden muß, und zwar gleich. Ich ziehe mich an und los. Auf die Idee, Margit könnte nicht zu Hause sein, komme ich gar nicht. Gartenstraße 32, vorne, hinten, alles zu. Klingeln geht nicht, denn dann könnte ja auch der Schwiegervater kommen. Mit dem ist nicht mehr gut Kirschen essen, seit die Scheidung durch ist, und ich gehe ihm lieber aus dem Wege. Aber wie komme ich an Margit ran? Wenn Margit beim Vater ist, schläft sie im Wohnzimmer. Das linke Fenster ist schwach erleuchtet vom Licht des Fernsehers, also müßte sie da sein.
Toilettenfenster im Erdgeschoß, Regenrohr, Blitzableiter, Toilette 1. Stock, Mauerkante ..., die Gelände-Rekognoszierung ergibt eine fabelhafte Möglichkeit zum Aufsteigen. Das Haus stammt noch aus der Zeit, als die Maurer ihre Steine mit Ehrgeiz und Geschmack aufeinander setzten, deshalb haben alle Etagen unter anderem etwa da, wo die Fußböden sind, umlaufende Simse. Das ist meine Chance. Ich hänge meinen Mantel an die Haustür und kraxle los. Ich bin schneller oben als gedacht, aber ich habe tüchtig zu tun, mich an der Mauer zu halten. Ich muß meine Arme ausbreiten und die Hände rechts und links in die Fensteröffnung pressen, und die Füße versuche ich so gut es geht nach außen zu drehen, damit ich nicht bloß mit den Zehenspitzen auf dem Sims stehe. Dann beuge ich meinen Oberkörper ein wenig in die Fensteröffnung, wegen dem Gleichgewicht, lasse eine Hand los, klopfe schnell und klemme mich gleich wieder fest. Erst nach vier mal Klopfen kommt Bewegung in die Sache, die Jalousie geht hoch, das Fenster auf, und vor mir steht - der Schwiegervater.
„N’Abend“, sage ich, „ist die Margit da?“
„Nö“, sagt der Schwiegervater, offenbar kein bißchen überrascht, daß da ein Kerl außen an der Mauer klebt - und macht das Fenster wieder zu!
Da steh ich nun und bin ziemlich fassungslos. So hatte ich mir das nicht gedacht. Mein Elan ist plötzlich dahin, und ich traue mir den gleichen Weg zurück nicht mehr zu. Also gehe ich vorwärts. Bis zum Balkon sind es ungefähr noch 1 ½ Meter. Ich entere und raste erst einmal in Schwiegervaters Sessel. Seine Casino liegen da, das Feuerzeug auch, ich rauche eine. Am liebsten würde ich ihm die ganze Schachtel klauen. Dann überlege ich mir meinen Rückzug. Es ist wohl wieder der Wermut, der mir meinen nächsten Einfall beschert, vielleicht auch das Oleum Citri. Auch der Balkon hat unten herum diesen schmalen Sims. Auf den will ich mich zunächst stellen, dann will ich vorsichtig erst eine und dann die andere Hand von der Balkonbrüstung nehmen, den Sims erfassen, sodann vorsichtig erst ein Bein und dann das andere baumeln lassen, auspendeln und mich dann fallen lassen. Wäre ich nüchtern gewesen, hätte ich mir sowieso von unten zugesehen und mich kaputt gelacht, davon abgesehen, aber ich wäre ganz bestimmt nicht auf SO einen Einfall gekommen. Und die Sache geht auch gründlich schief. Sowie ich die rechte Hand von der Brüstung nehme, schmiere ich ab und falle exakt wie eine Butterstulle, ich drehe mich nämlich in der Luft, klatsche bäuchlings unten auf und lande mit der Stirn genau auf den Ziegeln einer Kellerfenstereinfassung.
Als ich wieder zu Bewußtsein komme, ist mir kalt, lediglich eine Stelle am Kopf ist warm, und ich kann nur noch mit dem linken Auge sehen. Ich blute stark, dem Schmerz nach ist die rechte Augenbraue aufgeschlagen.
Der Weg zum Krankenhaus führt quer durch die ganze Stadt, ich markiere ihn mit einer roten Spur, indem ich das Blut regelmäßig aus dem Auge wische und von mir schnippe. Das Bluten hört bis zuletzt nicht auf. Als ich das Foyer der ersten Hilfe betrete, schreit die diensthabende Schwester „Um Gottes Willen!“, läßt mich stehen und stürzt davon, laut nach dem Doktor rufend. Der erscheint auch prompt, sichtlich beeindruckt von dem Lärm der Schwester, aber nach dem Abwischen meiner Blutkruste kriegt das Ganze wieder normale Proportionen, denn man sieht nun, daß die Platzwunde klein ist und der martialische Anstrich bloß vom Breitschmieren des Blutes herkommt. Der Doktor hat auch schon meine Wermutfahne registriert.
„Auf Anästhesie können wir wohl verzichten,“ stellt er lakonisch fest, „das haben Sie ja schon besorgt“, und damit haut er mir seine krumme Nähnadel durch die Wundlappen, einmal, zweimal, Doppelknoten drüber, fertig. Mit den zwei Fühlern, die in mein Gesichtsfeld hängen, komme ich mir vor wie ein Maikäfer. Zuletzt macht er mit mir Protokoll. Meine richtige Geschichte mag ich ihm nicht erzählen, und die ich ihm erzähle von Schnee und Eis und ausgerutscht und so scheint er nicht zu glauben, aber damit kann ich mich nicht aufhalten. Schließlich habe ich keine Lust, im Krankenhaus zu bleiben. Dann darf ich mich endlich heim trollen.
*****
Der Morgen dämmert, ich lege mich gleich hin, aber aus dem Schlafen wird nichts. Mein Schädel brummt fürchterlich. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich mir einen Handspiegel mit ins Bett und gucke meinem rechten Auge beim Blauwerden zu. Bald sehe ich aus wie ein Verbrecher. Allmählich wird mir schlecht, und ich verbringe einen schlimmen Tag. Abends kommt Elke.
Sie ist natürlich entsetzt, aber sie beruhigt sich auch schnell wieder. Weil ich keine Lust auf fruchtlose Debatten habe, erzähle ich ihr die gleiche Geschichte wie dem Doktor, obwohl auch Elkes Stirn dabei ein wenig runzlig wird. Aber es schwindelt sich halt besser, wenn man konsequent bei einer Version bleibt, außerdem klingt die Wahrheit in dem Falle ja fast noch unwahrscheinlicher. Elke umsorgt mich emsig. Doch bald hat sie ihre flinken Finger wieder unter meiner Decke, blinzelt mich listig an und meint, daß so ein bißchen doch bestimmt nicht schaden könnte, und schon hat sie mich wieder beim Wickel. Es schadet wirklich nicht. Im Gegenteil. Es ist erstaunlich.
Aber aus der Silvesterparty wird natürlich nichts. Wir wollten im Ratskeller feiern, zusammen mit Greta und Klaus und meinem Bruder. Mein Bruder kommt und hilft Elke ein Weilchen, meine Händchen zu halten, ich wiederhole mein Wintermärchen, dann geht er alleine los. Meine Kopfschmerzen sind fast weg, aber es geht unter dem Schädeldach zu wie in einer leeren Turnhalle, und wir stellen fest, daß mein Unternehmungsgeist vom Kopf in die Lendengegend gewandert ist, denn jetzt bin ich es, der von Elke nicht genug kriegen kann. Irgendwann bemerken wir, daß wir den Jahreswechsel verpaßt haben, werfen mit Verspätung ein paar Knaller aus dem Fenster, irgendwer brüllt „Ruhe!“, und es ist weit nach Mitternacht, als Elke beschließt, noch schnell nach ihrer Sippe zu sehen und ich endlich zum Schlafen komme. Elkes Heimkehr kriege ich schon nicht mehr mit.
Ich werde wie immer ganz lieb geweckt, Stöpsel rein, Stöpsel raus, dann muß ich ins Bad. Das ist zwei Treppen tiefer. Auf halber Treppe kommt mir mein Bruder, der in meiner Kammer übernachtet hat, entgegen, grinst mich an, und ich habe eine surrealistische Erscheinung: ich bin er, er ist ich, dann glaube ich wieder, in einem Spiegel zu stecken, zu guter Letzt löst sich die Vision auf wie in den alten russischen Märchenfilmen, wenn die Bilder verschwimmen, als wären sie auf eine Wasseroberfläche projiziert und jemand wirft einen Stein hinein. Ich begreife, daß da tatsächlich mein Bruder vor mir steht und genau so aussieht wie ich.
Er hat eine aufgeschrammte Gesichtshälfte, die linke, daher wohl mein Gefühl, in einem Spiegel zu sein, und ein blaues Auge. Was fehlt, sind meine tollen Fühler. Wir biegen uns vor Lachen, ich kriege meine Kopfschmerzen zurück, dann erzählt er seine Geschichte.
Er war wegen einiger Umwege ziemlich spät zum Ratskeller gekommen. Der war schon brechend voll, und auch der Kneiper, der ihn reinlassen sollte, war voll; so voll, daß er ihn nicht mehr erkannte, ihm die Karte wegnahm und erklärte, sie könnten nicht jeden Nichtsnutz gebrauchen. Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen, also ging er daran, sich seinen Weg in das Lokal selbst zu suchen. Er fand ein offenstehendes Toilettenfenster, das nur etwas hoch gelegen war. Um an das Fensterbrett heranzukommen und sich hinauf und hinein hangeln zu können, brauchte er ein Podest und glaubte es in einer leeren Mülltonne gefunden zu haben. Die rollte er sich unter das Fenster, kletterte hinauf, holte leicht Schwung in den Knien und wollte abspringen. Daß die Tonne leer war hatte sich ganz gut gemacht, als er sie unter das Fenster rollte, nun allerdings erwies sich das als großer Nachteil, denn die Tonne kippte unter ihm nach hinten weg, er verfehlte das Fenster, ganz knapp, prallte schwungvoll gegen die Wand, pausierte für Sekundenbruchteile und sackte an dem rubbeligen Putz entlang zu Boden, wobei er sich die Haut von den Händen und dem halben Gesicht schürfte und auch noch seine drei Jackenknöpfe einbüßte. Wie im Trickfilm.
Wir kommen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Elke nennt uns „lustige Brüder“, aber uns geht allmählich auf, daß es abends Ärger geben wird, mit der Mutter nämlich. Die wollte mit uns zum Neujahrsball ins Kaffee König.
Sie hatte wieder einmal ihrem Drang nachgegeben, uns zu anständigen Menschen zu missionieren, das liegt in ihrer Familie, und Prämien für das Nichtrauchen ausgelobt. Das tat sie gelegentlich, wobei sie demjenigen, der zunächst einen Monat lang nicht rauchte, 22,50 M versprach. Die merkwürdige Summe war nicht zufällig gewählt. Man bekam dafür genau 3 Bücher zum Einheitspreis von 7,50. Für den Fall, daß nicht, hatte sie freie Wahl. Was macht man nicht alles mit Kindern! Diesmal hatte sie ihren freien Wunsch ganz klar mißbraucht, denn sie hatte erklärt, sie wolle „ein Mal“ mit ihren Söhnen „richtig schön“ ausgehen, und die müßten sich für sie „richtig schick“ machen.
Was das in den 70ern für einen jungen Menschen bedeutet, muß man wohl nicht erst erklären. Deshalb sind wir auch, als wir abends geschniegelt und Dank Elke notdürftig geschminkt vor Mutters Türe stehen und sie nach dem Öffnen wirklich die Hände über dem Kopf zusammen schlägt, ein klein wenig schadenfroh. In der Folge erhält meine Geschichte von Schnee und Eis und hingefallen die Weihe zur Vorstufe einer vollkommenen Wahrheit, denn Mutter guckt zwar etwas irritiert, akzeptiert sie aber ohne Einrede. Die Legende meines Bruders wird derart ebenfalls geadelt, obwohl auch er sie rückwirkend etwas modifiziert hat. Mit uns ausgehen will die Mutter aber auf gar keinen Fall „so, wie ihr ausseht!“
Wir gehen allein zum Ball. Am Einlaß gibt es leichte Schwierigkeiten, aber weil man uns gut kennt, wie man so sagt, dürfen wir, wenn auch sichtlich ungern, passieren. Vorsichtshalber verbringt man uns in den finstersten Winkel der Bar und ermahnt uns, bloß nicht aufzufallen. Das ist leicht gesagt, aber mit solchen Gangstervisagen einfach nicht möglich. Den ganzen Abend lang geben wir Erklärungen ab und erfahren, was das liebende Herz des Nächsten vermag, denn unsere Geschichten nimmt uns hier keiner ab. Dafür glauben alle, wir hätten uns geprügelt. Aber das ist mir eigentlich egal. Was mich viel mehr beschäftigt ist, daß ich keine Tänzerin abkriegen kann. Zwei zaghafte Versuche sind gescheitert, weitere habe ich angesichts der entsetzten Mienen der beiden angesprochenen Mädels unterlassen. Mein Bruder will sich ein Späßchen mit mir machen, baut sich vor mir auf und schnarrt in dem gleichen Tonfall, in dem er seine Zitzewitz–Witze erzählt „Darf ich bitten?“.
Er hat nicht damit gerechnet, daß ich ihn tatsächlich aufs Parkett schleppe. Es gibt Wiener Walzer, und wir zirkulieren über die Tanzfläche wie Revuestars. Eigentlich kann mein Bruder gar nicht tanzen, doch es ist wohl die Angst vor der Blamage, die ihm Tanzbeine macht, und die ihn, wie übrigens auch mich, zu dieser schier übermenschlichen Leistung beflügelt. Am Ende ernten wir sogar noch Beifall. Jetzt könnte ich Tänzerinnen kriegen, aber jetzt will ich nicht mehr. Wir schreiten stolz zur Garderobe, lassen die Blicke der Damen, die uns schmachtend folgen, an dem Harnisch unserer eisigen, in dem einen oder anderen Falle vielleicht sogar tödlichen Verachtung abprallen und scheren uns den Teufel um die gebrochenen Herzen. Das wäre ein wundervoller Schluß. Doch um der Wahrheit die Ehre zu geben, - wie man so schön sagt – es ist eigentlich mehr so, daß wir uns verdrücken, weil der Kraftakt uns überfordert hat und uns die Aufregung auf den Bier-Magen geschlagen ist ....
(Oktober 2003)
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