Wer nischt erheirath und nischt ererbt
Vom Erben
Von Bernd-Ingo Friedrich
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„Wer nischt erheirath’ und nischt ererbt, Der bleibt ä armes Luder - bis er stärbt.“ - Vor einiger Zeit schenkte mir mein Freund Reinhard eine kleine Porzellanschale, der dieser Spruch und ein armer Schlucker mit herausgekrempelten, leeren Taschen aufgemalt waren. Aber auch ohne dieses Geschenk war mir längst klar, daß das Schicksal mich nicht reich haben wollte, denn es hatte mir Winke gegeben. Was immer ich auch hatte erben sollen – ich erbte es, fast immer, nicht.
Es gab einige Dinge, zu denen ich als Kind eine gewisse Zuneigung entwickelte. Ich war viel allein, verbrachte viel Zeit bei Omas und Tanten und kann mich an deren Schlafzimmer gut erinnern; aber wie das Kinderzimmer meiner ersten Jahre aussah, weiß ich nicht mehr. Und weil es eine konkrete Bezugsperson für mich nicht gab, hängte ich mein Herz an liebenswerte, kleine Dinge. Das ist bis heute so geblieben. Warum es aber gerade die später allgemein so begehrten Dinge waren, die es mir besonders angetan hatten, weiß ich nicht. Vielleicht hing das mit meiner merkwürdig früh ausgeprägten Vorliebe für Skurriles zusammen, denn daß einige meiner geliebten Objekte später einmal „richtigen“ Wert bekommen sollten, war damals noch nicht abzusehen; als Kind weiß man nichts von Wert und Unwert, da liebt man die Dinge noch um ihrer selbst willen.
Eins dieser Dinge war eine schöne, alte Wanduhr aus dem Schwarzwald. Keine der üppigen geschnitzten mit Kuckuck und Trompeten, sondern eine kleine, feine, deren Charme aus ihrer Schlichtheit und ausgewogenen Proportionen kam. Sie war wie jene ungeschminkten Mädchen, die keinem auffallen, aber für Tragödien gut sind, sobald sie es darauf anlegen. Etwas schmuddelig und mit einigen schadhaften Stellen, die fehlenden Teile lagen obenauf, hing sie ziemlich stiefmütterlich in einer dunklen Ecke der Küche meiner Tante Erna und ließ ihre eisernen Tannenzapfen an den im Sekundentakt länger werdenden Ketten baumeln wie zwei schwarze Füße. Mit einer für ihre Größe ziemlich energischen Stimme maß sie Tante Ernas Lebenszeit ab. Tante Erna war eine der vielen Schwestern meiner Großmutter, also nicht eigentlich meine Tante, aber wie alle, die mich im Auftrage meiner viel beschäftigten Eltern kollektiv verzogen, nannte ich sie Tante. Die Männer hatten damals noch anderes zu tun. Tante Erna war nicht dumm und hatte scharfe Augen, und wenn sie mitbekam, daß ich mir die Uhr im Geiste schon unter den Arm klemmte, pflegte sie zu sagen: „Die erbst du mal!“ mit der Betonung auf „erbst“. Und ich freute mich sehr auf das Erben. Überhaupt hatte das Wort „erben“ damals einen zauberhaften Klang für mich, denn es fiel in der Verwandtschaft oft und stellte stets schöne und wertvolle Dinge für die Zukunft in Aussicht. Doch eines Tages war meine Uhr weg. An ihrer Stelle hing ein stockhäßliches Ungetüm von Küchenuhr aus weißer Plaste mit aufgedruckten blauen Zwiebeln, und um sie herum zeichnete sich noch deutlich der Schatten meiner kleinen Schwarzwälderin auf der verblichenen Tapete ab. Die Tante hatte dem „einmaligen Angebot“ eines alte Uhren sammelnden Uhrmachers nicht widerstehen könnenn. 20 Mark Ost hatte der Halunke ihr für die Uhr gegeben – und die „schöne, moderne“ Küchenuhr dazu, die sogar ohne Aufziehen ganz genau ginge, erklärte mir meine Tante, mit einer Batterie nämlich, und die ich, wie versprochen, nun natürlich genauso erben würde, daran ändere sich nichts. Daß ich mich verraten fühlte, verstand sie überhaupt nicht.
Eine andere der an meiner Erziehung beteiligten Tanten hieß Frieda. Sie besaß eine Vase, in die ich mich verliebt hatte und die sie mir fest versprach, wohl weil sich sonst niemand dafür interessierte. Daß sie im Büfett überhaupt noch stehen durfte, verdankte sie irgendwelchen sentimentalen Erinnerungen, die die Tante mit ihr verband. Deshalb mochte sie sich auch noch nicht von ihr trennen. Ansonsten gefiel sie niemandem mehr und alle fanden sie häßlich. Das machte sie mir nur umso lieber. Es wurde noch einiger Staub von der Vase gewischt, dann starb Tante Frieda. Inzwischen war jedoch offenbar geworden, daß das häßliche Väslein eine Arsall-Schönheit war, und daß sie es ja eigentlich alle schon immer gern gehabt hätten. Tante Friedas Tochter Greta, die auch zu den „Tanten“ gehörte, bekam schließlich das gute Stück, das nun ein Ansehen genoß, das seinem Preis entsprach.
Bei ihr sah ich es hin und wieder, zuletzt stand es auf einer Schrankecke, und an dem grazilen kleinen Ding hing ein anderthalb Meter langer Baumfreund. Meine gelegentlichen und dezenten Andeutungen, die Vase betreffend, überhörte sie stets ganz locker, aber da ich die Greta mochte, tat ich dann immer so, als hätte ich gar nichts gesagt. Plötzlich schenkte sie mir die Vase, und ich sah auch gleich, warum. Sie war angeschlagen, denn eines Tages war passiert, was ich immer befürchtet hatte. Der Philodendron war der kleinen Vase zu schwer geworden, und sie war vom Schrank gefallen. Wenig später entdeckte ein Bekannter, der mit Antiquitäten handelt, die Vase bei mir und behauptete, genau die wäre ihm vor kurzem erst zum Kauf angeboten worden, er hätte sie aber nicht genommen wegen der Kerbe am Rand. Ich konnte das zunächst gar nicht glauben, aber als er mir Tante Gretas Namen nannte und ihre Wohnug beschrieb, war ich überzeugt. Die Vase, es ist eine kleine mit Hagebutten, steht jetzt in unserem Glasmuseum.
Omas Briefbeschwerer hätte ich nur beinahe eingebüßt, aber lange gewartet habe ich darauf. Die Oma hatte mir die Glaskugeln inoffiziell schon längst vermacht, aber bekommen sollte ich sie erst, wenn aus mir ein „ordentlicher Junge“ geworden wäre. Als die Oma starb, war meine Mutter, die auch schon etliche Dinge besaß, die sie mir zwar geschenkt hatte, aber erst später, wenn ich eine „richtige“ Wohnung haben würde, aushändigen wollte, wieder diejenige, die meine Briefbeschwerer an sich nahm mit der Verheißung, sie würde sie mir aushändigen, wenn ....
Ich bezog in den folgenden Jahren mehrere richtige Wohnungen, aber alle Versuche, meine Briefbeschwerer von der Mutter loszueisen , schlugen fehl. Auf meine Fragen danach antwortete sie stets, sie wüßte nicht mehr, wo sie sie hingetan hätte, und es machte ihr nichts aus, daß ich genau wußte, daß sie log, denn sie wußte immer ganz genau, was wo oder wann war. Wenn man beispielsweise hätte wissen wollen, was am 23. Oktober 1954 passiert war, so hätte sie ihren in Frage kommenden, alten Kalender hervorgekramt, und keine Viertelstunde später hätte man es gewußt; und die Zuverlässigkeit ihrer Auskunft hätte man unbesorgt vor jedem Gericht der Welt beeiden können. Die Stecknadel im Heuhaufen wäre für meine Mutter überhaupt kein Problem gewesen, bei ihr wäre es dazu nämlich gar nicht erst gekommen. Als auch die Mutter starb, waren meine Briefbeschwerer tatsächlich nicht mehr auffindbar. Irgendwann besuchte ich wieder einmal meinen Vater. Mein Vater war in vielen Dingen das ganze Gegenteil der Mutter; er schenkte gern, immerzu, irgend etwas und vorbehaltlos, er selber brauchte nicht viel. In seinem Flur stand auch diesmal wieder eine Kiste mit neuen Fundstücken vom Boden. Einiges davon wäre vielleicht noch von mir, meinte er, das meiste hätte die Mutter wohl für den Kleinen, also meinen Bruder, fertig gemacht, ich solle aber mal nachsehen. Ich fand zunächst nichts, was mir gehört hatte, allerdings fiel mir ein kleines verschnürtes Päckchen auf, dem die Mutter den Namen meines Bruders aufgemalt hatte. (Die Mutter beschriftete alles mögliche, auch unmögliche, auf die Innenseite unseres Klodeckels hatte sie zum Beispiel einen Zettel mit der Aufschrift „Deckel zu!“ geklebt.) Ich fand das Päckchen für seine Größe ziemlich schwer, ich öffnete es, und da hatte ich sie, meine Briefbeschwerer! Ihrem Kronsohn hatte sie die zuschieben wollen. Und so verbindet sich der Anblick der in beinahe letzter Sekunde geretteten Erbstücke mit dem guten Gefühl, meiner Mutter wenigstens eine ihrer Intrigen vereitelt zu haben.
Am meisten ärgert mich - immer noch -, daß man mir Großvaters Taschenuhr gestohlen hat. In meiner Erinnerung war diese Uhr aus Silber, hatte barocke Schnörkel eingraviert, ein weiß emailliertes Zifferblatt mit schwarzen, römischen Zahlen und mußte mit zwei winzigen Schlüsseln aufgezogen werden, denn sie hatte auch ein Läutwerk, das dezent die vergangenen vollen Stunden zu Grabe klingelte. Die Schlüsselchen hingen an einer zierlichen, silbernen Uhrkette, ebenso ein Schraubenzieherchen, eine Münze und noch anderer hübscher Schnickschnack, was, weiß ich nicht mehr so genau. Die Uhr sah ein wenig von der Zeit mitgenommen aus, denn schon Opas Vater hatte sie getragen, und öffnete man ihren hinteren Deckel, so konnte man im Innern der Uhr in wunderschöner Schreibschrift seinen Namen lesen: Ignatz Kraiczek. Hin und wieder durfte ich mir die Uhr mit Opa zusammen ansehen, doch sie verschwand immer wieder viel zu schnell in einem grün ausgepolsterten Kästchen mit Deckel aus geschliffenem Kristallglas (das allein war schon, als käme es aus einem Märchen) und in Opas streng gesicherter Geheimschublade. Für die hatte er sich eine ganz besondere Sicherung ausgedacht, und ich brauchte viele der Nächte, die ich im Wohnzimmer der Großeltern schlief, um hinter sein Geheimnis zu kommen. Um die Schublade aufziehen zu können, mußte ich zunächst die rechte Schreibtischtüre öffnen. Der Schlüssel dafür war meist in derselben Vase, manchmal aber auch woanders; den mußte ich also erst einmal finden. Hatte ich den Schlüssel, konnte ich die Tür aufschließen (zweimal umdrehen) und aus einem ledernen Futteral den Schlüssel für die Schublade nehmen, die Schublade aufschließen (einmal umdrehen), dann kam Opas Spezialsicherung. Ich mußte einige gewissenhaft aufgeschichtete Papiere abtragen, um an den Stift zu kommen, der seitlich durch den Schreibtischkasten und durch die Schublade ging und so deren Herausziehen verhinderte. Den entfernte ich, und damit war der Weg frei für ein paar selige Momente. Danach tilgte ich gewissenhaft die Spuren meines Eingriffs. Das hatte ich wohl eines Tages nicht gründlich genug getan, denn beim nächsten Mal hatte ich Pech. Die Lade ging nicht auf. Der Großvater hatte sich etwas Neues ausgedacht, und ich brauchte wieder einige Zeit, um das neue System zu knacken. Irgendwann war ich groß genug, um nicht mehr bei den Großeltern schlafen zu müssen. Bis dahin erfand der Großvater noch zwei Sicherungsvarianten für seine Schublade, die mir ziemlich zu schaffen machten. Ich habe mich immer gewundert, warum der Opa nicht einfach den Schlüssel zur Lade aus dem Schreibtisch nahm, aber ich vermute, daß ihm das Versteckspiel Spaß gemacht hat. Er guckte manchmal so komisch.
Der Großvater war nach dem Tod der Großmutter nicht lange allein geblieben. Er war nie ein trauriges Kind gewesen, früher nicht und auch nicht als mein Großvater, im Gegenteil. Man erzählte sich in der Verwandtschaft, er hätte, als er gleich nach dem Kriege ABV dreier Nachbardörfer war, dort in jedem seine Bratkartoffelstelle gehabt, und die Großmutter, die so eine Ahnung hatte, hätte ihn eines Tages mit dem Fahrrad auf seiner Tour verfolgt und mit einer der Kartoffelbräterinnen in flagranti, bei was auch immer, erwischt, und ihr Bett wäre von Stunde an Niemandsland für den Großvater gewesen. Eine dieser Köchinnenn, vielleicht sogar die, mit der es den bewußten Ärger gegeben hatte, zog nun nach angemessener Trauerzeit zu ihm. Als dann der Großvater starb, ging sie zurück zu ihren Leuten und nahm zusammen mit einigem anderen, das ihr nicht gehörte, meine Uhr mit. Wer also eine silberne Uhr mit zwei Schlüsseln und dem hinten eingravierten Namen Ignatz Kraiczek, dem Namen meines Urgroßvaters, findet, der weiß jetzt: Es ist meine Uhr, die Uhr meines Großvaters, die ich erben sollte.
Als der Vater starb, erlitt ich dreifachen Verlust. Mutters akribisch angelegte Ahnentafel, zurückreichend ins 18. Jahrhundert, eignete sich mein Bruder an. Wo Vaters Sammlung DDR-Briefmarken, die ich mit zusammengetragen hatte, hingekommen ist, weiß ich nicht. Mit dem Verschwinden meines silbernen Trinkbechers hat vermutlich eine echte Tante zu tun, die dann von mir tatsächlich auch noch einen alten Briefumschlag mit Sondermarken haben wollte, die der Vater ihr eigentlich noch selber hatte geben wollen - sagte sie - und der viel wert sein sollte. Die Marken erwiesen sich aber als gefälscht. Den Becher hatte mir ein alter Herr geschenkt, ein Sammler von Fossilien und Mineralien, mit dem ich eine zeitlang durch die Steinbrüche um Dresden herum gezogen war. Immer, wenn ich ihn besuchte, saßen wir in seiner mit allerlei Kuriositäten vollgestopften Bude, und ich trank aus dem Becher meinen Kirschsaft, während er Rotwein aus einer alten „beinernen Schale“ kippte; einer mit Silber eingefaßten Hirnschale. Mit dem Becher und der Geschichte von der Hirnschale machte ich später bei meinen Freundinnen immer mächtigen Eindruck. Als ich zu Hause auszog, hatte mir meine Mutter einige Sachen und eben auch den Becher abgeschwatzt, weil er ihr so gut gefiel, und dazu gemeint, irgendwann würde ich ihn ja sowieso zurück bekommen. Dann war er beim Vater stehen geblieben, dem er so gut gefiel, weil er der Mutter so gut gefallen hatte. Vater nutzte ihn zum Aufbewahren von Scheren und Bleistiften. Vater hatte mir immer wieder angeboten, mir dies oder jenes mitzunehmen, aber ich hatte es nicht fertig gebracht, sein ohnehin sehr bescheidenes Zimmerchen zu plündern, das er inzwischen bewohnte. Außerdem hätte ich mich dort ohne die wenigen schönen Dinge, die er noch besaß, und die sowieso Dank der weniger empfindlichen Angehörigen kontinuierlich abnahmen, bei meinen Besuchen unbehaglich gefühlt. Dem Vater ging es wohl ebenso, aber er war viel zu gutmütig, jemandem etwas abzuschlagen. Ich vertraute leider auf die Redlichkeit der noch übrig gebliebenen verwandten Bagage, und so ging eines Tages auch mein Becher dahin, ohne daß ich es mitkriegte. Wer daraus trinkt, soll Durchfall kriegen ....
Meine liebste Tante Anna war natürlich auch eine Schwester der Großmutter, aber sie versuchte nicht an mir herum zu erziehen. Sie war mein weißes Schaf in der Sippe. Sie war streng gläubige Adventistin, und daß sie vor dem Essen immer betete, obwohl die anderen sie deswegen spinnert nannten, beeindruckte mich sehr. Die anderen beteten nur, wenn es donnerte, oder wenn es ihnen schlecht ging. (Ich erinnere mich oft und mit dem größten Vergnügen an ein schweres Sommergewitter, das niederging, als ich bei den Großeltern übernachtete: Die Nacht war pechschwarz, der Wind heulte ums Haus, die Fenster klirrten, die Dachziegel klapperten, das Regenwasser quoll durch alle Fensterritzen und schwappte als kleiner Bach die Wand des Schlafzimmers hinab auf die Dielen. Die Blitze zuckten dicht auf dicht über den Himmel, die Donner gingen ineinander über und bildeten eine einzige, fürchterliche Geräuschkulisse, zu der die Großmutter, im Nachthemd in einer Pfütze knieend, Bibel und Sparbuch unter den rechten Arm geklemmt, bei jedem Donnerschlag „Ogottogott“ schrie, um sogleich wieder mit dem Vaterunser fortzufahren, während der Großvater mit meiner Hilfe und ein paar Lappen versuchte, der Wasserflut einigermaßen Herr zu werden. Und dabei fluchte er wie ein Landsknecht. Nie wieder, außer bei der NVA, habe ich so etwas Verrücktes erlebt!) Tante Annas schönen Gründerzeitschrank bekam ich nur, weil ich zufällig zu Hause war, als er nach ihrem Tode vakant wurde, denn ich erfuhr noch rechtzeitig, daß schon jemand angezahlt hatte. Bei der Oma. Ich hatte tüchtig zu tun, um zu meinem Recht zu kommen, galt jedoch fortan als habgierig. Tante Annas Bibel war das einzige, was ich ohne Ärger auf geradem Wege erbte. Die, eine einfache Dünndruckausgabe der Evangelischen Hauptbibelgesellschaft von 1962, zerlesen und mit vielen Lesezeichen, Eselsohren und Anmerkungen versehen, wollte wirklich keiner außer mir.
Einmal jedoch erbte ich viel Geld, und das kam so: Mein Bruder hatte das Haus unserer Großeltern bekommen mit der Auflage, mir meinen Anteil auszuzahlen, sobald er dazu in der Lage wäre. Bis dahin war das von allen Beteiligten so gewollt und in Ordnung. Das Haus wurde auf glatte 20.000 Mark der DDR geschätzt. Meinen Anteil, die Hälfte, betrachtete ich als sichere Bank, ohne Zinsen zwar, aber sicher. Einige Jahre gingen dahin, von meinem Anteil wurde nie gesprochen, und ich dachte kaum noch an das Geld, da kam die Wende. Geld hatte ich nie in der Menge besessen, daß ich mir deswegen hätte Gedanken machen müssen, und so machte mir die eines Tages bevorstehende Währungsunion auch keine Sorgen. Dann wurden die Bedingungen ruchbar, zu denen die Gelder Ost in Gelder West umgerubelt werden sollten. (Zur Erinnerung: jeder DDR-Bürger durfte einen festgelegten Betrag 1:1 umtauschen, was darüber war nur 1:2.) Auf einmal kamen eine Menge Leute mit Geldbeträgen heraus, die man ihnen niemals zugetraut hätte, und die einen Monat zuvor noch Stein und Bein geschworen hätten, sie wären die ärmsten Schweine von der Welt und verschuldet bis über beide Schulterblätter. Im Handumdrehen waren meine Konten bis oben hin stellvertretend vollgepackt. In der Woche vor Theo Weigels big deal kam noch einmal, plötzlich und unerwartet, Geld auf mein Konto: 9940 Ostmark. Von meinem Bruder. Warum nur 9940 – keine Ahnung. Ich habe nicht danach gefragt, denn nach dem Umtausch waren es ja bloß noch 30 DM, die fehlten; heute 15 Euro.
Und einmal habe ich einen wertvollen Teppich abgekriegt. Er sei noch von der Tante Rosa, hieß es immer, und die hat „nur gutes Zeug gehabt“. Ich erklärte ihn nach Durchsicht eines alten Buches über Orient-Teppiche zum echten Afghanen, wegen der Teufelskrallen. Nach Jahren wollte ich es genauer wissen und schleppte ihn zu einer Freundin, die sich auskennt. Wir hievten ihn auf die Klopfstange, entrollten ihn, und da prangte auf seiner Rückseite, als wäre es gerade eben da gewachsen, ein schwarzes, nur noch undeutlich zu erkennendes, mit der Schablone aufgepinseltes Emblem; doch deutlich erkennbar waren noch die drei Großbuchstaben „VEB“.
Als ein Erbstück mit fatalen Langzeitfolgen erwies sich ein Einweckglas, das - mit Inhalt - eher zufällig in meinen Besitz kam – siehe dazu die Geschichte "Rechts der Isar".
(Juli 2003, abgeschlossen 17.07.2008)
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