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Wie ich eine tolle Möbelverkäuferin kennenlernte.

Von biF

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... Weimar, das heißt natürlich Buchenwald. Die Exkursion beansprucht den Vormittag, nach dem Mittagessen in der Stadt gibt es „Freigang“ für alle, aber in Gruppen; eigentlich. Die Genossen sind in der Kneipe, ich habe mich selbständig gemacht. Die Antiquariate sind zwar toll, aber teuer; in den Buchhandlungen nichts neues. Ich flaniere durch das Zentrum und sehe in das Schaufenster eines Möbel-Kaufhauses. Darin stehen Garteneier in Weiß mit blauem Polster. Im Laden selber steht eine wunderschöne Möbel-Verkäuferin. Ich bin ganz hin. Blaue Augen, dunkelblond, schlank, etwas groß vielleicht. Ein Traum. Ich betrete den Laden, schleiche mich an ihr vorbei in die obere Etage und frage dort erst einmal nach roten Garteneiern. Rote gibt es nicht. Alles klar. Ich gehe wieder nach unten. Meine Blondine hat mit einer älteren Dame zu tun, die überhaupt nicht weiß, was sie will, außer sich „schön einrichten“. Während ich zum Schein den Laden inspiziere, höre ich mich in das Gespräch der beiden hinein. Es holpert, weil auch die Blondine überhaupt nicht weiß, was sie der Frau sagen soll; sie wäre noch ganz neu hier, sagt sie. Ich schlendere dezent in ihre Nähe – die Größe stimmt – und frage, ob ich eventuell helfen kann; zufällig verstünde ich ein bißchen was von Farben und so. Nach dem bekannten Seitenblick auf meine Uniform antwortet sie „Ja, natürlich, das wäre sehr nett von Ihnen“. Das Stimmchen – himmlisch. Ich bin noch hinner.

Dann lege ich los: Rot = warme Farbe, macht kleiner und gemütlich, aber unruhig, wild, brutal, Stiere, Toreros, Kino und Bordell; Blau = kalt und abweisend, intellektuell, weitet die Räume, Stahl, Glas, das Meer, der Himmel, Hans Albers, Sehnsucht und so; Grün wie die Waldwiese beruhigt, die Bäume, der Wald, Pfefferminzlikör; Gelb ist die Sonne, van Gogh und seine Strohblumen, heiter, locker, luftig, duftig und beschwingt; Weiß ist neutral und deshalb gut, weil es beliebig kombinierbar ist. „Schwarz werden Sie bestimmt nicht streichen wollen?“ „Um Gottes willen“, sagt die Frau, und ich fahre mit meiner Dampfplauderei fort: Die Farben und ihre Kombinationen, welche mit welcher und warum; dominante Elemente und Accessoires – unglaublich, was ich alles weiß –, und dann kommt das große Finale, die Gardinen: Wolle, Seide, Synthetik, Materialeigenschaften, Pflege – die Augen der Damen werden immer größer. Die Kundin verabschiedet sich etwas irritiert. Sie hätte heute viel gelernt und müßte noch einmal über alles nachdenken; sie käme demnächst wieder.

Prima. Die bin ich los. In den Augen meiner Blondine lese ich, daß sie jetzt keinen Uniformierten mehr vor sich hat. Sie erklärt sich ebenfalls für sehr beeindruckt und fragt mich nach meinen Wünschen. Also frage ich meine Blondine jetzt nach den roten Garteneiern. „Da muß ich mal nachsehen“, sagt sie und verschwindet; „kurz“, sagte sie. Nach einer Zeit, die ausgereicht hätte, das ganze Kaufhaus umzukrempeln, erscheint sie wieder und erklärt offenbar aufrichtig bekümmert, rote Garteneier wären leider keine da. Ja, genau deshalb hatte ich nach den roten gefragt. Ich bin auch bekümmert, fasse mich aber schnell wieder, und dann stelle ich die eigentliche Frage: Wann denn hier Feierabend wäre und ob sie dann eventuell Lust hätte, mir über meine große Enttäuschung mit den Garteneiern ein bißchen hinwegzuhelfen. Sie scheint kein bißchen überrascht zu sein und sagt: „Ja. Ich bin die Lu.“ In dem Moment fällt mir ein, daß ich am Abend ja wieder mit in die Kaserne muß. Ohne nachzudenken beschließe ich, straffällig zu werden.


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Ich bezahle das Rendezvous mit Lu mit einem Tag Arrest. Ein guter Preis. Die folgenden drei Wochen reiße ich mich zusammen, daß mein Zughelfer staunt. Meinen nächsten Antrag auf Kurzurlaub dreht er trotzdem erst einmal unschlüssig hin und her und gibt zu bedenken, daß der KC sich darüber wohl nicht so recht freuen würde; die Sache mit Weimar sei ja quasi noch ganz frisch. „Trolli“, sage ich, „ich war drei ganze Wochen lang artig – geh und versuch mein Glück“. Der KC will wissen, wozu ich den Urlaub brauche. Ich behaupte, meine Oma sei krank. Daraufhin läßt er mich fahren.

Ich verbringe in Weimar ein wunderschönes Wochenende. Lu hat einen vierjährigen Sohn, einen netten Jungen, den sie für den Sonnabend irgend wem „verkauft“ hat. Ich wandere mit Lu die halbe Nacht durch Weimar, den Rest verbringe ich auf dem Sofa in der Stube. Am Sonntagmorgen kommt der Junge und wir toben mit ihm bis zum Mittagessen durch den Park an der Ilm. Der Abschied am späten Nachmittag ist voller Wermut; die Rückkehr in die Kaserne erscheint mir wie ein Gang ins Gefängnis.

Natürlich kann ich mein loses Maul wieder nicht halten, und mein großes Glück mit der „Oma“ spricht sich bis zum KC durch. Meinen nächsten Urlaubsantrag gibt er mir persönlich zurück: „Ihre Oma ist ja wieder gesund, hab ich gehört.“ Dabei grinst er, das Schwein. Im weiteren stellen sich dem Wiedersehen mit Lu einige objektive Hindernisse entgegen. Während sie und der Junge auf mich warten, schleppen sich meine Tage im Kasernentrott dahin. Eine zeitlang gehen Briefe und Karten hin und her, doch das zarte Pflänzchen Liebe verkümmert, noch ehe es Zeit zum Grünen hat: Bei einem Anruf im Möbelhaus erfahre ich, daß Lu sich mit einem Kellner verlobt hat.

Weitere Zeit – viel Zeit – vergeht. Statt einer Uniform trage ich jetzt „Schwerter zu Pflugscharen“ am rechten Jackenärmel. Auch sonst hat sich eine Menge geändert. Ich bin geschieden und habe soeben im „Magazin“ eine Erzählung von Lu Sommer gelesen. Das rührt so Einiges auf; es wäre außerdem ganz gut, woanders hin zu ziehen. Ich rufe in ihrem Laden an und erfahre, daß sie jetzt im Hotel arbeitet, aber auch, daß sie sich von ihrem Kellner getrennt hat. Ich beschließe, einfach hinzufahren.

Zuvor will ich nach Berlin. Dort ist wieder irgend ein Festival; Berlin wird politisch bereinigt und die Polizei holt alle verdächtigen Elemente aus den Zügen. Auch mich holt eine Streife auf den Gang. „Personalausweis. Wo wollen Sie hin? Aha. Und das da?“ Er zeigt auf die bekannte Plastik mit dem Spruch aus Micha. „Tja“, sage ich, „wäre gut, wenn man damit mal ernst machen würde.“ – „Ja“, sagt der Grüne, der offenbar Humor hat, „und bis dahin? Wollen Sie das Ding dran behalten? Dann ist aber hier Endstation. Falls Sie sich dazu entschließen könnten, den Quatsch abzutrennen, kann ich Ihnen mein Taschenmesser borgen.“ Meine Pazifismus ist noch ganz neu. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dafür ein Wochenende mit der bezaubernden Lu opfern soll, also pussele ich meine neue, noch etwas mickrige Überzeugung wieder vom Parka. Minuten später bereue ich meine Inkonsequenz schon, denn im nächsten Bahnhof holt mich der uniformierte Drecksack trotzdem aus dem Zug, „zur Feststellung der Personalien“. Danach lohnt sich das Weiterfahren nicht mehr.

Am nächsten Wochenende fahre ich dann gleich ohne Micha, aber Lu ist nicht da. Im Hotel höre ich, daß sie sich mit ihrem Kellner ausgesöhnt hat und demnächst heiraten will. Ich übernachte bei einer netten älteren Dame. Diese Nacht gehört zu den schrecklichsten meines Lebens, denn am Kopfende des Sofas, auf dem ich zu schlafen versuche, befindet sich eine (verschlossene!) Standuhr mit einem irren Gong: Sie schlägt zu jeder Viertelstunde einen hellen Doppelgong, zu jeder halben zwei Doppelgongs, zur Dreiviertelstunde drei und zur vollen Stunde auch erst einmal vier, bevor sie anfängt, mit dröhnendem Baß die Stunden zu läuten, ebenfalls doppelt, um Mitternacht also acht plus 48 mal; es ist fast Vierteleins, als sie fertig ist und von neuem die Viertel einläutet. Die Frau scheint das Leiden ihrer Gäste zu kennen. Sie fragt mich bei einem Frühstück, mit dessen Opulenz sie mich wohl etwas für die wirre Nacht entschädigen will, ob das „Gebimmel“ mich vielleicht gestört hätte – „aber es ist doch wirklich hübsch, nicht wahr? Ich hör’s nur leider nicht mehr so richtig; die Ohren, wissen Sie?!“ Wir plaudern noch fast zwei Stunden lang über Gott und die Welt. Zum Abschied schenkt sie mir – wohl, weil sie mich mag – ein kleines Buch: „Die gestohlene Braut“ von Peter Murr ....

(12.05.2008)

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