Der Fisch
oder: Wie ich ein Trauma loswurde
Vom Sammler
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32 von rund 400 Gesteinsproben,
gesammelt von Lehrern um 1900,
weggeworfen von Leerern um 2000.
Der Fisch
&
oder:
Wie ich von einem Trauma befreit wurde
Neulich war ich wieder einmal bei Kali. Kali geht es rein äußerlich gesehen nicht schlecht. Seine „Rahmenbedingungen“ – er hat einen patenten Sohn und ein großes, schuldenfreies Grundstück mit einem schmucken Häuschen darauf – sind gut, und gesund (relativ, – muß man in unserem Alter ja sagen) ist er auch. Aber: „Die Seele ist krank“, sagt er immer. Ihre Gesundung erhofft er sich vom Kettenrauchen, Biertrinken und maßvoller Tätigkeit an frischer Luft. Zuletzt hat er sich auf seinem Grundstück eine hübsche kleine Kapelle auf vier Beinen gebaut, eine Baumhaus-Kapelle. Was ihm fehlt, ist eine Frau.
Was Kali hat, ist ein wunderschöner Briefbeschwerer, den ich für meine Monographie über die „Paperweights der nachklassischen Periode“ brauche. Ich will ihn mir entweder knipsen oder – am besten – borgen oder kaufen. Photoapparat und Geld habe ich eingesteckt. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich borge mit der Option Schenkung. Wir schnattern ein bißchen, dann verabschiede ich mich.
Im Gehen fragt mich Kali, ob ich einen Geologen kenne. Zufällig kenne ich sogar einen Doktor der Geologie. Kali meint, er hätte da eine Steinsammlung, die völlig durcheinander sei und erst einmal sortiert werden müßte. Er wolle sie loswerden, verschenken, vielleicht hätte der Geologe ja sogar Interesse. Die Sammlung hätte mal dem Gymnasium gehört. Als das Gymnasium umzog, hätte er, als der damalige Hausmeister, den Auftrag erhalten, alles zu entsorgen. (Wie entsorgt man eigentlich Steine?) Das hätte er aber nicht gemacht, und jetzt gingen ihm die schweren Kisten allmählich auf den Geist; er hätte in seiner Garage auch so schon kaum noch Platz.
„Klar“, sag’ ich, „ich frag’ mal rum.“ Ich sitze schon im Auto, da geht mir so einiges durch den Kopf: Vielleicht wäre ja auch für mich was dabei? Wenn Herbi (der Geologe) die Steine nicht nimmt, findet sich bestimmt jemand anderes; zur Not kann ich sie auch selber wegschmeißen. Und was, wenn Kali es sich anders überlegt?
Ich springe aus dem Auto und sage: „Weißte was? Ich nehm’ die Dinger gleich mit. Oder? Was meinste?“ – „Nischt lieber wie das“, sagt Kali, und wir laden ein. Das Autochen geht in die Knie. Nun bin ich Besitzer einer Steinsammlung. Unterwegs überlege ich, wie ich das der Katrin beibringe. Aber sie sagt nichts. Sie schnieft bloß und meint: „Na, hoffentlich kommen die Dinger wirklich wieder weg“ und hilft mir beim Ausladen.

Inzwischen ist es dämmerig geworden. Eine erste oberflächliche Bestandsaufnahme ergibt einen ernüchternden Befund. Nichts als Staub, Trümmer und graue Klamotten in -zig kleinen ramponierten Pappkästchen. Am anderen Morgen rufe ich Herbi an, dann sehe ich noch einmal genauer in die Kisten. Einige der Steine sehen wie Kristalle aus, andere sind der Beschriftung nach – wenn sie denn stimmt – Achate, Amethyste, Malachite usw. Ich nehme mir ein paar und gehe damit in’s Bad. Das erste, was ich freischrubbe, ist ein wunderschöner, intensiv leuchtender, korallenförmiger Malachit. Dann kommt Bergkristall zum Vorschein, als nächstes kristalliner Flußspat. Die Schächtelchen entpuppen sich bei Tagslicht als selbst gebastelte, aus herrlichen alten Marmorpapieren hergestellte Schmuckstücke. Die eingelegten Papiere mit den Bezeichnungen der Minerale, durchweg in Sütterlin (Kurrent?) geschrieben, sind zum Teil liebevoll kalligraphiert. Mein Freund, ein Buchbinder, versteht was davon. Er datiert Kästchen und Papiere auf die Zeit um 1850. Bei manchen nimmt er an, sie könnten noch früher entstanden sein; vielleicht sogar vor 1800. Und so was werfen die einfach weg, diese „Leerer“ der Provinz. Pisa läßt grüßen.
Dann kommt Herbi und wir schwelgen im steinernen Glück. Mir fällt ein viereckig behauener Stein in die Hände. „Hm, so’n oller Kalkstein“, sag’ ich und lege ihn in die Schachtel zurück. Herbert nimmt ihn wieder heraus, dreht ihn um und hält ihn mir unter die Nase (... sagt man halt so). Dazu spricht er gewichtig: „Ein Fisch!“ Donnerwetter!

Umgehend läuft vor meinem geistigen Auge ein alter, oft wiederholter Film ab, angetrieben von einem bitteren Stachel, den ich – statistisch gesehen – seit einem Drittel-Menschenalter in meinem Inneren herumtrage; oder -trug:
Ich bin neun, zehn, oder elf vielleicht, und wieder einmal im Ferienlager der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung. „Jeder Doofe einmal nach Glowe“. Ich bin schon das dritte mal da und habe Erfahrung in gewissen Dingen. Bei den Strandwanderungen bin ich zum Beispiel immer vorneweg, damit mir keiner mit interessanten Funden zuvorkommen kann. Diesmal aber findet ein vor mir gehendes Mädchen einen versteinerten Fisch, und das, obwohl ich doch (fast) die ganze Zeit die Truppe der Strandläufer angeführt hatte! Ich hatte mich nur einen Augenblick ablenken lassen, von meiner Freundin, die danach natürlich nicht mehr meine Freundin war: Ich nahm mir die mit dem Fisch. Aber es hat mir nichts genützt – sie hat ihn nicht herausgerückt ....
(November 2007)

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