Der Eisvogel
oder: Mit Kurte an der Brücke
Von Bernd-Ingo Friedrich
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"Kurte" ist immer mit dem Fotoapparat unterwegs; sein Apparat und der Muskauer Park sind die Lieben seines Lebens. Er gehört zu den Grünzeug-Enthusiasten, die argwöhnisch über jede Veränderung im Park wachen und Herzdrücken bekommen, „wenn irgendwas nicht stimmt“. Wenn zum Beispiel ein Ast am „Kamelbaum“ fehlt, muß das erörtert werden; dabei geht es dann darum, ob da einfach nur die Natur ihren Lauf nahm, oder ob man einen Schuldigen zu finden und anzuprangern hat. Es gibt Einige, die wie er Tag und Nacht und bei jedem Wetter mit der Kamera im Park unterwegs sind, weshalb man auch sagen kann, daß unser Park – außer Eisbär Knuts Gehege vielleicht – der am besten dokumentierte Flecken Erde ist. Wen der Park einmal gefangen genommen hat, den läßt er nicht mehr los. Ähnlich ist es mit unseren alten Kiefernwäldern, der ungekünstelten Natur. Neuerdings leiden die nur sehr unter dem Würgegriff der Strolche, die in Bäumen nichts als Rohstoff sehen können, weil sie ansonsten gemütlich in Bayern sitzen; wenn’s geht noch umweltfaselnd im Bundestag. Ich kenne einen, einen Maler, der ist von diesem Raubbau – Vattenfall haben wir hier ja auch noch - richtig krank geworden. Aber damit wollte ich mich eigentlich nicht befassen. Man kennt solche Halunken ja zur Genüge, aber Kurte und seinen Eisvogel kennt man noch nicht.
Also: Wir kommen da eines Tages an die Doppelbrücke und sehen dort schon Kurte stehen und an seinem Objektiv herumschrauben. Neben ihm steht ein Bekannter, und die beiden beobachten irgend etwas in der Neiße. Normalerweise geht man Kurt ja aus dem Wege, wenn man kann, aber diesmal geht das nicht, weil wir rüber nach Polen wollen und dazu über diese eine, weit und breit einzige Brücke müssen. Kurte hält einen nämlich mindestens eine Stunde auf, und wenn man es endlich geschafft hat, ihm zu entkommen, ist man genauso taub wie er, weil er die ganze Zeit auf einen eingeredet hat, abgesehen von den 4 ein halb Sekunden, in denen man Gelegenheit hatte, „aha“ zu sagen. Diesmal ist es ein Eisvogel, der ihn begeistert. „Guck mal, da sitzt er!“ dröhnt Kurte und zeigt hinüber in das Schilf bei der Jeanetten-Insel. Tatsächlich. Es sieht fast so aus.
Katrin hat noch nie einen gesehen und außerdem hat sie einen neuen Fotoapparat mit allen Schikanen. „Scheiße“, sagt sie, vergessend, daß sie ja eigentlich eine Dame ist, „der liegt natürlich im Schrank - wie immer!“ Überraschend kurz entschlossen erklärt sie, den Apparat schnell holen zu wollen und rennt los. Dazu muß man wissen, daß Katrin es normalerweise mit Churchills „No sports“ hält. Sie ist immer sehr auf ihre Ruhe bedacht, meidet hastige Bewegungen, und ihr liebstes Hobby ist, auf dem Rücken liegend fern zu sehen. Dem entsprechend läuft sie. Man hat immer Angst, daß ihre langen Beine sich verheddern. Aber es sieht sehr hübsch aus, wenn sie sich beeilt, und ich sehe ihr gerne dabei zu. Katrin eilt – oder hüpft – also heim. Es ist zu befürchten, daß der Eisvogel davonfliegt oder entkräftet von seinem Schilfstengel fällt, bevor sie mit dem Apparat zurückkommt, aber sie schafft es. Ich wundere mich über die Geduld des Vogels; Kurte erläutert lautstark: „Die sitzen manchmal stundenlang; die wollen ja einen Fisch fangen!“ Dann hat der Vogel sein Shooting. Katrin und Kurt knipsen um die Wette, anschließend gratulieren sie sich zu ihren tollen Schnappschüssen und Kurte entläßt uns endlich in den Park.
Heimgekehrt machen wir uns gleich ans Entwickeln, das heißt, wir lesen die Bilder in den Computer ein. Beim Ansehen der Bilder beschleicht uns unabhängig voneinander das Gefühl, daß mit dem Eisvogel etwas nicht stimmt. Katrin spricht es aus: „Also, ich freß einen Besen quer, wenn das ein Eisvogel ist. Mir kam der gleich so komisch vor. Wieso sitzt denn der da, bis ich wiederkomme?!“ Darüber hatte ich mich ja auch gewundert. Wir vergrößern den Exoten, so weit das geht, und es stellt sich heraus: Der Eisvogel ist eine zerknüllte Einkaufstüte von LIDL. Katrin, entgeistert: „Und dafür bin ich so gerannt ...!“
(16.12.2007)
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