Noch am Wachsen
Pilzgeschichten von biF
Mit einer Geschichte von EJD
Pilze gibt es groß und klein, mögest du ein Glückspilz sein! (Russisches Sprichwort)


Meine Pilzgeschichten
(24.06.2008)

Nr. 1: Erna in die Pilze.
Pilze gehören zum Lausitzer Ureinwohner wie der Bierbauch zum Bayern. Seit ich denken kann, bin ich im Wald nach irgend etwas herumgekrochen: Nach Käfern, Schmetterlingen, Eidechsen, Brennholz, Kienäpfeln, Blaubeeren, Preiselbeeren und natürlich Pilzen. Damals gab es die Pfifferlinge in Mengen wie heute nur noch Müll in den städtischen Grünanlagen. Die Großeltern und besonders eine Schwester der Großmutter waren echte Pilzkenner, die wie alle Einheimischen ganz selbstverständlich auch Exoten wie die falsche Morchel mitnahmen. (Heute wird sie als 'Giftlorchel' in allen Pilzbüchern zu Unrecht verteufelt.)
Omas Schwester, meine Tante Erna, ein Pechvogel ersten Ranges, wäre beim Pilze Sammeln einmal fast umgekommen. Sie war von einer Kreuzotter gebissen (oder gestochen?) worden, in ihrer Angst an die nahe Chaussee gelaufen und hatte versucht, ein Auto anzuhalten. Tante Erna war wettergegerbt, lang und hager. Sie trug ihre Pilzklamotten, die noch einen Tick schäbiger waren als die übrigen, denn sie legte nicht viel Wert auf Kleidung – außer auf 'schicke Schuhe'. Die hatte sie aber beim Hasten durch das Unterholz verloren; sie hatte blutige Striemen im Gesicht und an den Armen; ihre Haare waren zerzaust, voller Spinnweben und Kiefernadeln; die rechte Hand hielt noch krampfhaft das Pilzmesser fest, und ausgerechnet damit winkte sie den Autofahrern. Natürlich hielt keiner an – sie soll auch schon etwas irre ausgesehen haben. Schließlich kam dann einer, der sie kannte und anhielt, ihr das Messer wegnahm und sie ins Krankenhaus brachte, gerade noch rechtzeitig für eine Entgiftung. Das erste, was sie nach ihrer Entlassung tat, war: Sie ging mit Sandalen in den Wald – ihre Schuhe suchen!
(04.03.2008)

Nr. 2: Steinpilze und Bockkäfer.
Ich bin zum Gefechtsschießen der Mot.-Schützen bei Nacht abkommandiert; ich soll aufpassen, daß sie sich nicht gegenseitig abschießen, falls die Schützenreihen einmal durcheinandergeraten sollten. Das heißt: Ich soll dafür sorgen, daß die Schützenreihen gar nicht erst durcheinander geraten. Am Nachmittag zuvor muß ich die Sicherheit des Schießplatzes selbst absichern. Ich gehe mit einem alten G5 auf Kontrollfahrt, dessen Kupplung rutscht und der am Ortsaus-(oder Ein-)gang (je nachdem) von Weißwasser seinen Geist aufgibt. Der Vater einer ehemaligen Freundin wohnt gleich in der Nähe. Er arbeitet beim Wehrkreiskommando und hat ein Telefon. Von da aus fordere ich Hilfe an. Nebenbei erbeute ich ein hübsches Foto seiner Tochter. Dann gehe ich bis zum Eintreffen des Ersatzfahrzeugs rund um meinen maroden Oldtimer Pilze sammeln und bringe bis dahin eine stattliche Anzahl Steinpilze zusammen. Nachdem ich alle Schlagbäume um Brandt herum kontrolliert habe, fahre ich zum Zelt des Stabschefs und melde Vollzug. Er sieht im Fahrzeug meine Pilze liegen und fragt mich, ob ich mich mit den Dingern auskenne. „Ja“, sage ich, und er schleppt mich zu seinen Pilzen – offenbar hatte auch er eine Panne gehabt ... – und fragt mich: „Sind die Dinger alle gut?“ Ich sehe sie mir an und stelle fest, daß in der Schüssel mindestens zur Hälfte Bitterlinge sind; der Rest allerdings sind prachtvolle Steinpilze, prächtiger als meine vom Waldrand. Ich sortiere ihm redlich die Pilze – ihm die Bitterlinge zu überlassen und die Steinpilze zu kassieren, traue ich mich nicht –, dann begebe ich mich auf meinen 'Feldherrenhügel'. Mit Einbruch der Dämmerung schalte ich die Kontollampe auf dem begehbaren Dach meines Kontollhäuschens ein und bemerke wenig später, daß dicke Brummer um das Licht kreisen; herrliche Bockkäfer, die ich in meiner Sammlung noch nicht habe. Die Brummer prallen gegen das Lampenglas und fallen auf das Dach; ich brauche sie nur noch einzusammeln. Aber wo tue ich sie hin? Wo Soldaten sind, ist immer auch Müll. Ich sammle in der Umgebung ein paar leere Schmalzfleischdosen ein, an denen noch der Deckel hängt, und krieche hinauf auf das Dach; bis zum Beginn der Übung ist noch reichlich Zeit. Als es so weit ist, kommt der Stabschef zu einer letzten Sicherheitskontrolle. Sein SPW kommt so schnell den Hügel heraufgeschossen, daß mir keine Zeit mehr bleibt, von meiner Käfer-Sammelstelle zu kriechen. Sein Fahrzeug landet mit einem Satz, bleibt federnd stehen, und der Stabschef springt heraus wie der Teufel aus der Kiste. Er brüllt „Friedrich!“ in mein Häuschen, ich antworte von oben „hier!“ Der SC guckt erstaunt in die Höhe, ruft mir zu „nicht schlecht, von da oben sieht man besser“, hüpft zurück in den SPW und saust wieder davon. Ich höre ihn noch zu seinem Fahrer sagen: „Klasse Mann, der Friedrich“.
(19.04.2008)

Nr. 3: Die Frühjahrslorchel und andere Giftpilze.
Die „giftige“ Verwandte der Morchel, die Frühjahrslorchel, ist eine Spezialität, die nur noch Wenige zu schätzen wissen. In der Lausitz wurde sie von jeher gesammelt, in Polen findet man sie sogar heute noch auf Märkten angeboten. Sie wächst im Frühjahr – ihr Name sagt es schon – in Massen auf Totholz, vor allem auf Kahlschlägen.
Daß man sie inzwischen ganz und gar zum Giftpilz gemacht hat, kann ich mir nur damit erklären, daß die Pilzbuchmacher nicht die Rechtsanwaltsseuche auf den Hals haben wollen, sollte sich ein angehender Pilzkenner, der ihr Buch nicht richtig gelesen und/ oder verstanden hat, damit vergiften. Vergiften kann man sich mit jedem Pilz, sogar mit Pfifferlingen, wie man in einem der besten und verbreitetsten Pilzbücher, dem „Hennig“ nachlesen kann. Im Hennig kann man auch lesen, daß Buddha an einer Morchel-Lorchel-Vergiftung starb – aber der hatte wohl wichtigeres im Kopf, als in Pilzbücher und beim Kochen und Braten auf die Uhr zu sehen. Außerdem war er da Achtzig und sah vielleicht schon nicht mehr richtig; vermute ich einfach mal. Im Hennig steht auch: „Im Herbst 1944 verstarb einer meiner Kollegen, der noch 1938 an der Bearbeitung eines Bandes meines Handbuchs teilgenommen hatte, an einer Kremplingsvergiftung.“ Weil das hier nun keine Abhandlung über Giftpilze und Pilzgifte werden soll, nur so viel: Pilze sind etwas für Kenner – echte Kenner, wohlgemerkt, – und nicht so etwas wie die Schein-Weinkenner, die bloß genügend Geld brauchen, um gefahrlos einen 1945er Chateau-Mouton Rothschild verklappen können. Beim Pilz, da gilt es: Nur wahre Kenner überleben. Und bei der Lorchel muß man halt wissen, daß bestimmte Personen sie meiden sollten; daß man – aber das steht ja alles im Hennig.
Um sie essen zu können, muß man sie gut waschen und mindestens eine viertel Stunde lang – besser eine halbe – gut abkochen, das Kochwasser weggießen und anschließend noch einmal kräftig durchbraten. So erhält man eßbare Pilze, die mit Ei, Pfeffer, Salz und etwas Petersilie zubereitet eine Pilzpfanne ergeben, für die man Steinpilze ruhig stehen lassen kann. Darüber geht nur noch Krause Glucke. Getrocknete Lorcheln sind nach ein paar Monaten ungiftig und dann eine ganz hervorragende Suppeneinlage.
Aber nun bin ich – vor lauter Begeisterung – doch etwas „abgeschwiffen“. - Wir, die "OHS", sind im Feldlager in Haide, in meiner Heimat sozusagen. Es ist Frühjahr, das Wetter und andere Einflüsse sind offenbar besonders günstig und die Lorcheln wachsen in Un-Massen „auf Totholz und auf Kahlschlägen“. Am Tag der Rückreise in die Kaserne animiere ich meine Kommilitonen, ihre leeren Kochgeschirre mit Lorcheln zu füllen und garantiere ihnen für den Abend ein gastronomisches Highlight. Das Pilzgulasch schmeckt denn auch phantastisch, aber einer von den ganz Schlauen hat natürlich – nach dem Essen (!) – in seinem Lexikon nachgesehen und herausgefunden, daß er vermutlich sterben muß.
Er benimmt sich auch ganz so, aber zum Arzt getraut er sich nicht, weil – er hätt’s ja nicht gedurft. Ich meine, er hätte die Pilze weder sammeln noch essen dürfen. Also horcht er schicksalsergeben in sich hinein und jammert so lange herum, bis es auch dem letzten Essenteilnehmer so scheint, als hätte er ein merkwürdiges Gefühl im Magen. Einer nach dem anderen kommt zu mir: „Du, hör mal, mir ist so komisch. Bist du sicher, daß die Dinger gut waren?“ – „Ja, geh schlafen.“ – „Du, was machen wir denn, wenn wirklich was passiert?“ – „Es passiert nichts; guck mich an: Alle meine Vorfahren sind von Lorcheln so groß und kräftig geworden wie ich!“ – „Haha, sehr witzig!“ – „Ja, genau, und jetzt laß mich endlich schlafen!“ – „Oh je, hoffentlich geht das gut!“
Die ganze Nacht hindurch geht das so. Natürlich gebe ich nicht zu, daß ich selber auch schon längst in mich hineinhorche und wenig erbauliche Betrachtungen anstelle. Als der Morgen graut, sind alle fix und fertig. Der KC wundert sich etwas und führt die grauen Gesichter der Genossen auf den „Feldzug“ zurück ....
Einige Jahre später darf ich mir mit Erlaubnis der Stationsschwestern im Krankenhaus von Elbingerode ein Gericht aus Herbstpilzen zubereiten. Es enthält Lila Lacktrichterlinge, Grünspanträuschlinge (giftgrün), Samtfußrüblinge (leuchtend gelb) und Hallimasche (braun). Die Schwestern sehen die Pilze leider vor dem Braten und vermiesen mir das Essen, auf das ich mich so sehr gefreut hatte, auf ähnliche Weise, indem sie nämlich ständig nach mir sehen und meinen Puls und Blutdruck messen.
Merke: „Giftpilze“ schmurgelt man sich am besten nicht in Gesellschaft.
(12.05.2008)

Nr. 4: Rechts der Isar.
Ich bin eine große rotierende Scheibe auf dem Stab eines unsichtbaren Äquilibristen; der Stab ist unendlich lang und biegsam und schwankt – mitunter bis fast in die Waagerechte – in verschiedene Richtungen hin und her; ich habe Mühe, mich auf ihm zu halten; manchmal scheint er zu kippen; dann verwandelt sich das diffuse, orange-rot leuchtende Medium, in dem ich mich bewege, allmählich in lichthelle, einander durchdringende Spiralen; gewaltige Klänge füllen den kosmisch anmutenden Raum; die Rotation scheint mehrmals im Nichts zu enden, um sich jedoch jedes Mal zu erneuern und mit desto größeren Schwankungen fortzusetzen; der nicht unangenehme Schwebezustand löst sich urplötzlich auf in Finsternis und Schweigen. // „Wo bin ich?“ // Mit diesem peinlichen Satz auf den Lippen oder im Kopf erwacht man in Filmen oder Romanen aus dem Koma; daraufhin wird man von liebevollen Menschen unterrichtet und in die neuen Verhältnisse eingewiesen. // Als ich erwache, schwant mir gleich Ungutes und ich stelle lieber erst einmal keine Fragen. Ein Mensch mit Grips, Augen im und Ohren am Kopf kriegt früher oder später sowieso alles raus. Ich bin völlig nackt und liege unter einem Laken in einem merkwürdig komplizierten Eisenbett. Als erstes fällt mir auf, daß ich mich nicht bewegen kann. Ich gehe dem vorläufig nicht auf den Grund und sehe mich weiter um. Ich befinde mich in einem kleinen fensterlosen Raum mit ein wenig Dämmerlicht, aus dem heraus von überall her und offenbar nicht weit entfernt von mir gelbe, grüne, rote und blaue Lämpchen leuchten. Eine ungeheure Menge seltsamer, nie gekannter Apparate umgibt mich; Schläuche hängen umher, durch die irgend welche Flüssigkeiten sickern; die Luft ist erfüllt von einer Vielzahl von Geräuschen; es blubbert, summt, tickt und piept pausenlos; dazu raschelt Stoff, quietscht hin und wieder etwas; es klingt wie Gummi. Es riecht unangenehm nach Wachstuch und Desinfektionsmitteln. Dann entdecke ich einige Schatten. Hinter mir müssen Menschen sein. Ich will die Augen schließen und mich schlafend stellen, schlafe jedoch richtig ein. // Ich schaue mich weiter um und stelle erste Vermutungen an. Eins scheint mir sicher zu sein: Man hat mich verschleppt und hält mich gefangen, und zwar in einer – vermutlich unterirdischen – Autowerkstatt, oder in einer Garage. Meine Vermutung wird erhärtet durch den Anblick zweier Vermummter, die blaue Overalls tragen. Aber warum? Und wieso kann ich mich nicht bewegen? – Drogen! Klarer Fall! // Aber was haben die Vermummten vor? Am Handgelenk des einen kann ich sehen, daß er dunkle Haut hat. Das könnte ein Italiener sein, und dann käme vielleicht die Mafia in Frage. Aber was sollte die Mafia von mir wollen? Mafia und Gomorrha; Gonorrhoe und Camorra, Sodom oder Samarkand – es ist verwirrend; ich schlafe wieder ein. // Durch eine Glasscheibe hindurch, die ich bisher noch nicht bemerkt hatte, sehe ich eine Frau irgend etwas tun. Ich kann leider nur ihren Oberkörper sehen; sie bewegt sich rhythmisch, als würde sie harken. Sie trägt hochgeschlossene, dunkle Kleidung, ein Kopftuch und einen Schnurrbart. Auch sie ist dunkelhäutig. Jetzt wird mir klar: Es sind Araber, oder Türken, in deren Hände ich gefallen bin. Wie haben die mich so schnell da runter gekriegt? Die Sache wird immer mysteriöser, denn was die Muselmänner mit mir vorhaben könnten, kann ich mir erst recht nicht denken. Die Frau sieht irgendwie unglücklich aus; vielleicht ist sie auch wider Willen hier. Ich versuche, ihr ein Zeichen zu geben und rolle mit den Augen, aber entweder versteht sie mich falsch, denn sie verschwindet aufgeregt und holt zwei von den Vermummten herbei; oder die Kerle haben sie eingeschüchtert; vielleicht ist sie ihnen auch hörig. Ich tauche ab, stelle mich schlafend und höre die Vermummten in einer merkwürdigen Sprache miteinander reden. Was ich höre, klingt wie Deutsch, ist aber schwer zu verstehen. Es könnte eine Geheimsprache sein, die weder ich noch die Sklavin verstehen sollen. // Eines Tages werde ich von zwei Vermummten besichtigt, die ein bißchen aussehen wie Mondmenschen. Sie tragen keine Overalls, sondern Kittel. Man sagt mir, es handle sich bei dem einen um meine Frau und bei dem anderen um deren Freundin. Ich glaube das aber nicht; ich denke, daß es sich um zwei Höhergestellte inkognito handelt, weil sie von den anderen bedient und an- und ausgezogen werden, und rede nicht mit ihnen. // Ich werde aus dem Ganzen überhaupt nicht schlau, also konzentriere ich mich auf das Naheliegende. Ich muß hier raus, so viel steht fest. Aber wie soll ich flüchten, wenn ich nicht einmal weiß, wo ich bin? Ich konzentriere mich stärker auf die mich umgebenden Geräusche. Hin und wieder sind Motoren zu hören, das Quietschen einer Straßenbahn, wie mir scheint; und relativ häufig ertönen Sirenen: Blaulicht. Das heißt, ich bin in einer größeren Stadt. Allmählich formt sich das Bild meiner Umgebung. Ich bin sicher, daß irgendwo ein Fenster sein muß, dahinter ein Gebüsch, eine Straße, eine Treppe – es kann gar nicht anders sein. Der Fluchtweg wäre damit klar; ich brauche allerdings noch etwas, womit ich meine Wärter eventuell niederschlagen kann. Sorgen machen mir auch Geld und etwas anzuziehen. Mir fällt ein, daß ich auch keine Ausweise habe, daß ich eigentlich überhaupt nichts habe. Vielleicht sollte ich zunächst nur bis in das Gebüsch flüchten und jemanden ausrauben? Aber was, wenn sie mit Hunden kommen? Ich bin in einer ziemlich vertrackten Lage. // Erinnerungsfetzen tauchen auf und sogleich wieder ab; ich bekomme sie nicht zu fassen. Mitunter habe ich das Gefühl, in einem Krankenhaus zu sein, aber ich kann mir nicht erklären, warum, und wie das zur Entführung paßt. Meine Besorgnis nimmt zu, als ich entdecke, daß all die Strippen und Schläuche, die mir anfangs gleich aufgefallen waren, an und in meinem Körper enden. Ich bin förmlich gespickt mit Nadeln und Haken! Sie haben mich einfach am Bett befestigt wie einen Köderfisch am Angelhaken; die Schweine! Und sie müssen irgend etwas mit mir angestellt haben, denn mein Bauch fängt an zu schmerzen und auch anderswo fängt es gelegentlich an zu muckern. Der größte Schreck steht mir allerdings noch bevor. // Allmählich realisiere ich, daß ich tatsächlich in einer Klinik liege, bin aber nach wie vor davon überzeugt, daß mit den Leuten hier irgend etwas nicht stimmt. // Zur Gewißheit wird mein Verdacht, als ich bei einem Verbandswechsel zum ersten mal meinen Bauch sehe. Er ist kreuz und quer aufgeschnitten, und: Er ist zugetackert! Die nächsten Tage und Nächte sind voller Albträume. Im schlimmsten, immer wiederkehrenden, sehe ich mich selbst als einen wie aus einer Erzählung von Kafka entsprungenen Buchhalter in einer Art Cockpit sitzen, mit Stacheldraht an einen Drehstuhl gefesselt, und höre mich mir selber das Ganze erklären; nämlich, daß es sich dabei um etwas ganz Normales handle, denn das ganze Leben sei halt so: Man werde auf einen Platz gestellt, oder gesetzt, über tausend Drähte damit verbunden, und hätte sodann auf diesem auszuharren; seine Pflicht zu tun; und eben das täte er/ ich nun hier; das sei alles ganz normal. Dabei zuckt das Er-Ich konvulsivisch, als würde Strom in unregelmäßigen Intervallen durch die Stacheldrähte geschickt, und ich kann seine Schmerzen deutlich nachfühlen. Ich bin entsetzt und fasziniert zugleich. // Im Wachen beschäftigt mich ständig der Gedanke, wie sie die Klammern wohl entfernen mögen, denn da sie inwendig sicherlich umgebogen sind – anders würden sie ja kaum halten – sehe ich nur die Möglichkeit, daß sie mich erneut aufschneiden, aufklappen, die Dinger rausholen und mich dann so zunähen, wie man das eben kennt. Aber was, wenn sie mich wieder tackern, dann müssen sie ja wieder aufschneiden, tackern, schneiden und so immer weiter? Vielleicht bin ich sogar bloß deswegen hier? Bestimmt: Die probieren an mir das Tackern aus! // Eines Tages fahren sie mich umher und bringen mich in ein anderes Zimmer. Dabei sehe ich, daß meine Vermutung mit dem Gebüsch ganz richtig war. Auch eine Art Treppe scheint es da draußen zu geben. Diese führt allerdings nach oben, während ich von einer abwärts führenden Treppe ausgegangen war. Das neue Zimmer hat, soweit ich sehen kann, zwei Ausgänge, oder Eingänge; je nachdem. Das sieht schon mal gut aus; außerdem hat es gleich neben dem Bett ein Waschbecken. Da fällt mir erst auf, daß ich überhaupt nichts zu essen und zu trinken kriege. Der Wasserhahn zieht mich magisch an. // Beaufsichtigt werde ich neuerdings von Krankenschwestern. Die sind allerdings genauso raffiniert wie die Vermummten und lassen mich keine Sekunde aus den Augen; vielleicht sind es gar keine richtigen Krankenschwestern, sondern Vermummte, die nur so tun. Sie ahnen wohl etwas von meinen Plänen und wollen mich in Sicherheit wiegen. Ständig ist eine in der Nähe, und sowie ich einen Versuch mache, an das Waschbecken heranzukommen, stürzen sie sich auf mich und behaupten, ich dürfe nichts trinken. Mich irritiert, daß sie so nett sind. Um wiederum sie in Sicherheit zu wiegen, bin ich ebenfalls nett. Eine kleine Schwester gefällt mir sogar. Sie schwatzt gern und geht dazu hin und wieder nach draußen, nicht ohne die Tür anzulehnen und mich durch einen Spiegel an der Innenseite weiter zu beobachten. Eines Tages höre ich ihre Stimme aus größerer Entfernung und sehe sie nicht im Spiegel. Das ist meine Chance; darauf habe ich gewartet. Die Kleine tut mir ein bißchen leid – wer weiß, was sie nachher mit ihr anstellen werden – aber es muß sein. Ich reiße mir sämtliche Strippen und Schläuche ab, hangle mich aus dem Bett und daran weiter bis zur Tür. Auf dem Gang ist niemand zu sehen. Ich flüchte mich in einen der gegenüber liegenden Räume, wo ich mich in einem Labyrinth aus Regalen, Spülen und Geschirr verirre. Dann wird mir schlecht. Ich falle einfach um. Ich bekomme noch mit, daß ich im Fallen einen Stapel Blechnäpfe umreiße, höre noch kurz, wie aus weiter Ferne, die Schwestern aufschreien, dann wird es dunkel. Als ich wieder zu mir komme, finde ich mich von mehreren Schwestern umringt, die offenbar alle fieberhaft versuchen, die Spuren des Geschehenen zu verwischen. Im Zimmer und auf dem Gang, so weit ich ihn sehen kann, sieht es aus, als wäre jemand geschlachtet worden; überall ist Blut, vermischt mit anderen, übel riechenden Flüssigkeiten. // Mein Fluchtversuch ist gescheitert. // Nach kurzer Zeit in dem fensterlosen Kerker werde ich wieder verlegt, diesmal in einen größeren Raum mit mehreren Leuten. Inzwischen dämmert mir, daß etwas passiert sein muß, daß ich tatsächlich in einem Krankenhaus sein und daß man es eventuell auch gut mit mir meinen könnte. Nur die Zusammenhänge sind mir noch nicht ganz klar, und ich bleibe mißtrauisch. Ich gebe mir zwar Mühe, die Erklärungen der Schwestern und Ärzte zu begreifen, aber es ist, als hätte der Kopf ebenfalls etwas abgekriegt. Die Rede kommt immer wieder auf irgend welche giftigen Pilze, und mir ist, als sollte ich damit etwas anfangen können. Doch der zündende Funke bleibt aus. Außerdem verstehe ich nicht alles, was sie sagen. Die einen, meistens die Dunkelhäutigen, sprechen einfach nur schlechtes Deutsch; die anderen sprechen, wie ich zu meiner großen Erleichterung erkannt habe, bayerisch. // Seit meiner Eskapade habe ich eine Art „Leibschwester“, die sich unablässig um mich kümmert. Meistens ist es eine hübsche junge Türkin, die mich mit der Art, wie sie das Wort „Bromuk“ ausspricht, ganz nervös macht. („Bromuk“ ist ein ekelhafter Schleimlöser, den ich mehrmals am Tage in mich hineinkippen muß.) Sie ist ungeheuer wachsam. Sowie ich nur den Versuch unternehme, mich im Bett oder in meinem Rollstuhl aufzurichten, wird sie zur Furie. Andererseits hat sie eine Engelgeduld und erklärt mir eine Menge. // Ich bekomme heraus, daß meine Leber hinüber war und ausgewechselt werden mußte. Die Nieren sind auch hin, aber es gibt zur Zeit keine neuen. Das erscheint mir etwas merkwürdig. // Ich insistiere täglich, daß ich endlich etwas zu essen haben will, vor allem zu trinken, denn mein Durst ist mittlerweile so unerträglich, daß ich deliriere und ständig von Wüsten, Oasen und Wasserfällen träume. Eine etwas einfältige ältere Schwester, die ich sowieso nicht leiden kann, weil ich sie im Verdacht habe, daß sie mich absichtlich quält und Informationen unterschlägt, kann ich des öfteren dazu bringen, den Tupfer, mit dem sie mir gelegentlich die Lippen anfeuchtet, ordentlich tief in das kalte Zitronenwasser einzutauchen, und sowie sie nicht aufpaßt, schnappe ich zu und sauge den ganzen Tupfer aus. Es gibt jedesmal ein Heidenspektakel, wenn sie mit Hilfe einer zweiten Schwester versucht, mir den Tupfer wieder wegzunehmen. // Mein erstes Essen: Es gibt Zwieback, ein einziges Stück. „Probieren Sie nur erst mal ...“ Ich frag mich, was das soll, knabbere aber drauflos, bevor es sich jemand anders überlegt; ein Zwieback ist besser als gar keiner. Ich habe ein höchstens haselnußgroßes Stück davon im Mund, aber es fühlt sich an, als hätte es das Format einer Melone und würde immer noch größer. Mein Hals ist staubtrocken, obwohl ich auch ein wenig Tee dazu nehmen darf; ich kann den Zwieback im Mund hin- und her- und um- und umdrehen – ich kriege ihn einfach nicht herunter. Ich bin völlig perplex und so enttäuscht, daß ich losheulen muß. Bisher habe ich alles verkraftet, aber das ist zuviel. // Ich soll in die Dialyse. Mir ist schon wieder fast egal, was sie mit mir anstellen, aber die Vorbereitungen auf die Dialyse sind äußerst besorgniserregend. Etliche Apparate werden von den Gestellen geschraubt und am Fußende meines Bettes deponiert; die Krankenakte kommt dazu; Flaschen, Schläuche, Zellstoff, Kleinkram. Das Bett mit mir und all dem Kram wird in einen Fahrstuhl geschoben und im Keller entladen. Es beginnt die – noch oft wiederholte – Fahrt durch einen endlos langen Gang mit Heizungsrohren, Armaturen, Türen und Nischen, in denen lauter Ausländer mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt sind; sogar einen kleinen Laden gibt es da unten. Hier also haben sie ihre „underdogs“ versteckt. Die Leute wirken im Licht der summenden Leuchtstoffröhren müde. Auf einmal kippt die gesamte Szenerie: „Fleisch“ – der Film, in dem eine junge Frau ihren während der Flitterwochen entführten Mann aus den Fängen der Organhändlermafia befreit – da bin ich also gelandet! Es ist genau derselbe Gang, durch den sie mich gerade fahren, und mir erzählen sie sonstwas; von wegen Giftpilze! Und wer weiß, was sie mir schon alles rausgeholt haben! In meinem Gehirn arbeitet es fieberhaft. Was soll ich tun; was kann ich überhaupt tun?! Auf alle Fälle werde ich mein Fell so teuer wie möglich verkaufen. In der Dialyse kommt ausgerechnet eine junge, gutaussehende Ärztin auf mich zu und will mir irgend etwas erklären. Ich bin fassungslos. Daß ausgerechnet so eine mich ausnehmen will, empört mich mehr als die Tatsache selbst. „Schämt ihr euch nicht, euer Geld mit derart schäbigen Machenschaften zu verdienen!?“, herrsche ich die verdatterte Frau an, „aber das werd’ ich euch versalzen; so leicht kriegt ihr mich nicht!“ In diesem Ton geht es weiter bis hin zu handfesten Beschimpfungen, die ich selber gar nicht mehr mitbekomme und von denen man mir später auch nichts mehr erzählen will. Meine Empörung ist maßlos. Der Ärztin bleibt nichts anderes übrig, als abzubrechen und mich auf die Station zurück zu schicken; zum „Sedieren“, wie sie sagt. // Der zweite Versuch klappt, weil sie mich vorher „sedieren“, wie die Ärztin sagte. Ich habe aber eine fürchterliche Angst und bekomme kaum noch Luft, so daß sie wiederum abbrechen und mich beatmen müssen. Die nächsten Male überbrücken sie die kritische Phase mit Hilfe von Asthma-Spray, doch die Dialyse bleibt mir lange Zeit schrecklich. Dazu tragen nicht wenig einige Bilder bei, die darin hängen. Sie scheinen in der Pathologie entstanden zu sein und hängen hier, weil der Sohn des Chefarztes sie gemalt hat. Ich gewöhne mich auch daran. // Zum ersten Mal wieder laufen! Ich nehme mir vor, meine Umgebung gründlich zu studieren, denn ich habe meinen Fluchtplan wegen erheblicher Mängel zwar einstweilen begraben müssen, aber noch lange nicht aufgegeben. Ich komme vom Kopfende meines Bettes bis zu seinem Fußende, ehe mir schlecht wird und ich mich wieder hinlegen muß. Diesmal heule ich vor Wut. Die nächsten Übungen absolviere ich verbissen und mache so schnelle Fortschritte, daß die Schwestern staunen, – sagen sie. // Mit der Zeit haben sich die Bilder der Erinnerung mit dem jüngst Erlebten und Gehörten zu einem einigermaßen sinnvollen Bild zusammengesetzt. Ich tue, was man mir sagt und mache alles mit, was mir sinnvoll erscheint. Ich putze mir schon selber die Zähne, wobei allein das Armheben eine Tortur ist; zu schweigen von den „Drahtbürsten“, die sie mir täglich frisch aus der Verpackung pellen; und ich kann wieder ein paar Schritte allein laufen. Doch es beginnt mich zu stören, daß man mich täglich mit Dutzenden Pillen nudelt. Ich protestiere. Die Schwestern lachen anfangs, doch allmählich werden sie unruhig und ich merke, daß ich „sie habe“. Wer hätte gedacht, daß sie so leicht erpreßbar sind. Sie holen einen Arzt. Auch der wird sichtlich nervös und bestärkt mich dadurch in meiner Weigerung, all das Zeug einzunehmen. Ich beschließe, knallhart meine Bedingungen zu stellen. Erst einmal handfeste Mahlzeiten und was Ordentliches zu trinken. Dann: Homöopathie, denn das mit all dem Chemiekram kann ja bloß schiefgehen. Einen Hometrainer in mein Zimmer, damit ich zu Kräften komme. An dieser Stelle lacht auch der Doktor. Daß es ihm mit den Pillen aber bitterernst ist, erkenne ich daran, daß er mich zu sich ins Dienstzimmer rollen läßt, sich sehr viel Zeit nimmt, lange auf mich einredet, und mir alles mögliche erklärt. Das Gespräch, in dem mir klar wird, was auf dem Spiel steht, dauert fast zwei Stunden. Ich zeige mich einsichtig. Vorsichtshalber droht mir der Doktor noch mit den Schläuchen. // Um eine Leber überhaupt auszuwechseln zu können, müssen die Chirurgen eine ganze Menge anstellen: Die Eingeweide ausräumen, Blutgefäße umleiten, alte Verbindungen kappen, neue herstellen, alles wieder möglichst genau zusammenlegen und einräumen; aufschneiden und „zutackern“ inbegriffen. Die OP ist hochkompliziert, sehr langwierig und erfordert etliche Nachsorge. Die Plagen damit nehmen einfach kein Ende. Zu ihnen gehört das Ziehen der Fäden aus der kurzzeitig umgeleiteten, anschließend zurückverlegten und wieder vernähten Beinarterie in der Leistengegend. Der Eingriff findet zusammen mit einigen anderen kleineren im OP-Saal statt und geht unproblematisch über die Bühne. Während des Transportes zur Station läuft uns plötzlich aus einem der an den Flur grenzenden Sprechzimmer eine aufgeregte Ärztin nach und macht uns auf die Blutspur aufmerksam, die wir auf dem Gang hinterlassen haben. Als sie das Bettzeug anhebt, unter dem ich liege, schießt ein dicker Blutstrahl hervor: Die Arterie ist wieder aufgeplatzt. Die von meinem Körper in die Matratze eingedrückte Kuhle ist handbreit voll mit Blut; was nicht mehr hineinpaßte, war übergelaufen und auf den Boden getropft. Während ein junger Arzt auf mir kniet und die Arterie abdrückt, machen sich andere an mir zu schaffen und bereiten die Reparatur des Schadens vor, der mir noch wochenlang Ärger macht. Ich werde eingeschläfert und kann vor dem Wegsacken gerade noch denken: Schade, fast geschafft! Um so erstaunter registriere ich anderntags, daß ich noch lebe und denke einen Moment lang unwillkürlich: Schade; das Sterbchen war eigentlich gar nicht so übel. // Der Oberarzt kommt, ein wenig verlegen, nach der Visite noch einmal an mein Bett und spricht: „Also, Herr Friedrich! Wie Sie sicherlich mitbekommen haben, gibt es hier im Haus mehrere ‚Knollenblätterpilze’; und überhaupt gibt es dieses Jahr im ganzen Bundesgebiet ungewöhnlich viele solcher Fälle. Das Fernsehen will eine Sendung darüber machen, Aufklärung sozusagen, und hat deswegen bei uns angefragt. Ja, und da haben wir an Sie gedacht. Den Rumänen können wir nicht nehmen; Ihr ehemaliger Bettnachbar ist schon zu sehr hinüber; und den aus der 104 können wir auch nicht nehmen, der ist, na ja, ich sag’s mal vorsichtig, nicht der Hellste. Aber Sie würden das bestimmt gut machen. Es ist allerdings RTL – ja, ja, ich weiß. Sie haben Zeit bis morgen; überlegen Sie sich’s in Ruhe; ich würd’ es jedenfalls gut finden.“ Ich komme nach einer Weile des Nachdenkens zu dem Schluß, daß ein Fernsehauftritt gar nicht so übel wäre, vor allen Dingen, weil er mir künftig eine Menge Erklärungen ersparen würde. Ich möchte allerdings nicht, daß ich der Öffentlichkeit als die Ruine vorgeführt werde, die ich momentan bin, denn ich hoffe noch, irgendwann wieder einmal arbeiten zu können. „Klar“, sagt der Doktor, „das arrangieren wir alles.“ Zunächst arrangiert er zusammen mit den Stationsschwestern eine zünftige „location“. In dem Zimmer, in das ich für den großen Dreh geschoben werde, sieht es aus wie damals, als ich mich in einer Garage wähnte, nur daß die Schläuche, die in meinem Körper steckten, nun blind hinter mir unter dem Kopfkissen enden. Ich werde positioniert, mein Bettzeug wird drapiert, der Nachttisch mit Meßgeräten dekoriert, mein Bett mit Tupfern garniert und die Befragung beginnt. Der Doktor, der seine Rede nebenan eifrig geprobt hat, leitet ein. Er setzt sich nahe dem Fenster ins rechte Licht, fährt noch einmal mit den Fingerzinken seiner rechten Hand durch seine schütteren blonden Haare und legt los: „Also: Als der Patient zu uns kam – im Rechts der Isar – Intoxikation – Koma – doppeltes Organversagen – dehydriert – inhibiert, füsiliert und ziseliert – nicht ansprechbar – wenig Chancen“ und so weiter – genau das, was ich befürchtet hatte. Zum Glück schneiden die RTLer diese Stelle später raus. Obwohl ich dafür gar nichts kann, nimmt der Doktor mir das schwer übel. // Ich bin auf dem Weg in die Urologie und stehe liegend – im Bett – im Fahrstuhl; Zwischenstop. Die Türen des Elevators driften auseinander, eine ältere Dame verharrt beim Betreten desselben kurz, sieht mich an und sagt: „Mein Gott, Sie haben aber schöne Hände!“ Darüber freue ich mich sehr, denn ich habe mich am Morgen zum ersten mal komplett in einem Spiegel gesehen: Ich bin – 1,72 groß – ein lederbezogenes Skelett mit Bauch von knapp 49 Kilo geworden; nichts weiter als Knochen und faltige Haut voller Löcher, Narben, Blutkrusten und blauer Flecke. Vermutlich gefallen der Dame meine Hände, weil sie aussehen wie die von Jesus auf einer Pieta; oder wie Dürers betende Hände, die sie – vielleicht – in ihrem Wohnzimmer hängen hat ... // Drei Monate lang habe ich nur Krankenhausinterieurs gesehen; nun sitze ich zu Hause bei Schwester Christiane an einer wunderschön gedeckten Tafel: Richtige Teller aus Porzellan, silbernes Besteck, Kerzen flackern, Braten- und Glühweinduft durchzieht die Räume – es ist Weihnachten. Ich bin wieder Mensch.
(17.06.2008)

Vier Nachsätze zu "Rechts der Isar".
Als meine Mutter starb, zog mein Vater in eine kleinere Wohnung. Einen nicht geringen Posten bei der Auflösung seiner alten Wohnung stellte der „Kartoffelkeller“ dar, in dem sich unter anderem Dutzende Konserven befanden. Ich nahm mir davon lediglich ein Glas Champignons mit. Es enthielt Knollenblätterpilze.
(24.06.2008)

Apendix: Erlebnisgastronomie.
An dieser Stelle muß ich eine Anekdote nachtragen, die eigentlich noch in das Leber-Kapitel gehört hätte. Dazu muß man nur wissen, daß im Rechts der Isar alle Dienstleistungsbereiche fest in türkischer und jugoslawischer Hand sind und innerhalb der offiziellen Hierarchie von verschiedenen Clans mit eigener Infrastruktur verwaltet werden; die Mitarbeiterinnen sind hochspezialisiert und verrichten – ähnlich wie beim Fließband – Teiltätigkeiten, die sich vermutlich von ihren Werkzeugen herleiten. Und so wälzen sich den ganzen Tag über schier endlose Karawanen von Reinigungsspezialistinnen durch die Räume der Stationen, die mit ihren Minijobs tatsächlich auch ein wenig Geld zu verdienen scheinen. Eine solche Spezialistin erfreut mich eines Tages mit einer ganz aparten Einlage.
Also: Ich kann mir schon wieder ein bißchen große Klappe leisten; das heißt, ich bin schon etwas mehr als ein bloßer Rekonvaleszent und sitze aufrecht am Mittagstisch. Dieser Tisch steht, wenn wir das schmale Zimmer einmal von der Tür aus betrachten, längs an der linken Wand hinter einem Kleiderschrank, dem Bett schräg gegenüber. An jeder Schmalseite steht ein Stuhl. Ich sitze auf dem der Eingangstür zugewandten Stuhl, der andere befindet sich mir gegenüber zwischen Schrank und Tisch. Halb über diesem Stuhl, halb über dem Tisch hängt ein Gestell mit einem riesigen Fernseher, so daß man sich bequem vom Bett aus bilden kann. Vor mir steht mein Mittagessen, Schmorbraten mit Sauerkraut und Semmelknödel; eine für die hiesigen Verhältnisse äußerst schmackhafte Speise. – So.
Plötzlich geht die Tür auf, und eine knuffige Türkin mit der typischen Einheitskleidung – Kopftuch, Mantel, Badelatschen – kommt grußlos auf mich zugewatschelt, mit der Rechten ein Staubtuch schwenkend. Vor dem freien Stuhl macht sie halt, schnippt sich die Latschen von den Füßen, klettert schnaufend erst auf den Stuhl, von da aus auf den Tisch und bewegt sich vorsichtig auf meinen Schmorbraten zu. Einen Fuß links, einen Fuß rechts neben meinen Teller setzend, befreit sie meinen Fernseher vom Staub; ihre fetten Zehwürmer wippen dabei auf und ab. Sie putzt aber nur die Bildröhre – wohlgemerkt –, denn das Gehäuse hatte zuvor schon eine Jugoslawin geputzt; mit anderem Werkzeug; versteht sich. Ich bin mir ziemlich sicher: Dazu wäre auch einem Schlagfertigeren als mir nichts eingefallen!
(18.06.2008)

Der Steinpilz. Von Ernst-Jürgen Dreyer.
Denn wie wir die Schwammerln geputzt haben, mein Bruder und ich, und den Steinpilz so zerschnitten, daß man ihn schon noch hat herauskennen können in dem Gericht, und unsre Mutter hat uns die Schwammerln zubereitet, und wir sitzen in der Veranda, jeder vor seinem Teller, und stochern herum, ob wir unseren Steinpilz wiederfinden, und schmecken genau hin, da sagt mein Bruder: Du, der Steinpilz, wenn ich ein Stück davon erwische, der schmeckt ja bitter wie Galle, daß man ihn gar nicht essen kann. Was? sag ich; also bei mir nicht; aber ich hab das kaum gesagt, da krieg ich auch so ein bitteres Stück, Hut oder Stiel, in den Mund, daß ich es gar nicht herunterbekomme, sondern herausspucken muß. - Das ist doch nicht möglich, sagt mein Bruder, was ist mit dem Steinpilz passiert, hat den jemand vergiftet, daß er so bitter ist; aber es war doch möglich, denn der Steinpilz war kein Steinpilz, sondern ein Gallenbitterling, der ungenießbare Doppelgänger vom Steinpilz, und wenn den einer unbedingt haben will und bietet vier Mark, da ist jeder dumm, der ihn söiber ißt.
(18.04.2008)


Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

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