Etwas über die Hausweinbereitung
Ohne Rezepte
Von biF
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Drei tolle Rezepte auf
kochbuch.hirnsalz.de
Anfang der 80er entdecke ich mit Hilfe der Anleitungen und Vorschriften zur Hausweinbereitung aus allen eßbaren Wald- und Gartenfrüchten aus der Vierka-Weinhefezucht-Anstalt von Friedrich Sauer in Gotha die Kelterei.* Bereits die ersten Versuche geraten hervorragend und begeistern mich zu neuen Versuchen. Bald habe ich zehn Ballons mit unterschiedlichen Weinen in verschiedenen Stadien der Gärung bzw. Reife. Der Wein sorgt für Gesellschaft, denn es spricht sich bald herum, daß man nach der Disco im „Puck“ bei mir noch einen Absacker nehmen kann (... sagt man heute). Exoten wie der Tomaten- oder Birkenwein gehen nicht so gut; Renner sind die quietschesauren Brot- und Reisweine. Am besten aber sind ein Likörwein aus Malzextrakt, der wie Malaga schmeckt, und ein nach einem besonderen Schnellverfahren hergestellter Rotwein aus Sauerkirschen. Mit ihnen bin ich geizig, weil ich sie selber am liebsten trinke. Einen ganz hervorragenden Wein ergibt eine Stehgreif-Komposition mit sämtlichem eingewecktem Obst aus einer Haushaltsauflösung. Der Unübersichtlichkeit seiner Bestandteile wegen kann das Rezept leider nicht notiert und daher auch nicht überliefert werden.
Sehr gut, vor allem für den Sommer, finde ich auch einen leichten Holundersekt. Beim ersten Mal mache ich natürlich alles genau nach Vorschrift, wozu auch gehört, daß die Korken mit Schnur durch einen „Apothekerknoten“ gesichert werden. Weil die Korken aber wunderbar fest sitzen und die Strippe auch nach Wochen noch schlapp über dem Flaschenhals sitzt, verzichte ich im nächsten Frühjahr darauf. Ich verfrachte die fertigen Flaschen zum Reifen in den alten Küchenschrank im Keller. Sie passen stehend gerade so in das obere Fach im Unterteil; über den Korken ist vielleicht ein halber Zentimeter Luft. Als ich das nächste Mal nach den Flaschen sehe, rührt mich fast der Schlag: Ohne Ausnahme hat es die Korken bis an die Arbeitsplatte darüber aus den Flaschen getrieben, und die Flaschen sind so fest verkeilt, als wären sie in den Schrank eingebaut. Es gelingt mir, eine der vorderen mit leichtem Kolateralschaden aus dem Schrank zu brechen, doch der Korken schießt mit unheimlicher Wucht sofort aus der Flasche und saust als Querschläger einige Male durch das Kellergewölbe, während ich von einer Sektkaskade erwischt und durchgeweicht werde. In der Flasche verbleibt nur ein winziger Rest, der zwar wunderbar schmeckt, mir aber doch nicht mehr so die rechte Freude macht – soll aus dem Zeug doch werden, was will, beschließe ich, und kümmere mich nicht mehr darum.
Ein paar Monate später bezieht Rettungsschwimmer Hübi seine erste eigene Wohnung und sucht einen Küchenschrank. Ich biete ihm meinen aus dem Keller an – aber mit dem Sekt; wie er ihn rauskriegt, ist seine Sache. Hübi ist begeistert, vom Schrank und von dem Sekt. Er und seine Jungs bugsieren das alkoholisierte Möbel erst einmal aus dem Keller, schaffen es ins Schwimmbad und stellen es dort auf den Strand. Am Abend gibt es dann Holundersektparty mit Korkenschießen (oder umgekehrt). Die Pfropfen fliegen tatsächlich über den ganzen Jahnteich – fast 100 Meter weit!
Mein Lieblingswein, der Malzwein, spielt mir eines Tages auch einen tollen Streich: Ich habe mich mit der Zuckerlösung etwas vertan. Meine angeborene Sparsamkeit verhindert, daß ich das übrige Zuckerwasser weggieße, und so fülle ich den Weinballon nach dem Motto auf: Wird schon gut gehen! Es geht aber nicht gut. Die Gärung setzt wider Erwarten sofort ein und geht in die stürmische Gärung über, während ich erst einmal 12 Stunden auf Arbeit bin und danach auch noch auf einer Geburtstagsfeier. Der Ansatz quillt aus der Flasche und – wahrscheinlich, weil er so süß und klebrig ist – nicht geraden Wegs vom Schrank, auf dem die Kruke steht, zu Boden, sondern nimmt einen abenteuerlichem Kurs durch den ganzen Schrank hindurch. Er fließt oben erst einmal breit – der Schrank hat links, rechts und hinten eine kleine Balustrade – schlängelt sich hinein und kriecht an der Unterseite des Deckels entlang bis zur Rückwand, dann abwärts, breitet sich in dem oberen Schrankfach aus, wiederholt das ganze im Fach darunter, dann nimmt er sich die Arbeitsplatte vor, versucht, die Schubkästen zu füllen und läuft gemütlich auf dem Fußboden aus. Nur die unteren Einlegeböden bleiben verschont. Ich brauche zum Saubermachen zwei Tage. Sämtliches Geschirr im Aufsatz hat etwas abgekriegt, der Sirup klebt in allen Ritzen bis zum Herbst und verleiht meiner Küche den olfaktorischen Charme einer Destille. Erst im Herbst räumen die Essigfliegen, die bei mir ein Paradies vorfinden und dementsprechend zahlreich eintrudeln, auch damit auf.
(30.12.2007)
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Es regnet seit Tagen. Außer den unvermeidlichen Trinkern sucht uns an Regentagen des öfteren der Bezirks-Staatsanwalt heim. Er kommt fast nur an Regentagen, immer erst gegen Abend und hat das Talent, genau in dem Moment aufzutauchen, in dem wir uns – nachdem wir zehn Stunden lang nur die Enten auf dem Teich beaufsichtigt haben – dazu entschließen, Feierabend zu machen oder die Schlüssel schon in der Hand halten. „Bis 20 Uhr ist doch offen?“ fragt er jedesmal scheinheilig und beginnt ein Gespräch, das in der Hauptsache er führt, also eher einen Monolog. Ihm folgt die Umkleide-Orgie. Er braucht, um aus den Sachen und in die Badehose zu kommen, in der Regel 20 Minuten. (Wir hatten einmal heimlich in seiner Kabine nachgesehen, ob er mit seinen Sachen vielleicht irgend etwas besonderes anstellt, aber nein: Er läßt sich einfach bloß Zeit ...) Nach dem Umziehen läuft er ein Weilchen im Regen hin und her und wird nicht müde zu deklamieren, wie toll das sei, „besser als jede Dusche“. Dann stülpt er sich eine Damenbadekappe auf das nasse Haupthaar und bewegt sich zentimeterweise durch das Nichtschwimmerbecken zu einem der Durchgänge in den Schwimmerbereich. Er hält sich an den Brettern fest, die beide Bereiche voneinander abgrenzen, und strampelt vergnügt wie ein Säugling vor sich hin. Er schwimmt eine halbe Stunde, dann läuft das Ganze in umgekehrter Reihenfolge ab. Nach knapp zwei Stunden verabschiedet er sich mit der Versicherung, es wäre auch diesmal ein wunderbares Erlebnis gewesen und er käme immer wieder gerne ins Jahnbad. Nur ein einziges mal in vier Jahren gelingt es uns, ihn auszutricksen und durch das Hintertor zu verschwinden, weil wir sein Kommen rechtzeitig bemerken. Er ist übrigens auch der einzige, der das Wasser bei einer Gewitterwarnung nur unter Gezeter verläßt und vor den Kindern, die das anstandslos tun, eine Diskussion über den Sinn – seiner Meinung nach Unsinn – dieser Maßnahme anzettelt, denn „grade beim Gewitter badet sich’s doch so herrlich!“
Wir betreuen den Staatsanwalt meist im Wechsel. Diesmal hat es mich erwischt. Das Unglück will, daß der Himmel aufreißt und die Sonne scheint, als der Mann sein Bad beendet. Ich habe zwei ein halb Stunden Zeit, meine Holunderbeeren von den Dolden zu streifen, die ich am Vormittag im Jahnpark geschnitten habe. Weil das aber so nicht geplant war, habe ich zum Abtransport der Beeren lediglich eine Waschschüssel, die für den Fahrradgepäckträger ein klein wenig zu groß ist. Aber sie hält. Vorsichtshalber laufe ich mit dem Fahrrad und halte die Schüssel fest. Ich bin vielleicht 500 Meter weit, bis zur evangelischen Kirche, gekommen, als mir die Schüssel abstürzt, weil ich die Tiefe eines Schlaglochs unterschätze. Es gelingt mir, die Schüssel so abzufangen, daß ich lediglich eine Handvoll Holunder einbüße. Durch die Stadt geht alles glatt. Ich muß nur noch die Heinrich-Heine-Straße vor unserem Grundstück überqueren, da passiert es: Die Schüssel springt aus der Gepäckhalterung, macht eine halbe Drehung und fällt mit der Öffnung genau auf einen Regenwassereinlauf. Diesmal bleibt nur eine Handvoll Beeren übrig; ich kann noch zusehen, wie einige von den schmalen Häufchen klickern, die sie auf den Stegen der gußeisernen Abdeckung gebildet haben.
Ich lasse mir nichts anmerken. Könnte ja sein, die Nachbarn gucken. Ich nehme die Schüssel und stelle sie zurück auf den Gepäckträger. Ich öffne das Gartentürchen, laufe bis zur Fliederhecke in der Mitte des Gartens und stelle das Fahrrad ab. Ich gehe mit der Schüssel hinter die Hecke. Und während ich fluche, was das Zeug hält, schieße ich nun endlich die blöde Schüssel mit einem gewaltigen und für die Wut, die sich darin entlädt, erstaunlich gut gezielten Fußtritt über den Garten und den Nachbargarten in den angrenzenden Wald hinein; sie landet in einer Kiefer „und ward nie mehr gesehen“.
Der Holunderwein, den ich mir aus neuen Beeren dann doch noch keltere, wird übrigens ein großer Reinfall; besser gesagt: Durchfall; den kriegt man nämlich davon; steht sogar in den Weinbüchern, aber das ich hatte wohl überlesen.
(15.05.2008)
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* Mein Weinbuch: (Friedrich Sauer, Apotheker): Das neue Weinbuch. Vierka-Weinhefen. Anleitungen und Vorschriften zur Hausweinbereitung aus allen eßbaren Wald- und Gartenfrüchten. Vorschriften zur Bereitung von Sekt, Likören, Bowlen Vitamingetränken. 308. Auflage. Vollkommen neu bearbeitet und illustriert. Gotha: Verlag Friedrich Sauer G.m.b.H 1932/33.
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