05
Zur Startseite

Der Westbesuch

und: Der Zwanziger

Von biF

*****

*****


d mark jesus plastik birkin

Westbesuch

Wer (damals im Osten) nie seine Angehörigen erlebt hat, wenn ein Besuch der Westverwandtschaft bevorstand, der weiß eigentlich gar nicht, was Aufregung ist. Bei uns waren jedenfalls immer alle völlig aus dem Häuschen, konspirierten miteinander, intrigierten gegeneinander und beschafften für die Wiedersehensfeiern plötzlich Dinge, die sonst nirgendwo zu haben waren und sogar solche, von denen ich bis dahin gar nicht gewußt hatte, daß es sie überhaupt gab. Im Kampf um die künftigen Westpakete wurden aus den sonst etwas tüdeligen Provinzlern richtige Kämpfer – wie aus der Amsel, wenn sie Junge hat. Das waren auf einmal ganz andere Menschen; geradezu unheimlich. Die Konkurrenz war aber auch hart, denn die Verwandtschaft war groß.

Ich haßte diesen Trubel und die Verwandtschaft in ihrer tiefsten Erniedrigung und verzog mich meist. Einmal – Mitte der 70er muß das gewesen sein – fuhr ich zu einem Freund nach Dresden, verbrachte dort eine interessante Woche, und als ich heimkehrte, fand ich in meiner Stube vor: Je eine Palette „Cola“, „Fanta“ und „Tuborg“-Pils, drei Stangen Filterzigaretten „Prince Of Denmark“, mehrere Beutel „Haribo“-Schnecken und obendrauf ein im Verhältnis zu unseren niedlichen Geldscheinen blaues Plakat mit dem Bildnis Sebastian Münsters. Ich hatte gewonnen, ohne teilgenommen zu haben. Die Verwandten waren fassungslos und ich konnte mich über ihre langen Gesichter freuen. – Schadenfreude ist tatsächlich ein echtes und gutes Gefühl.

Später – 1986 oder 85 – kam ich noch einmal zu einem 20-D-Mark-Schein (Dürer). Den klebte ich in eine Bild-Collage ein (wo er noch immer klebt) und hatte deswegen meinen ersten größeren Streit mit Katrin. Aber: Es war das erste Bild, für das mir tatsächlich jemand (und nicht wenig!) Geld geben wollte.

Nicht, daß ich gegen den Luxus und die Verlockungen des Klassenfeindes immun gewesen wäre. Aber ein intelligenter Mensch mit Stolz und etwas Charakter läßt sich nun mal nicht gern für dumm verkaufen. Ich war überzeugter Mieter, hatte weder Auto noch Fernseher – nicht einmal eine Autobestellung – und boykottierte konsequent die „Delikat“-Läden, weil ich sinnlos Überteuertes einfach nicht kaufen mochte; in einem Inter-Shop war ich ein einziges mal, mit eben jenem Blauen, und kaufte mir ein paar „Levis“. Meine Inkonsequenz rächte sich schon nach einer Woche: Die Jeans wurden mir während der Spätschicht im Kraftwerk aus dem Spind gestohlen, und ich kehrte zu meinen „Mustangs“ zurück.

(19.03.08)


clausen clausen leopold schefer 1      clausen clausen leopold schefer 2      clausen leopold schefer bibliographie

Der Zwanziger
Für Helga

Eines Tages ist auch mein Vater alt genug, um in den Westen gelassen zu werden. Er bringt mir eine Leopold-Schefer-Biographie in zwei Bänden mit und (eigentlich uns beiden) einen West-Zwanziger, den wir „bestimmt gut gebrauchen“ können. Der Zwanziger reicht aber weder für ein paar Jeans noch irgend etwas anderes von einigem Wert; für Ananas, Kaffee und solchen Kram ist er uns zu schade – eigentlich ist er zu gar nichts gut. Katrin erklärt ihn zum Familienschatz, hütet ihn entsprechend und hofft, er könnte irgendwann irgendwie ein Brüderchen kriegen. Mir ist er eigentlich (noch) egal.

Das Westgeld steigt im Kurs und bringt die Leute fast um den Verstand. Als ich eines Tages auf dem Komposthaufen des Friedhofs von Leutersdorf einen kleinen hölzernen Jesus ohne Arme finde, habe ich eine fabelhafte Idee. Der weggeworfene Jesus korrespondiert nämlich wunderbar mit einem Foto aus dem Kino- und Fernseh-Almanach, wo Jane Birkin auf einem Eisenbett liegt und nichts weiter anhat als je ein paar Schuhe, Strümpfe und Handschellen. Das prostituierte nackte Mädchen, der kaputte Jesus und der Zwanziger mit der Patrizierin – alles paßt. Gedacht, getan; Bilderrahmen und Bärenkleister sind genügend da. Ich collagiere und experimentiere eine Woche lang, probiere Kopien, Spielgeld und Münzen aus – es funktioniert nicht. Dann saufe ich mir einen an und verarbeite den echten Zwanziger. Am Tag danach besehe ich mir das Ganze und finde, daß das Ergebnis meinen Einsatz rechtfertigt. Damit mir der Ärger mit Katrin nun nicht gleich den Spaß an meinem Kunstwerk verdirbt, schleppe ich es erst einmal ins Jahnbad und deponiere es dort in der Küche. Katrin entdeckt das Bild natürlich keine 24 Stunden später und es gibt ein Heidenspektakel, das ich hier nicht wiedergeben möchte. Die Kollegen erklären mich ebenfalls für verrückt, aber das Bild macht Furore; jeder weiß gleich, was damit gemeint ist.

Dann sieht Ulli, der Kneiper vom Turnerheim, das Ding und erklärt augenblicklich, daß er es mir abkaufen möchte; 100 Mark (Ost) will er mir dafür geben. Daraus wird zwar nichts, aber Ulli steigt enorm in meiner Wertschätzung: Endlich einer, der den Künstler in mir anerkennt. Daß die hundert Mark, den Zwanziger 1:5 gerechnet, nicht einmal den Materialwert ersetzt hätten, geht mir erst nach einer ganzen Weile auf ...

(29.03.08)

*****

*****


Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

Bild-Verzeichnis

made by hsulzer internet © 2007