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Rechts der Isar

Die Clausthaler-Kur

Von biF

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Visite: „Also, Herr Friedrich, was sollen wir mit Ihnen denn noch machen? Wir haben wirklich alles durch – fällt Ihnen nicht noch was ein?“
Dr. Beckurz ist aufrichtig bekümmert. Seit anderthalb Monaten läßt die Niere auf sich warten, springt einfach nicht an. Statt dessen gibt es eine Komplikation nach der anderen; kaum ein Facharzt im Rechts der Isar, der mich noch nicht kennt. Eine Revision hat auch nichts ergeben; schon längst bin ich wieder an der Dialyse. Der Jahrhundertsommer findet ohne mich statt. Ich habe Schmerzen, Schmerzen, nichts als Schmerzen – die Sonnenfinsternis Mitte August wird symptomatisch für meine Gemütsverfassung; und dabei hat mir noch gar niemand gesagt, daß sie meine Niere eigentlich schon aufgegeben haben; es gibt da so gewisse Fristen. Die Frage des Doktors ist ein Scherz.
Ich gehe darauf ein und sage: „Homöopathie. Bei uns machen sie jetzt alle Homöopathie.“
Der Doktor ist etwas verblüfft und fragt: „Was wollen Sie denn da nehmen?“
„Bier trinken“, sage ich.
Der Doktor lacht – die anderen auch – und meint: „Na, das wär’ was! Bei dem Sack voll Medikamente, den Sie nehmen, wollen Sie Bier trinken?“
„Klar“, sage ich, „alkoholfreies. Hab’ ich zu Hause auch getrunken, zwar nicht viel, aber immerhin, und mit den Medikamenten.“
Der Doktor stutzt, lächelt breit und sagt: „Das machen wir – wir haben ja nichts zu verlieren. Das Bier spendiere ich. Heute Abend bring’ ich welches.“
Am Abend bringt er tatsächlich drei Flaschen Clausthaler an. Er stellt sie mir auf den Nachtschrank mit der Anweisung: „Die müssen Sie bis morgen austrinken! Und wenn’s klappt, kriegen Sie noch den ganzen Kasten.“ Und er erzählt, daß sich sein Getränkehändler zunächst geweigert hatte, „so ein Zeug“ zu besorgen, denn am Lager – „wer trinkt denn hier in München so was“ – hatte er keins. Deshalb mußte er den ganzen Kasten nehmen; außerdem wurde er mit der Vergatterung entlassen: „Erzählen Sie das bloß nicht weiter, mir bleiben ja die Stammkunden weg!“
Da sitze ich nun mit drei Flaschen Bier. Anderthalb Liter. Das Trinken von einem halben Liter – egal was – ist nach fünf Jahren Dialyse mit einer maximalen Trinkmenge von 500 Millilitern pro Tag schon eine Qual, und nun gleich anderthalb. Nach der OP waren es zwar sogar zwei Liter – „Kampftrinken“, zu bewältigen nur mit Wecker –, aber über 24 Stunden verteilt; und: Ich soff sie voller Optimismus. Aber dann lange ich zu. „Wir haben nichts zu verlieren“. Nach einer Flasche fühle ich mich schon wie eins von den armen Schweinen bei der Wassertortur, damals, im Mittelalter; bei der zweiten fällt mir der „Schwedentrunk“ ein; die dritte trinke ich fast bewußtlos, völlig übermüdet. Ich bin schon am Verzweifeln, da treibt es mich auf die Toilette: Vier Tropfen! Ich denk’: Das gibt’s doch nicht. Ich schleppe meine Tonne ein paar mal den Gang auf und ab, dann wieder: Ein paar Tropfen mehr sogar, und bis der Doktor eintrifft, habe ich schon einen ganzen halben Becher Bier zurückgewonnen, zu blitzsauberem Urin veredelt von meiner neuen Niere!
Der Doktor kann es kaum fassen. Der Professor kommt gucken, auch er kann es kaum glauben; alle kommen gucken, es gibt ein mächtiges Spektakel auf der Station, Geschnatter, Glückwünsche, und alle freuen sich.
Ich bin so selig, daß die Welt um mich herum in einem Nebel versinkt – Tatsache –, wie im Film, wo sie das Objektiv auf schwummerig drehen. Ich danke Gott – an den ich gar nicht glaube –, den Ärzten und den Clausthalern für dieses Wunder und wünsche mir nun bloß noch diese schrecklichen Schmerzen weg.
Wie ich später höre, soll die Clausthaler-Geschichte sogar in die Fachliteratur gekommen sein. „Ergo bibamus!“ (Goethe).

(5.4.08 früh)

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