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Von dem Schriftenstellen

Bedenkenswertes

Von Bernd-Ingo Friedrich

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Alle, die Bücher geschrieben haben, raten einem vom Bücherschreiben ab: Man verdiene damit nicht nur nicht das Salz in der Suppe, sondern danach fehle es einem womöglich noch. Und trotzdem schreibt alle Welt unverdrossen Bücher. (biF 2003)

Wer bin ich?
Was winn ich?
Wohin ginn ich?

Schreiben heißt, aus nichts etwas zu machen: Der Kopf ist die Werkbank, in ihm hockt der Gedanke als das unsichtbare Nichts; ihn versucht man zu materialisieren. Dazu braucht man einige Hilfsmittel. Glaubt man den berühmten Autoren, genügen ein paar Zeitungsränder und ein Bleistiftstummel; den meisten aber genügt das nicht. Mir auch nicht. Ich brauche zum Beispiel – außer meinem Klappcomputer: Schwarztee, Zucker, Honig, was zu knabbern (am besten Gummibärchen; die krümeln nicht auf die Tasten), warme Füße, Unterwäsche die nicht kratzt, dito Hose, Hemd und Strumpf; meine Katze. Was ich gar nicht gebrauchen kann, sind Fliegen, Mücken, Schnaken (letztere machen die Katze rebellisch), frische Luft (weil die meist mit Lärm versetzt ist) und am allerwenigsten die Frau – aber das versteht sich ja von selbst; Briefträger und Amtsboten fallen in die gleiche Kategorie.

Worüber schreibt man? Die Frage ist müßig. Man kann sogar über Dinge schreiben, von denen man nicht das Geringste versteht, und das ist verblüffenderweise sogar da möglich, wo man es am wenigsten vermuten würde: In den Wissenschaften. Dort haben die Gelehrten vieler Geneationen schon so lange ihre Fehler voneinder abgeschrieben, daß keiner mehr zum Kern einer Aussage durchdringen kann, es sei denn, er ginge ganz an die Ursprünge zurück. Das aber geht seit Adam und Eva nicht mehr, wie wir ja wissen. Also ist es fast egal, welche These man vertritt, und wer meint, er würde in seinem Buch nun endlich die ganze Wahrheit verkünden, fügt den tausend schon vorhandenen, in denen dasselbe behauptet wird, lediglich ein weiteres hinzu, das die Verwirrung nur vergrößert. Fakten spielen deshalb – entgegen der landläufigen Meinung – eine untergeordnete Rolle; allerdings ist es ratsam, sich nicht bei allzu großen Schnitzern erwischen zu lassen.

Man kann aber Literatur daraus machen; ein Engländer praktiziert das gegenwärtig mit großem Erfolg. Vor diesem hatte sich ein gewissenhafter Mensch befleißigt, ein profundes Werk über den Bau von Kathedralen zu verfassen. Der Engländer hat sich damit hingesetzt, und das Ganze ordentlich plattgewalzt: Er nimmt die obligatorischen Förmchen: Einen guten Helden mit einem Masterplan, einen bösen Feind, der den Plan durchkreuzen will (= Crime), einen privaten Konfliktstoff (die rothaarige Emanze = Sex) und viele kleine Förmchen für die good old fellows des Helden sowie the bad new fellows seines Widersachers. Ein toller Einfall ist ein treuherzig-naives Kind; es spricht Beschützerinstinkte an. (Gut macht sich auch ein Spaßvogel wie Sam Hawking; beispielsweise.) Aus dem Teig, den er übrig behält, knetet er ein paar Würstchen, die das Blech füllen müssen, zum Beispiel, wie ein Jüngling vierzig Seiten lang versucht, auf eine gesicherte Baustelle zu kommen. (Das hätte ich ihm sagen können: Man nimmt einen Bolzenschneider und – zack, das Schloß ist hin; dem Leser wäre viel Leid erspart worden.)

Man kann das Muster weiter vereinfachen, indem man das Gut-und-böse-Schema alter Ammenmärchen aktualisiert und sich auf eine einzige, sexuell neutral agierende Person beschränkt. Dazu kann man – sagen wir mal – einen durchgedrehten englischen Gymnasiasten nehmen, den man mit Hilfe von Wahnvorstellungen plus Computer über die widrigen Umstände seiner Domestizierung durch Elternhaus und Schule triumphieren läßt. Diese Vorgehensweise scheint sich für eine flächendeckende Flucht aus der Realität und damit für einen Bucherfolg besonders gut zu eignen. Nicht nur Pubertierende, sondern auch Ältere, deren säkulare Akzellaration andauert, verfallen offenbar haltlos jenem Charme aus dämmriger Vorzeit, mit dem man noch Hexen verbrannte und Lästermäulern einfach die Zunge ausriß. (Vielleicht, weil fliegende Staubsauger darin vorkommen ....)

Um so etwas unter die Leute zu bringen, bedarf es heutzutage allerdings kostspieliger Kampagnen; nicht unter einer Million zu haben. Also nichts für mich; die Millionen müßte ich mit dem Schreiben ja erst einmal verdienen.

Als Autor mit etwas mehr Anspruch orientiert man sich am besten am 18. oder 19. Jahrhundert und verfaßt Krimis oder Liebesromane. Dazu braucht man ein paar landläufige Vorstellungen vom Leben, also ein bißchen jener Lebenserfahrung, über die vermutlich auch der anvisierte Leser verfügt, und ein paar von den beliebten Förmchen – siehe oben. „Man entfernt alle Häutchen, Sehnen und das Fette, gibt alles in den Mixer und püriert es glatt. Schnulzen ordentlich zuckern, Krimis kräftig pfeffern und salzen, dabei lieber zuviel als zu wenig Würze nehmen; die Masse in die Förmchen geben, hübsch arrangieren und im bunten Cover servieren; dabei viel Lärm machen.“

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Am ergiebigsten ist natürlich das Leben, vielmehr das eigene Leben, weil man das ja kennt. Man braucht nur kurz die Augen zu schließen, und schon hat man eine Menge an Details im Kopf, wie sie in der Wikipedia weder zu finden ist noch unterzubringen wäre; gesetzt den Fall natürlich, man hat auch ein bißchen was erlebt. Man braucht sich nur noch an den Computer zu setzen und loszutippen – nein, natürlich nicht mit geschlossenen Augen. Es ist nur schwer, sich beim Verwerten dieser Datenunmenge zu mäßigen. Und so besteht mein vordringliches Problem darin, näherungsweise den Umfang meines autobiographischen Riesen-Puzzles zu bestimmen. Dabei habe ich mich – only the bests –an zwei Leuchttürmen der Gegenwartsliteratur orientiert: Daniel Kübelböck und Naomi Campbell.

Daniel Kübelböck hat mit achtzehn 222 Seiten hingelegt, Naomi Campbell mit 26 schon 444; also rechne ich vorläufig – jetzt wird ja nicht mehr allzu viel passieren – mit etwa 36 Bänden zu je 600 Seiten – obwohl ich bereits Zweifel daran hege, daß das genügt. Denn was kommt bei den Genannten schon groß vor? Bühne rauf, Bühne runter, dazwischen Interviews, Partys und Exzesse mit LKWs und Drogen: „Dabei lernte ich den Goldoni Pantalone kennen, einen wunderbaren Mann, wir liebten uns vom ersten Augenblick an, wir fuhren in seine 790-Zimmervilla am Strand von“ – ja, also dem, wo die da alle ihren Lebensmittelpunkt haben – „und tranken sehr viel Whisky, einen alten Bourbon aus dem Nachlaß von Solschenizin; dann lernte ich Frascati kennen, einen wunderbaren Mann, wir liebten uns usw. und tranken dazu Cheri; dann lernte ich Berlusconi kennen; dann Scarlatti, dann Domenico Fetti, dann Rembrandt“ – hier stimmt was nicht, das muß raus – so in Etwa.

Demgegenüber habe ich wesentliche Vorteile: Ich bin älter, sehe besser aus, habe mehr getrunken als Keith Richards, hatte mehr Frauen als Willi Brandt und, das Wichtigste: Ich verfüge über einen unerschöpflichen Vorrat an skurrilen Begebenheiten aus rund 30 Jahren bewußt erlebtem Sozialismus (Larvenstadium und Vollräusche nicht mitgerechnet) und sechs Jahren Militärzeit; sozialistischer Militärzeit, um genau zu sein. Hinzu kommt, daß ich den Kapitalismus mit den Augen des werdenden Dissidenten kennengelernt habe, denn meine Erfahrungen damit sind nicht die besten. Vergleiche ich die DDR mit einer gemütlichen Gemeinschaftszelle, so stellt sich die Euro-BRD nämlich als die „Geschlossene“ dar, in der die Irren das Sagen haben. Und wenn ich dann, alles zusammen genommen, bedenke, daß – sagen wir mal – Casanova zwölf Bände hinterlassen hat ...

Einfluß auf den Umfang einer Lebensbeschreibung hat aber auch die Art und Weise, wie man sie vornimmt. Um das Protokoll eines einzigen Tages für die Literaturkritik einigermaßen plausibel hinzukriegen, hat James Joyce 1014 Seiten gebraucht. Ich denke, da kommt was auf mich zu. (Eigentlich könnte ich das doch schnell mal durchrechnen: Ich habe – jetzt, wo ich das hier schreibe – rund gerechnet 20.075 Tage weg, diese mal 1014 gibt 20.356.050 Seiten; das wieder durch 600 gibt 33.926,75 Bände – halleluja! – also, damit verbietet sich das deskriptive Verfahren wohl, – ich bin ja immerhin schon etwas älter. Außerdem: Wer druckt mir denn so was; vom Bezahlen ganz zu schweigen.

Also bleibe ich bei meinen 21.600 Seiten und überlege mir etwas anderes; einen Trick zum Zeitraffen, sozusagen; eine Form der selektiven Berichterstattung, mit der es möglich ist, die historische Wahrheit nicht allzu sehr zu beschädigen; versteht sich.

Ich könnte die Frauen thematisieren, das wäre vielleicht das gescheiteste, birgt allerdings die Gefahr, im Klischee zu landen („ich lernte Naomi Campbell kennen, eine wunderbare Frau“). Ich könnte auch den Alkohol zum Generalbaß machen – um es mit einem Terminus aus einem anderen Ressort zu sagen – oder noch besser: Gleich alle beide(„die Liebe und der Suff“; toller Titel ...); ich könnte den Rest meines Lebens in meine Unglücksfälle einreihen (Arbeitstitel „Phönix in der Bredouille“) oder es in meine Anekdoten mit Prominenten einbetten („der Mann, der Daniel Kübelböck kannte“); ich könnte mich mit dem Tierschutz verbünden („der mit der Katze schläft“). Das wären so die unverfänglicheren (oh Gott, wer nimmt den solche Wörter!), also die weniger riskanten Varianten.

Glatteis, aber nicht ganz uninteressant, wäre das Politische. Nähme ich das Politische; dann würde ich mich – als gewendeter Ossi – natürlich zu einem Widerstandskämpfer „stylen“ – ganz wie sich das für einen anständigen Konvertiten gehört, und damit hätte ich im Nu eine ganz hervorragende Brücke in den Nationalsozialismus gebaut – ein quasi unfehlbares Mittel, auf den Bestsellerlisten ganz vorn zu landen. Dazu müßte ich allerdings, zusätzlich zu meiner eigenen, auch noch zurück in die Vergangenheit der Sippe (inklusive Onkels und Tanten bis ins zweite Glied zurückgerechnet ca. 38 Personen – mit 36 Bänden natürlich nicht mehr zu machen); die schweren Nachkriegsjahre und was ich darüber hörte; wie ich darunter litt, daß man mich mit Magermilch und Rizinusöl großzog. (Oder Lebertran? Ja, ich glaube, Lebertran hieß das eklige Zeug, das sie uns im Kindergarten gleich früh am Morgen eingeflößt haben.) – Apropos infiltrieren: Stalinismus, Stasialismus („wie es mir im vierten Reich erging“) – ich käme aus den Bestsellerlisten ja gar nicht mehr raus.

Also, das will ich nun auch wieder nicht. Denn dann müßte ich wohl, oder übel, auf die Promi-Partys, wo mich der Kübelböck langweilt, oder ich gar noch die Campbell treffe („wir schau’n uns in die Augen, wir lieben uns, wir trinken echte Coca-Cola“ – Alkohol kann ich nicht mehr) – ja; aber wahrscheinlicher ist, die schleppt mir – um mich loszuwerden – den Berlusconi an, den Affen; oder sie versucht mich zu verprügeln, weil ich ein Momentchen mal nicht richtig zugehört habe. Nach allem, was man von der so hört ...

Ja, das alles sind so Dinge, viele Dinge, die man bedenken muß. Und deshalb bin ich noch am Überlegen. Wie schnell faßt man einen Entschluß, dem man nicht gewachsen ist, und dann muß man einen neuen Plan machen, der auch nicht geht und so weiter – das ist zeitraubend; es ist auch nicht gut für das sensible Ego. Und ein Psychiater wäre mir zu teuer. Also verschiebe ich mein opus magnum ein Stück weit ins Futur und schreibe noch ein paar meiner kleinen Geschichten. Aufgestapelt ergeben die irgendwann vielleicht auch ein Buch – aber bei der heutigen Marktlage ...

(14.04.2008)

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