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oder: Was mir mit Amazon passiert ist

Von biF

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(Hier habe ich "Feuchtgebiete" eingegeben.)

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Man wird vom vielen Sitzen am Computer ja ein bißchen weltfremd. Das erfahre ich wieder einmal, als ich meine Internetseiten mit Amazon-Werbung spicke. Diese Werbung kann man auf den Inhalt seiner Seiten abstimmen, indem man entsprechende Begriffe wie Autor, Titel oder ein Sachgebiet in den HTML-Text einbaut. Kann der Amazon-Automat damit nichts anfangen, wählt er einfach irgend etwas seiner Meinung nach Passendes, und das heißt bei ihm: Verkäufliches aus.
Ich tippe also nichtsahnend solche Begriffe in meine Amazon-Leisten ein. Plötzlich stelle ich fest, daß mein Planet sich wieder einmal gedreht haben muß, denn ich entdecke völlig neue Welten. Zum Beispiel bekomme ich bei Eingabe des Begriffs „Chinesische Küche“ nicht einfach nur irgend welche Kochbücher angeboten, sondern Das Fünf Elemente Kochbuch; Die Ernährung nach den Fünf Elementen und Kraftsuppen nach der chinesischen Heilkunde. Einen Absatz tiefer habe ich die nächste Leiste, in die ich „Eier“ eintrage. Und was passiert? Der Hund, der Eier legt erscheint. Sehr schön!
Aber es kommt noch besser: In einer meiner Glossen geht es um ein schreckliches Kind. Nach einigem Überlegen entscheide ich mich für „Sozialarbeit“. Man bietet mir Feuchtgebiete von Charlotte Roche an. Das klingt verdächtig; schon der Umschlag sieht so komisch aus – knalllila! Mit „Sozialpädagogik“ habe ich das gleiche Pech; erst mit "Antiautoritäre Erziehung" klappt es, und es erscheint die Literatur, an die ich eigentlich gedacht hatte. Dann kommt „Sorbische Küche“ an die Reihe: Feuchtgebiete. Für eine Sammlung kleiner Prosastücke wähle ich „Miniaturen“ – wieder: Feuchtgebiete. Bei meiner Geschichte „Vom Erben“ gebe ich „Testament“ ein und erhalte – nein, noch keine Feuchtgebiete – verschiedene Bibelausgaben; aber in einer zweiten Leiste erscheinen nach der Eingabe von „Verwandtschaft“ – richtig – natürlich wieder diese Feuchtgebiete! Mittlerweile schwant mir was Erotisches; ich erinnere mich dunkel, im neuen Eulenspiegel flüchtig etwas über diese Biotope gelesen zu haben.
Neugierig geworden – ich muß sowieso in die Stadt – besuche ich meine Buchhändlerinnen und will von ihnen wissen, was es damit auf sich hat. Die beiden jungen Damen feixen vielsagend, rücken aber nicht so richtig raus mit der Sprache. Immerhin zeigen sie mir im Internet den Klappentext (da hätte ich auch selber draufkommen können!) – ich husche mal eben um die Ecke, zu Hugendubel, – eins, zwei, klick –, und da steht:
„Nach einer missglückten Intimrasur liegt die 18-jährige Helen auf der Inneren Abteilung von Maria Hilf. Sie wartet auf den Besuch ihrer geschiedenen Eltern, in der irren Hoffnung, die beiden könnten sich am Krankenbett der Tochter endlich versöhnen. Unterdessen nimmt sie jene Bereiche ihres Körpers unter die Lupe, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten, und lässt Krankenpfleger Robin die Stellen fotografieren, die sich ihrem neugierigen Blick entziehen.
Nebenher pflegt sie ihre Sammlung von Avocadokernen, die ihr auch in sexueller Hinsicht wertvolle Dienste leisten. Selbst wenn Helens Besessenheit eine Notoperation nötig werden lässt - ihr ungestümer Witz und ihre Wahrhaftigkeit machen sie zu einer Sensation nicht nur auf der Station des Krankenhauses. Sie spricht aus, was andere nicht einmal zu denken wagen.
Feuchtgebiete ist eine Exkursion zu den letzten Tabus der Gegenwart. Mutig, radikal und provokant rebelliert Charlotte Roches Roman gegen Hygienehysterie und die sterile Ästhetik der Frauenzeitschriften, gegen den standardisierten Umgang mit dem weiblichen Körper und seiner Sexualität - und erzählt dabei die wunderbar wilde Geschichte einer ebenso genusssüchtigen wie verletzlichen Heldin.
‚Radikal, drastisch und ebenso zart. Ich erinnere mich nicht, ein Debüt-Manuskript in der Hand gehabt zu haben, so sicher, so mutig und so voller Gegenwart wie dieses.’ Roger Willemsen.“ (Der also auch noch!)
Weitere Rezensionen offenbaren weitere „saftige“ Details. Lady Chatterley – ein Kinderbuch!
Auf dem Heimweg schaue ich auf ein Schwätzchen bei meinem Buchbinder rein. Der kann völlig ungerührt Leute verladen und tut es auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit jungenhafter Freude. Er weiß natürlich wieder Bescheid und kann auch gleich noch eine Geschichte zu den Feuchtbiotopen liefern.
Er erwartet nämlich einen neuen Mieter, und der heißt zufällig Roch (ohne „e“ hinten); prompt hat er seinen jungen Freunden den Bären aufgebunden, der zöge mit mehreren Kindern bei ihm ein (stimmt), darunter der Autorin des Erotikums (das stimmt natürlich nicht). Nun sind die Jungs schon ganz heiß darauf, ihre Bekanntschaft zu machen; wegen einer Widmung, versteht sich ...
Wieder daheim setze ich meine Arbeit fort. Ein paar kürzere Geschichten, die nicht die Bohne mit Sex zu tun haben, möchte ich mit „Short Stories” korrespondieren lassen, weil ich fest darauf rechne, daß Hemingway angezeigt werden wird. Ja – Schißchen!
Erotik Anal - Erotische Kurzgeschichten über exstatische Liebesabenteuer der etwas anderen Art (Audio CD); Devot - SM-Kurzgeschichten (Gebundene Ausgabe) und Gruppensex - Erotik Kurzgeschichten über Gangbang, Orgien, Swingerparty und andere sexuelle Extravaganzen (Audio CD).
Daraufhin gebe ich „Kurzgeschichten“ an. Es erscheint: – Dasselbe; sogar mit Bildern in den Kästchen, in denen sonst ständig steht „Keine Abbildung vorhanden“.
Ich gebe auf. Das ganze Hin und Her hat mir ohnehin schon eine Menge Zeit geraubt. Die Feuchtgebiete bin ich nicht losgeworden, und mit Gruppensex und Co. scheint es nicht anders zu werden. Ich tippe noch unter die Amazonleiste:
„Ich habe hier wirklich bloß ‚Kurzgeschichten’ eingegeben! biF.“ Basta.
Dann schalte ich den Computer aus und lasse es darauf ankommen; bin gespannt, ob mich demnächst jemand schief anguckt oder nicht mehr grüßt. Oder grinst.

(19.07.2008)

kulturradio rbb leserstreit

Nachsatz

Inzwischen habe ich das epochale Rochesche Skandalon auch leibhaftig zu fassen bekommen, und das kam so; – ich erwähne das zu meiner Entschuldigung:
Ich habe mich bei Freunden in Berlin eingeladen. Am Bahnhof Friedrichstraße – darauf freue ich mich immer – stürzen sich wieder einige der pfiffigen jungen Dinger auf mich, die Handzettel pro (Haustiere, Frauen, Kinder) und contra (Gewalt gegen Haustiere, Frauen und Kinder) alles Mögliche verteilen – es gibt wohl nichts, womit sich in Berlin nicht irgend ein Verein befaßt. Ich nehme allen etwas ab; die Mädels freuen sich. Diesmal ist ein Zettel „Kulturradio Leserstreit“ dabei. Das Radio will mit seinen Hörern über Literaturfragen „von William Shakespeare bis zu Charlotte Roche“ diskutieren! Shakespeare und Roche! Ecce Pärchen! – So weit die Hinleitung auf die Hauptsache:
In meiner Unterkunft installiere ich alles, was zu einer improvisierten Behaglichkeit nötig ist, stelle meinen Wecker (der mit Gemütlichkeit natürlich nichts zu tun hat, sondern einfach bloß gebraucht wird) auf den Nachttisch, da springt mich der mittlerweile wohlbekannte Umschlag an: Ich bin ein weiteres Mal auf das Rochesche Sumpfland gestoßen. Am Abend komme ich nicht mehr dazu, aber am Morgen mache ich den Fehler, das Buch in der Mitte aufzuschlagen und einige Seiten zu überfliegen. Das genügt, um mir den ganzen Tag zu verderben. Also, ich sage hier nur: Armer Roger Willemsen! (Alle anderen, die so etwas lesen müssen – warum auch immer – tun mir natürlich auch leid.)

(29.07.2008)

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(Hier habe ich "Erotik" eingegeben.)

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