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Von einem Minirock und schönen Mädchenbeinen

Von biF



Ganze dreizehn Jahre jung und tot um Haaresbreite

Im Sommer sieht man lange Beine,
im Winter sieht man leider keine.

Wie der junge Mensch mit dreizehn halt so ist: Auffallen um jeden Preis. Ich habe mir ein Fahrrad zurechtgemacht, wie ich es mir vorstelle: Es ist aus dem Schrott und hat eine ganz bestimmte Vorderradgabel, einen Ledersattel, keine Schutzbleche, keinen Kettenschutz und keine Handgriffe. Es wäre fast ein Rennrad, wenn es nicht aus Kruppstahl und so sauschwer wäre. Mit diesem Unikum schwirre ich umher wie eine Biene. Ich genieße die Tage ohne Leistungssport und versuche, in dem einen Monat, den die Sportschule von den zwei Monaten Sommerferien übrigläßt, so viel mitzunehmen, daß ich die restlichen Monate des Jahres davon zehren kann. Auch heute steht Etliches auf dem Programm und ich habe es, wie immer, eilig. Am Nachmittag muß ich in Stahns Buchhandlung. Die ist unten in der Stadt, und zwar in jenem Teil, der mit am tiefsten liegt. Die Schußfahrt dahin ist – abgesehen von einem Stück Straße mit schadhaftem Kopfsteinpflaster – ein Riesenspaß. Auf dem Rückweg habe ich ein kleines Wegstück zum Schwungholen, dann geht es einen ziemlich steilen Hügel hinauf. Rechter Hand, auf dem Zenit des Hügels, thront eine Eisbar; und – es ist die Zeit, in der man Eis essen geht. Es ist auch – 1965 – die Zeit der Miniröcke. In der Provinz sind sie noch eine Sensation, aber das Exemplar, das nun in mein Blickfeld gerät, wäre es wohl auch in New York gewesen; zum einen seiner Kürze, zum anderen der Beine, vor allem aber des niedlichen Hinterns wegen, den das winzige Ding vergeblich zu verhüllen versucht, denn ich komme ja von unten. Als ich mich wieder auf das Radfahren besinne, steht ein Zusammenprall mit einem Zementtransporter, der oben auf dem Hügel parkt, kurz bevor; zum Bremsen ist es schon zu spät. Ich – Fechter – kalkuliere blitzschnell, reiße den Lenker links herum, und will an dem LKW vorbei. Da taucht aus der Gegenrichtung ein alter G5 auf. Zum Bremsen ist es wiederum zu spät. Ich trete noch einmal kräftig in die Pedalen, in der Hoffnung, mich zwischen die Zugmaschine und den Anhänger des Zementlasters retten zu können, bevor der Gegner heran ist; aber es reicht nicht. Es wird Nacht.

Als ich erwache, finde ich mich von einer Menschen(un)menge umringt und denke sofort: Nichts wie weg! Ich rappele mich mühsam auf, versuche, mich an meinem Fahrrad hoch zu ziehen, aber jemand stürzt auf mich zu und ruft: „Um Gottes Willen, bleib bloß sitzen! Guck dir mal deine Beine an!“ Ich gucke: Alles voller Blut. Dann: Mein Fahrrad. Das Vorderrad: Völlig zerknautscht. Der Lenker: Verbogen. Im Rahmen: Ein Knick. Im rechten Kotflügel des G5, unter dem zertrümmerten Scheinwerfer, ist eine mächtige Delle zu sehen: Ich war beim Aufprall auf den LKW über meine Lenkstange hinweggeschossen und hatte sie mit meinem Schädel hineingetrieben. Mir dämmert, daß ich großes Schwein hatte. Der Fahrer des G5 hatte nämlich das Unheil kommen sehen und rechtzeitig gebremst; er wird später dafür belobigt. Dann kommt ein Sankra und bringt mich ins Krankenhaus. Dort wird genäht: Links lugt die Kniescheibe aus dem Fleisch, rechts fehlt eine ganze Menge. Dort hatte sich die hohle, von keinem Handgriff verschlossene Lenkstange in die Innenseite meines Oberschenkels gebohrt und ein tiefes Loch hineingerissen. „Willst du zugucken?“ Ich nicke, und der Arzt spritzt und stichelt los. Anschließend wird das linke Bein geschient und der Sankra bringt mich nach Hause, ins Bett. Ich liege kaum lang, da kommt ABV Jablowski zum Protokoll. Bevor er sich verabschiedet, legt er mir ein kleines Päckchen auf die Bettdecke und meint: „Hier, kannst du dir Gulasch machen.“ Ich öffne das Päckchen, und zum Vorschein kommt ein kleines Stück Fleisch in Form eines Korkens: Jablowski hatte es aus dem Lenker gepult und mitgebracht; zur Abschreckung. Und da erst wird mir schlecht. Aber richtig!

(26.08.2008)


plakat werbung strumpfhosen minirock und beine


Von Geist und Körper oder: Die Strafarbeit

Nicht nur Gottes Wege sind unerforschlich,
sondern auch die des menschlichen Geistes.

Nachdem ich nun schon einige Geschichten aus meinem Leben zu Papier (und Bildschirm) gebracht habe, fällt mir auf, daß immer wieder Beine darin vorkommen; speziell die langen, weiblichen. Ich gebe zu: Sie faszinieren mich. Sie sind sogar das einzige, was mich an einem „public ice eating“ im Sommer reizt. Für den Winter hängt in meinem Zimmer ein Riesen-Plakat mit einem wundervoll schlanken Beinpaar. Ursprünglich eine Strumpfhosenwerbung, ist es zum Blickfang einer großen Collage geworden. Ich entdeckte es im Schaukasten einer Dessous-Boutique in Esslingen. Es war schon ziemlich ausgebleicht – nur noch das Blau und ein leichter Schimmer von Rosa sind übrig –, aber gerade das macht seinen Reiz aus. Um es zu erbeuten, mußte ich einige Male in die Stadt: Erst mußte ich die Chefin des Ladens in einer ruhigen Minute erwischen, dann zur Herausgabe des Plakats überreden, und dann mußte diese noch den Schlüssel für den „schon ewig“ nicht mehr benutzten Kasten finden. Aber es hat sich gelohnt. An den Beinen habe ich seit Jahren meine Freude.

Angefangen hatte das Ganze recht früh; und zwar mit der Henschel Elke, ungefähr in der fünften oder sechsten Klasse. Ich durfte noch inmitten der Anderen sitzen und hatte meinen Platz vor der Elke. Die Bänke hatten damals eine schmale, waagerechte Ablage für die Schreibutensilien und eine leicht geneigte Arbeitsfläche. Als ich einmal einen Bleistift aufheben mußte, der mir von der Schulbank gerollt war, überraschten mich Elkes hübschen Beine, ebenso wie ihre schmalen Füße, die in einem Paar zierlicher Mokassins steckten. Außerdem trug sie damals schon (’64; und im Osten!) Nylon-Strumpfhosen und ein ziemlich kurzes Röckchen. Der Anblick ihrer unteren Hälfte so aus der Nähe glich einer Offenbarung. Ich ließ den Bleistift noch einige Male abstürzen, um der ahnungslosen Elke unter den Rock zu spähen, aber schließlich langte es unserer Lehrerin, denn der – längst spitzenlose – Bleistift war sechseckig und erzeugte bei jedem Abwärtsrollen ein knatterndes Geräusch, hinzu kam das Geklapper beim Aufprall auf den gebohnerten Steinfußboden.

Ich hatte eine Woche Zeit für eine Strafarbeit zum Thema „Der Bleistift“. Lustlos ging ich an die Arbeit, entdeckte aber schon bald einen Mikrokosmos. Ich fing mit dem Lexikon an und Feuer bei dem Buch Was uns die Dinge erzählen von M. Iljin, einem Russen. Darin wird in Kapiteln wie „Hunderttausendmal Warum?“, „Die Sonne auf dem Tisch“, „Wie spät ist es?“, „Schwarz auf Weiß“ oder „Wie das Automobil fahren lernte“ spannend über die Entstehung der verschiedensten Dinge geplaudert. Daraufhin recherchierte ich weiter, in der „Frösi“, in Vaters Zeitschrift „Natur und Heimat“ und anderswo – und hatte am Ende ein halbes Schreibheft mit Wissenswertem und Kuriosa vollgeschrieben.

Das Verlesen meines Kompendiums im Unterricht endete mit einer Riesenüberraschung. Ich bekam dafür – eine Strafarbeit – eine ganze Latte Einsen; für Inhalt, Ausdruck, Rechtschreibung, Grammatik, und ein fettes Lob. Was aber noch wichtiger war: Die Strafarbeit und ihre unerwartete (verdiente!) Würdigung beflügelten meinen ansonsten wenig ausgeprägten Ehrgeiz; man kann auch sagen: Sie bewirkten meine „literarische Erweckung“. – Elke Henschels Beinen sei dank!

(27.08.2008)



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