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Das Mädchen mit den grünen Augen

Von biF


Die „Restlöcher“ mit ihren aus dem Wasser ragenden Baumstümpfen
haben etwas urweltliches, symbolhaftes für das Werden und Vergehen in der Natur;
sie gehören wie das kühle Wasser der Waldseen und der kienige Geruch der Kiefern
zu den nackten Mädchen, die an ihren Ufern meine Freundinnen wurden.


das maedchen mit den gruenen augen


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Ich bin fast volljährig, geschlechtsreif, die Welt liegt mir zu Füßen. Es ist Prüfungszeit und jetzt, im Juni, schon so heiß wie sonst nur im August. Es liegt was in der Luft. Allerdings habe ich auch für das Abitur noch einiges zu tun.

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Ich habe mich binnen Jahresfrist von einem guten zu einem miserablen Schüler entwickelt; zum Schrecken meiner Eltern, zur Plage meiner Lehrer, zum Mysterium meiner Mitschüler. Betragen 3, Gesamtverhalten 4 – es ist nichts Vernünftiges mehr mit mir anzufangen. Die Säfte spielen verrückt. Ich würde gern vernünftig sein, schon um weniger Ärger zu haben, aber es geht nicht. Jedes hübsche Mädchen bringt mich zum Träumen, auch die Mädchen mögen mich – natürlich nicht alle –; mein Vater erzählt mir eines Tages, man hätte mich gesehen: Mit einer Blonden vor dem Kino, einer Schwarzen im Kino, einer Brünetten nach dem Kino. Die Mädchen haben mir völlig den Kopf verdreht. Ich kann es nicht ändern, und ich will es auch gar nicht. Sie sind einfach zu schön, die Mädchen. Jetzt, zur Prüfungszeit, reiße ich mich noch einmal zusammen, denn es scheint sich zu lohnen.

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Ich pauke Biologie. Es ist das Fach, für das ich das meiste Interesse und dabei eine der schlechtesten Noten habe, denn ich stehe wegen Faulheit auf einer ziemlich glatten Drei – mithin ein ziemlich klarer Fall. „Quieksi“, unser Biologielehrer, weiß aber, daß ich bloß faul bin und nimmt mich trotzdem in die schriftliche Prüfung. Das weckt seltsamerweise einen Ehrgeiz, den ich an mir bis dahin nicht kannte. Ich besorge mir alle Lehrbücher von der fünften bis zur zwölften Klasse. Mit ihnen ziehe ich mich ans Böse Ufer zurück und ackere alles noch einmal durch, vor allem die Lehrbücher der Abiturklassen mit den schwierigsten Themen, wie Photosynthese und Genetik, mit allem Formelkram und drum und dran. Eins der Themen soll der Fama nach auf alle Fälle dabei sein. Am Ende kann ich mit geschlossenen Augen hersagen, wo was steht. Die Prüfungsarbeit schreibe ich über Genetik und mit solchem Schwung, daß es mir am Ende fast leid tut, als die Prüfungszeit zu Ende ist. Es wird eine Eins „cum laude“. Ich stehe nun auf Zwei und komme in die mündliche Prüfung. Mein Ehrgeiz tut fast schon weh. Dann habe ich das Erlebnis ...

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Ich packe mir die bisher nur flüchtig wiederholten Bücher der Klassen 5 bis 8 ein, dazu meinen Kneifer, Brotkanten, Äpfel und Mohrrüben und fahre hinaus zur Grünen Fichte. In den Strandbuchten ist es rappelvoll, auch meine Stelle oberhalb einer der Buchten ist schon besetzt. Ein riesiges Handtuch liegt da, mit Sachen darauf, die einem Mädchen gehören. Die Sachen sehen sehr interessant aus, und ich bin gespannt, wer sich wohl dazu legen wird. Es passiert aber erst einmal nichts. Ich stochere in einem der Bücher herum und finde es ziemlich langweilig, mich mit Keimblättern und dergleichen abzugeben; das meiste weiß ich, der Rest ist so interessant wie Kartoffelschälen. Ich klappe das Buch zu und gehe ans Wasser. Dort befindet sich eine Wurzel, von der aus man gut springen kann. Ich schnelle mich kräftig ab und tauche dicht unter der Wasseroberfläche so lange auf den Teich hinaus, bis mir die Luft ausgeht. Beim Auftauchen stoße ich mit jemandem zusammen. Es ist ein Mädchen mit roten Haaren und grünen Augen; Augen, die so grün sind wie das Wasser des Waldsees; ein Mädchen, das ich noch nie gesehen habe; sommersprossig, blaß, und schön wie eine Wassernixe in einem russischen Märchenbuch; ihr fehlt nur noch die Seerose im Haar. Ein Sommernachtstraum ... Das Mädchen lacht mich an. „Nanu“, sage ich, und frage, weil mir nichts besseres einfällt: „Wo kommst du denn her“. Sie antwortet: „Von ganz unten, vom Meeresgrund“ und lacht wieder. Ich frage sie: „Kommst du mit zur Insel?“ und sie blubbert ein lustiges „Ja!“. Wir schwimmen hinüber zu der kleinen Insel an der Landzunge. Sie steigt vor mir aus dem Wasser und ich sehe, daß auch das, was bisher unter Wasser war, wunderschön ist. Sie ist klein und zierlich, hat lange Beine; alles an ihr ist so, wie es ein Mann sich nur wünschen kann. Das Mädchen wird mir ein wenig rätselhaft, und ich denke einen Moment lang, daß es vielleicht gar nicht um mich geht; daß sie vielleicht ihrem Freund eins auswischen will oder so etwas ähnliches, aber viel Zeit – und Lust – zum Nachdenken habe ich nicht. Im weichen Sand sitzend unterhalten wir uns ein wenig, reden Belangloses. Ich erfahre, daß sie 17 und mit den Eltern hier auf Urlaub ist und sie gesteht mir, daß sie mich schon eine Weile beobachtet hat; will wissen, was ich lese. Ich erklär’s ihr. Wir wärmen uns ein wenig in der Sonne auf, dann schwimmen wir zur Fichte zurück. Ich staune: Das Handtuch neben dem meinen gehört ihr. Sie nimmt sich einen trockenen Bikini und läuft zum Umziehen ein Stück weit in den Wald hinein; ich lege mir mein Biologiebuch zurecht, obwohl ich weiß, daß das jetzt eigentlich Quatsch ist, und sinniere. Plötzlich legen sich zwei kühle Arme von hinten um meinen Hals, rote Haare hüllen mich ein, und meine hübsche kleine Nixe läßt sich auf mich fallen; sie windet sich um mich herum auf meinen Schoß, zieht mich zu sich herunter und küßt mich ab wie eine Ertrinkende, ich komme kaum zum Atemholen. Das Ganze ist verrückt. Der Nachmittag vergeht mit tausend Albernheiten, Zärtlichkeiten und Küssen wie im Fluge. In ihr Bikinihöschen darf ich nicht hinein, ansonsten darf – und soll ich wohl auch – alles. Ich kann mich an ihr weder satt sehen noch fühlen, und auch sie ist unersättlich. Schrecklich ist nur, daß ich mich immerzu auf den Bauch drehen oder irgendwie krümmen muß, damit sie ‚nichts merkt’, denn ich habe auf einmal das Gefühl, daß sie noch genauso unschuldig ist wie ich. Es ist dämmrig, als wir es endlich schaffen, uns voneinander loszureißen. Bevor wir auseinander radeln – sie nach rechts, nach Weißwasser; ich nach links, Richtung Muskau – flüstert sie mir zu „Bitte, komm übermorgen wieder her.“ Ein Bio-Buch rutscht die Böschung hinab und landet im Wasser. Egal, denke ich; sechste Klasse ...

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Die Prüfung findet am Vormittag des Tages statt, an dem ich sie wiedersehen soll. Ich fühle mich gut vorbereitet. Bauchschmerzen machen mir beide, die Prüfung wie auch das bevorstehende Rendezvous, aber es ist vor allem das zweite. Ich bin unter den letzten, die geprüft werden, ein Thema nach dem anderen, das ich gern gehabt hätte, bekommen andere, endlich bin ich an der Reihe. Quieksy hält mir fünf Zettel hin, einen davon soll ich ziehen. Er zwinkert auf einmal, als hätte er etwas im Auge, ich sehe mir sein Quintett genauer an und sehe: Ein Zettel ragt ein winziges Stück über die anderen hinaus. Also nehme ich den, drehe ihn um und lese: „Mikroskopieren Sie ein Zwiebelhäutchen und erklären Sie.“ Ich denk, mich rührt der Schlag: Und dafür habe ich tagelang sämtliche Biologiebücher durchgeackert?! Ich schäle eine Zwiebelhaut ab und überlege währenddessen, verdammt – womit färbt man das Zeug denn nun? Aber es fällt mir ums Verrecken nicht ein, die Sache geht gründlich schief; es bleibt beim „Gut“. Quieksy ist genauso enttäuscht wie ich, vielleicht sogar noch mehr, und meint: „Tja, sechste Klasse, – zu lange her, was?“

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Als ich an die Grüne Fichte komme, ist meine kleine Meerjungfrau schon da – mit Eltern. Die beziehen – nach einer kühlen Begrüßung und einem äußerst unangenehmen Verhör: Name, Alter, Eltern, Schule usw. – eine eigene Decke ziemlich weit abseits, und ich werde aus der Ferne intensiv begutachtet; besonders von der Mutter. Das Mädchen ist derselbe Wildfang und so närrisch wie am ersten Tag, doch mir ist die Observierung durch ihre „Oldies“ peinlich. Also gehen wir des öfteren ins Wasser, wo wir uns aneinander festhalten und immer wieder abküssen bis zum Untersinken; wir schaffen es nicht einmal bis zur Insel. Aber irgend etwas ist kaputt. Wir verabreden uns zwar wieder, doch in den nächsten Tagen regnet es in Strömen und ich bleibe zu Hause. Ich habe Zeit zum Überlegen, bin hin- und hergerissen; das mit den Eltern wird mir unheimlich. – Kurz: Ich habe meine ‚Undine’ nie mehr gesehen.

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Ihre Eltern hatten den Zauber zerstört. Anders als im Märchen habe ich ihren Namen nicht erfahren, denn ich hatte sie weder danach noch nach irgend etwas anderem gefragt; ich hatte sie einfach nur „du“ genannt ....

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zwiebel zellen methylenblau


Zwiebelhäutchen färbt man zum Mikroskopieren mit Methylenblau ein.


(19.04.2008)

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