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Nie wieder Helga!

Vom Kunzeln

Von biF


Ich habe ein paar sehr schöne alte Sachen – zum Beispiel einen handbemalten Flakon mit einem Eau de Cologne, das duftet wie weiland Omas Schlafzimmer – die „gekunzelt“ sind. „Gekunzelt“, das heißt: Sie gelangten über einen Müllcontainer aus dem Haushalt von Frau Kunze in den meinen. Die unscheinbare Frau hatte unter uns gewohnt. Daß es sie überhaupt gab, bemerkten wir nur dadurch (dafür aber um so deutlicher!), daß von früh bis spät alle möglichen Paketdienste bei ihr oder, wenn sie nicht zu Hause war, (des öfteren!) bei uns klingelten; DHL, DPD, UPS, Hermes und was es da noch so alles gibt. Nachmittags gegen vier waren dann meistens alle durch und wir konnten uns wieder ungestört um uns selber kümmern. Die Frau war gut situiert, weil ihr Gatte sel. ein Nationalpreisträger gewesen war, der wohl eine besonders wertvolle Strickmaschine erfunden hatte. Auf ein Paket mehr oder weniger kam es bei ihr offensichtlich nicht an.


kunze barbie eau de cologne


Sie war plötzlich gestorben, wie die meisten alten Frauen sterben: Oberschenkelhalsbruch, Krankenhaus, Krücken, aus. Die bis dahin völlig unsichtbaren Erben beräumten die Wohnung und es wurde offenbar, was all die Pakete enthalten hatten. Ein riesiger Sperrmüllcontainer begann sich mit Werbeprospekten, Mahnungen, unbezahlten Rechnungen und den dazu gehörigen wertvollen Sonderangeboten von sämtlichen auf Rentner spezialisierten Aasgeiern Deutschlands zu füllen. Anfangs kümmerte ich mich nicht darum. Der Container stand dicht an der Straße und darin herumzukriechen, war mir zu blöde. Ich wurde aber munter, als die ersten Bücher auftauchten. Nach der dritten kompletten Vorzugsausgabe der gesammelten Werke von Hanussen (mit einem goldenen Pendel und einer Anleitung zum Wahrsagen) erschienen die ersten Antiquitäten, Wagenfeld-Gläser, Spielzeug, und es deutete sich an, daß hochkarätige Kulturschichten abgetragen werden würden. Als die Archäologen Feierabend machten, stellte ich sicher, soviel ich fand und konnte. Am nächsten Tag mußte ich zum Arzt. Um zu verhindern, daß die blinden erbenden Hühner Kulturgut vernichteten, rief ich die Helga an; außerdem wußte ich kaum noch, wo ich meine Beute lagern sollte.


kunze okkultismus hanussen


Helga kam natürlich ungesäumt. Helga trödelt und sammelt seit vielen Jahren, und Helga ist taff. Ich kannte sie noch nicht lange, und als Kompagnon leider gar nicht. Gleich am ersten Abend fischte sie noch eine Schachtel mit einem zauberhaften kleinen Biedermeierpüppchen aus einem Klumpen mit Quittengelee verklebten Sägespänen. Dazu gehört natürlich was! Für den nächsten Tag aber hatte sie sich vorsichtshalber gleich mit den Erben verabredet. Helga ging nun in der Wohnung ein und aus, und ich stand – nicht lange – draußen am Container. Im Triumph trug sie eine Kiste nach der anderen an mir vorbei und verfrachtete sie in ihr Auto. In den Container kam nichts mehr; jedenfalls nichts Brauchbares. Ein paar Glasknöpfe („... aber nicht so viel!“) hat sie mir abgegeben. – Nie wieder „kunzeln“ mit Helga!

(26.01.2009)


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