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Wenn Vermieter Briefe schreiben

Eine Realsatire

Von biF


Mein Freund Ludewig ist - oder war - Schriftsteller. Und er ist - er war - überzeugter Mieter. Lange hat er sich mit seinen (nicht geringen!) sprachlichen Mitteln darum bemüht, von seinen Vermietern eine brauchbare Betriebskostenabrechnung zu erhalten. Er hat drei Jahre lang Ruhe bewahrt, selbst gerechnet bzw. interpoliert, geduldig Brief um Brief geschrieben, den Generalinspektor der Erbengemeinschaft Sandsturm beschworen und lange Gespräche mit einem ihrer Emissäre geführt, doch es hat ihm nichts genützt; im Gegenteil: Die letzte Nachricht aus der Trutzburg seiner hausbesitzenden Betriebsgeheimnisträger hat ihn völlig aus der Bahn geworfen. Sie bescherte ihm nämlich schlagartig die Erkenntnis, daß der Geisteszustand der Nation, der kollabierende Buchhandel und sein eigenes rückläufiges Einkommen eine Einheit darstellen, die sich notwendig auf einen Nullpunkt zubewegen muß. „Lies das, und du wirst sehen, wie recht ich habe“, sprach der sonst so Fröhliche weinend und reichte mir das Indiz, ein Schreiben seiner sächsischen Vermieter. Und ich las:


bnk ignorant denunziant legastheniker

Werter Mieter Lustig

Erst einmal vielen Dank das sie sich endlich bemüht haben ihre Betriebskosten 2007 (seit August 2008 zugestellt) zu prüfen.
Leider bedaure ich sehr, dass diese vielen Zahlen und Fakten zu viel für sie waren und sie den „Mieterschutzbund“ bemühen mussten. Sicher hätte ihnen ihre Frau, Mitbewohnerin oder Abschnittsgefährtin (wie auch immer), also Frau Liselotte Lustig dabei behilflich seien können. Denn Sie hat die Abrechnung akzeptiert, also auch verstanden.
Jedenfalls hat das auch (abgesehen von meinem Aufwand) etwas Gutes für die Erbengemeinschaft. Denn der oder die Frau Sauer vom Mieterschutzbund hat mit mir kommuniziert und mich auf ihr Unverständnis hingewiesen, sowie auf den peinlichen Fehler den Umlageschlüssel (wird gleich erklärt) zu niedrig anzusetzen aufgedeckt ... usw.
Diese habe ich jetzt korrigiert und sende ihnen hiermit eine ausführliche Abrechnung, damit auch sie in den Genuss des Verstehens kommen.[1]

1.) Umlageschlüssel –dies ist der Prozentsatz den der Vermieter (Erbengemeinschaft Sandsturm) dem Mieter (sie) nennt, um zu erklären wie groß der Teil der Kosten ist, der vom Mieter (sie) zu tragen(also zu bezahlen) ist.
(Es folgt eine Beispielrechnung.)
2.) Grundsteuer B (eine Abgabeforderung der Gemeinde auf das gesamte Wohnhaus)
(Es folgt die Rechnung.)
3.) Trinkwasser (geh von aus sie wissen was das ist)
(Es folgt die Rechnung.)
4.) Abwasser (ohne jede Erklärung!)
(Es folgt die Rechnung „100% zu ihren Gunsten“.)
5.) Niederschlagswasser (Regen und getauter Schnee)
(Es folgt die Rechnung „zu ihren Gunsten.“)
5.) Müllentsorgung (Was auch immer sie in der Tonne auf dem Hof entsorgen)
(Es folgt wieder eine „Rechnung ... zu ihren Gunsten.“)
6.) Hausversicherung (Versicherung für Haftpflicht/Gebäudeversicherung/Glas)
(Wieder eine „Rechnung ... zu ihren Gunsten.“)
7.) Straßenreinigung (die Stadt bezahlt damit die Firmen die Schmutz wegräumen)
(Und wieder eine Rechnung „zu ihren Gunsten.“)
8.) Fernwärme (ist das was ihre Heizkörper in ihre Wohnung warm werden lässt)
Die Stadtwerke stellen dem Haus 100% in Rechnung. Um den Ärger mit Ihnen aus den Weg zu gehen sende ich die Rechnung an die Firma Ista.(Siehe Anhang) und die rechnen den Teil für die Wohnung ... usw.
(Und noch eine Rechnung „zu ihren Gunsten.“)2

Ich hatte die merkwürdige Epistel kaum zu Ende gelesen, da brach es auch schon aus dem entnervten Ludewig heraus: „Hilf mir, um des Himmels und unserer Freundschaft willen, und sage mir: Was ist Abwasser? Was ist mit dem getauten Hagel? Warum läßt ausgerechnet meine Fernwärme bloß die Heizkörper warm werden? Warum muß mein Haus dafür bezahlen und ich nicht? Wieso will keiner mein Geld? Wieso rechnet sogar die Ista zu meinen Gunsten? Wie soll ich denn da die Konjunktur mit ankurbeln? Aber das Allerschlimmste ist: Was meint er bloß mit der Mülltonne? Habe ich beim Mülltrennen etwas falsch gemacht? Hat mir jemand heimlich eine Leiche hineingetan? Und wenn ja: Woher weiß er das? Wird der Inhalt tatsächlich an die Vermieter gemeldet? Geht das womöglich sogar noch bis zum Schäuble? Und warum das Alles? Ich wollte doch bloß wissen, wofür ich mein Geld ausgebe!“
Mein Freund Ludewig weinte sich in meinen Armen aus und verkündete mir mit endlich leeren Tränensäcken seinen Entschluß, mit der Zivilisation brechen zu wollen, die ja doch nichts anderes sei als eine Horde notdürftig gebändigter Bestien. Bevor ich den Geknickten heimwärts ziehen ließ, nahm ich ihm vorsichtshalber das Versprechen ab, sich dazu keines Strickes oder anderer Hilfsmittel zu bedienen, und Ludewig versprach es. Er wohnt jetzt in einem Zelt am Baggersee. Seinen Beruf hat er aufgegeben. Er sagt, das Angeln sei lohnender.

(4. März 2009)


1 Die Rechnungsbelege wie Lieferrechnungen für Wasser und Heizung fehlen.
2 Briefauszug in originaler Orthographie und Schreibweise, Namen geändert.

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