Madonna
Von biF

Die Mädchen, die von den Titelseiten der Illustrierten lächeln, gibt es tatsächlich. Eins davon sitzt neben mir. Es ist 1,61 groß und heißt Madonna. Madonna hat den Ehrgeiz, das kleinste Model der Welt zu werden. Wenn sie redet, dann redet sie meistens von Mode, Schmuck und Kosmetik und ihrem großen Traum, einer Haarverlängerung. Darauf spart sie eisern. Dabei ist Madonna auch ohne Makeup und Rapunzelmähne hinreißend, was ich versichern kann, weil ich einmal mit ihr im Schwimmbad war. Wir beide sind die Außenseiter eines schäbigen kleinen Hotels im Schwabenland, in dem wir – sie als Lehrling, ich als etwas später Umschüler – Hotelfachleute werden wollen. Wir sind uns von Anfang an sympathisch, und ich bilde mir irgendwann sicherlich nicht mehr nur ein, daß Madonna ganz gern auch mehr als meine Freundin wäre. Für meinen Geschmack ist sie allerdings etwas zu perfekt, außerdem wirkt sie trotz ihrer 19 Jahre – wohl weil sie so klein ist – auf mich noch so kindlich, daß sie mich – zunächst – nur mäßig reizt.

Andere, vor allem unsere Kolleginnen, sehen das gleich anders. Als Madonna zum ersten Mal im Hotel erscheint, was durchaus im Sinne einer Erscheinung zu verstehen ist, sitzen zufällig beide Schichten der Service-Brigade komplett beim Frühstück. Madonna hat ungewollt einen perfekten Auftritt. Sie ist sich ihrer Wirkung auf Frauen wohl bewußt und hat vorgesorgt mit einer zu weiten Bluse, einem schlecht sitzenden Rock von unmöglicher Länge und einem Paar „Amish-Tretern“, allein – es nützt ihr nichts. Die Mädchen sind sich unausgesprochen sofort einig: Eine Feindin! Man sieht förmlich, wie die Luft um sie herum vereist. Trotzdem nennen sie ihre neue Feindin, die natürlich nicht wirklich so heißt, Madonna. Kein anderer Name wäre passender. Madonna lächelt verlegen, aber sie lächelt nicht nur mit dem Mund und den unglaublich strahlenden blauen Augen – an ihr lächelt einfach alles. Unser großes Kind Oliver, einziger Lehrling unter einem Dutzend Lehrling(inn)en, will ihr imponieren und jongliert mit zwei weichgekochten Frühstückseiern. Ein übermäßig beschleunigtes Ei zerplatzt an einem Deckenbalken und hinterläßt dort, nachdem es sich ausgetropft hat, einen Eigelbstalaktiten, der noch lange Zeit vom Himmel stinkt.

Nun also sitzt Madonna neben mir. Ich fahre mit ihr nach Stuttgart, wo wir uns in einem angenehmeren Hotel bewerben wollen. Aus unseren Bewerbungen wird nichts. Ich (41) bin zu alt, Madonna sieht zu gut aus; das Hotel hat eine Personalchefin. Nach der mißglückten Vorstellung besuchen wir die Staatsgalerie. Madonna trägt eng anliegendes Schwarz – Bardot-Pullover und gerade geschnittene Hose – in dem sie aussieht wie eine blonde Emma Peal. Im Foyer nimmt sie ihre Schuhe in die Hand. Zum Vorschein kommen die hübschesten kleinen Füße, die man sich denken kann. Sie blitzen im Rhythmus unserer Schritte abwechselnd beinahe schneeweiß unter dem schwarzen Hosensaum auf und ziehen auf dem dunklen Stein des Fußbodens nicht nur meine Blicke magisch auf sich. Wo wir auftauchen, sieht sich kaum noch jemand Bilder an. Alle sehen uns nach. Madonna scheint zu wissen, wie sie in diesem Aufzug wirkt. Sie triumphiert. Ich genieße die Bilder – darunter auch meinen ersten echten Dali, ein Telefon mit Spiegeleiern – und Madonnas Anblick, indem ich immer ein wenig Abstand halte. Nach dem prickelnden Schaulaufen durch die Ausstellungsräume setzen wir uns in das zur Straße hin verglaste Galerie-Café, trinken Cola und beobachten die Menschen um uns herum und auf der Straße. Madonna betrachtet sich im spiegelnden Fensterglas, und dann sagt sie – ganz ernsthaft – diesen unglaublich dummen Satz: „Ich weiß nicht, irgendwie ist der ganze gemalte Kram hier langweilig, ich finde mich viel interessanter“ ...

(25.03.2009)
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