Kunst und Handwerk
oder: Wie die Mona Lisa entstand
Von biF
Der Meister Lionardo,der Meister Bronzetto
und warum es kein
Reiterstandbild von
Meister Lionardo gibt.

Meister Lionardo trat in Meister Bronzettos Werkstatt ein und sprach: „Meister, ich grüße Euch. Möge die Sonne Tag und Nacht über Euch und Eurem verdienstvollen Werke scheinen und beleuchten, wovon die ganze Stadt Wunder spricht.“
Meister Bronzetto dankte dem Meister Lionardo für sein artiges Kompliment, zahlte ihm reichlich gleiche Münzen heim und fragte: „Was kann ich für Euch tun?“
„Meister Bronzetto“, sprach Meister Lionardo, „Ihr sollt mir ein Pferd machen.“
„Ein Pferd? Nun, wenn’s weiter nichts ist“, sprach Meister Bronzetto, „null Problemo!“
„Nun, es soll auch ein Reiterlein darauf sitzen, und springen soll es; das Pferdchen!“ sprach Meister Lionardo vergnügt.
„Aha, ein hüpfendes Pferd“, sprach Meister Bronzetto, „ein Hüpfer, ein Heuhüpfer, ein Heupferd, sozusagen – o verzeiht, Meister Lionardo; nichts lag mir ferner, als euch nahe zu treten. Laßt sehen, habt Ihr denn schon einen Plan?“
„Ei, gewiß doch“, versicherte Meister Lionardo, kramte in den Falten seines Gewandes und förderte eine Pergamentrolle zutage, worauf der Meister Bronzetto das Pferd und den Reiter so wahrhaftig abgezeichnet fand, als ob sie leibten und lebten.
Meister Bronzetto besah sich das Monument, überschlug insgeheim, wie viel Bronze er dem Meister Lionardo dafür berechnen könne und sprach: „Habt Ihr denn auch bedacht, daß diese dünnen Beinchen hier“ – er zeigte auf die Hinterläufe des Rosses – „die ganze Last von Roß und Reitersmann tragen müssen?“
„Ei, gewiß doch“, sprach Meister Lionardo, kramte ein weiteres Mal in den weiten Falten seines weiten Gewandes und förderte eine weitere Pergamentrolle zutage.
Meister Bronzetto besah sich Meister Lionardos Tabellen, kratzte sich am Kopf, kratzte sich am ... – und ärgerte sich, denn er fand daran nichts auszusetzen. Er bedachte dies und jenes und verkündete endlich: „Also, Meister Lionardo, hört mich an. Den Degen von dem Reiterlein machen wir mindestens einen halben Meter länger. Das Pferdchen scheint mir im großen und ganzen ja recht gelungen, aber wir müssen ihm die Nüstern blähen, die Augen weiten und noch so dies und das, und – wir machen ihm eine Schleife an den Bürzel. Das sieht hübsch aus, und man sieht das Arschloch nicht so.“
Meister Lionardo riß erschrocken die Augen auf und schrie: „Arschloch! Bürzel! Du heiliger Strohsack! Meister Bronzetto, Ihr seid meschugge! Ein Pferd mit Schlei – und überhaupt: Wer ist denn hier der Künstler: Ihr oder ich?“
„Ihr seid der Künstler hier“, gab Meister Bronzetto bereitwillig zu, „aber ich muß auch an das Geschäft denken; an die Souvenirhändler und diese kleinen Modellchen für die Touristen, und die wollen das heutzutage eben so haben.“
„Kommt gar nicht in Frage“, erklärte Meister Lionardo entschlossen „lieber Arschloch als eine Schleife am Bürzel. Ich sehe, daß die Leute wohl recht haben, wenn Sie Eure Tüchtigkeit loben; aber ich sehe auch, daß sie recht haben, wenn sie Eure Ignoranz tadeln.“
„Und ich sehe“, sprach Meister Bronzetto giftig, „daß die Leute wohl recht haben, wenn sie Euch einen eingebildeten Menschen nennen!“
So stritten sie hin und her, bis Meister Lionardo der Geduldsfaden riß: „Meister Bürzeletto, Ihr seid ein Dummkopf“, sprach er, seine Pergamente in Meister Bronzettos Schmelztiegel werfend, „Ihr mögt wohl ordentliche Bronze kochen, aber zur Kunst seid Ihr nicht zu gebrauchen!“
Sprach’s, ging heim und malte die Mona Lisa.
(31.03.2009)
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen