Links der Spree
oder: Das Berliner Sicherheits-Syndrom
Von Bernd-Ingo Friedrich
Norovirus
Ostern 2009
Dinkelbrei, Hirsebrei, Reisbrei;
Semmelbrei, Haferbrei, Maisbrei;
Scheiß-Brei!
Ich bin schon oft in Berlin umhergefahren oder -gelaufen und habe davon ein paar dauerhafte Eindrücke behalten: Sehe ich geistigen Auges nach unten, entdecke ich vielleicht ein paar Pflastersteine mit Fossilien, ansonsten nur Kronkorken, Kaugummis und jede Menge anderen Müll; wenn ich Glück habe, einen Cent oder Euro – niemals Scheine – und obwohl ich auch immer auf die Münzen spucke, bevor ich sie selbstverständlich einstecke, bin ich noch nie einem Geldhaufen begegnet, sondern immer nur den anderen – die Berliner wissen, welche ich meine. Sehe ich nach oben, erblicke ich Baukräne ohne Kranfahrer, denn weil die so weit oben sitzen, sieht man sie nicht; guck ich nach rechts, wird mir schlecht vor lauter Autos; guck ich nach links, wird mir wieder besser, denn da sind die Schaufenster und ab und zu eine nette Studentin. Natürlich kann die Studentin auch rechts sein; das kommt auf die Straßenseite an und in welche Richtung ich laufe. Zu alledem gehört ein immerwährender gräßlicher Lärm; Berlin ist ein Nudeltopf. Ich habe darin aber auch jedes Mal etwas Schönes, Neues oder Interessantes entdeckt – eigentlich gar nicht anders möglich bei einer derartigen Legierung aus Menschen und Material. Neulich bin ich wieder einmal mit dem Sankra nach und durch Berlin gefahren, hinten drin, im Kasten liegend. Das tue ich gelegentlich, nicht zum Vergnügen, sondern das ergibt sich so, meistens Weihnachten, Ostern, an Wochenenden oder anderen feierlichen Tagen. Diesmal fuhr ich in einem dieser neueren Modelle, die nicht mehr so laut und pferdekarrenähnlich schütter sind wie die, die ich bis dahin kannte, und die Fenster zum Rausgucken haben. Der Berliner Ausschnitt, den ich mir dadurch besehen konnte, befand sich etwa zwei bis fünf Meter über Normal und bescherte mir eine ganz überraschende, neue Sicht, denn plötzlich, in Mitte, fielen mir immer wieder häßliche graue Zäune auf, riesige, mindestens drei Meter hohe Ungetüme, zusammengesetzt aus armdicken Eisenstangen, sowie ähnlich monströs vergitterte Fenster in den Erdgeschossen, dazu eine Unmenge Videokameras – quasi ein Zuchthaus am anderen. Das aber war völlig unmöglich. Das wäre mir entweder vorher schon aufgefallen, oder zumindest erzählt worden; außerdem war seit meiner letzten Visite höchstens ein Vierteljahr vergangen – und so schnell konnte kein Mensch so viele Gefängnisse gebaut haben. Mit dem Geld, das allein all die Zäune gekostet haben, hätte man vermutlich den Palast der Republik sanieren, das Stadtschloß daneben bauen und beide vergolden können! Ich rappelte mich auf meiner Bahre etwas nach oben, um gelegentlich einen Hinweis zu erhaschen, und siehe da: Am nächsten Knast befand sich – riesengroß – das Schild „Ministerium für Finanzen“ – soso, ein Ministerium. Ein weiteres Schild, das ich ohne Brille gerade noch entziffern konnte, verkündete „Ministerium für Arbeit und Soziales“ – aha, sieh da: Ein Mysterium.

Das Königlich Sächsische Finanzministerium 1912
Also, daß man ein Finanzministerium ordentlich vergittert, leuchtet mir gerade noch ein, obwohl ich persönlich ja nicht glaube, daß man darin tatsächlich „Finanzen“ findet; daß man ein Verteidigungsministerium – zu Repräsentationszwecken vielleicht, denn nötig hat es das wohl kaum – ein wenig altertümlich einrüstet, mag auch noch hingehen, aber ein Ministerium für Arbeit und Soziales? Wenn es eins dagegen wäre, müßten sich die, die drinsitzen, sicherlich fürchten, aber in einem dafür? Inzwischen liege ich Charité Campus Mitte, 18. Stock, Station 134. Von meinem Bett aus habe ich eine nachts herrliche Aussicht über das Regierungsviertel, den Hauptbahnhof, die Siegessäule und ähnlichen demokratischen Größenwahn. Darunter fällt besonders die illuminierte Riesen-Kloschlüssel von Großkotz Kohl auf (oder wie sagen die Berliner gleich noch mal zu dem Ding?) – also das Schandmal der deutschen Republik, das grottenhäßliche Größtkanzleramt (in das der daneben stehende Fünfgeschosser der eidgenössischen Botschaft etwa zehnmal hineinpassen würde!), mit zubetoniertem Spreeufer, solidem Bollwerk, geräumigem Schußfeld und so weiter; und ich frage mich: Vor wem haben die hier bloß so eine Scheißangst? Und vor allem: Warum?!
(11.04.2009)
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