Kaputt
Keine lustige Geschichte
Von biF
Es gibt Menschen, die sich freiwillig in Askese begeben,
andere bleiben einfach bescheiden,
und wieder andere entscheiden sich für die Habgier und tun auch das aus freien Stücken.
Es ist wie verhext: Bei Sauwetter zieht es uns hinaus ins Grüne, oder besser Graue; bei Schauwetter fällt uns – außer den Tausenden Volksfesten täglich, die uns überhaupt nicht interessieren – ums Verrecken nichts ein, was wir ansteuern könnten, ohne Hunderte Kilometer zurückzulegen. Als ob die Sonne das Gehirn ausdörrt. Haben wir nach Stunden dann doch noch eine Idee, ist es entweder zu spät oder es ziehen gerade dunkle Wolken am Himmel auf. Am Abend eines solchen Tages fällt mir ein, daß wir schon lange vorhaben, einmal in die alte Glashütte von Caputh zu fahren. Ich setze mich an den Computer, um einige Eckdaten zu erforschen und eine Notiz für den Frühstückstisch anzufertigen. Die erste Website, auf die ich stoße, ist privat. Lisbeth Reibold heißt die Frau, die sich mit ihrem Internetauftritt viel Mühe gegeben hat und freigiebig aus der Familien- und Werksgeschichte plaudert. Sie ist eine Nachfahrin des letzten Hüttenpächters. Was mich an ihrer Website etwas stört, sind die vielen Hinweise auf alle möglichen „Rechte“ – das Unwort der Neuzeit schlechthin – und die Androhung von Abmahnungen – der größten Schurkerei seit Konrad Zuse – in gewissen Fällen; ich komme nachher darauf zurück. Die Fülle an Informationen aber beeindruckt mich, und ich denke natürlich sofort an mein Manuskript über geschundene Briefbeschwerer aus der Lausitz, dem noch ein paar Details aus Brandenburg gut täten. Ich schreibe mir die Telefonnummer aus dem Impressum und rufe anderntags bei Frau Reibold an. Es meldet sich Herr Reibold.
Er eröffnet das Gespräch unvermittelt mit der verblüffenden Frage: „Wieso unterdrücken Sie Ihre Telefonnummer!?“ Darüber muß ich erst einmal nachdenken, aber ich komme nicht weit, denn gleich hat er mich mit der nächsten Frage beim Wickel: „Was wollen Sie denn überhaupt von meiner Frau!?“ Allmählich renkt sich das Gespräch ein und ich kann mein Anliegen notdürftig vortragen. Währenddessen ärgere ich mich, daß ich mich dazu habe breitschlagen lassen, denn eigentlich hatte ich ja mit der Frau Reibold sprechen wollen; das wäre, im Nachhinein betrachtet, vielleicht besser gewesen. Ich komme aber auch mit meinem Anliegen nicht weit. Ich werde kategorisch ab- und an den Museumsverein von Caputh verwiesen mit dem Hinweis auf irgend welche Leute, die der Familie Reibold in der Vergangenheit übel mitgespielt hätten, denn so einer könnte ja auch ich sein. Dagegen verwahre ich mich höflich und bestimmt, aber der Herr Reibold erklärt mir, er wäre grundsätzlich mißtrauisch und fängt sogleich wieder mit der Telefonnummer an: „Wissen Sie, ein Zeichen dafür, daß man auch Ihnen nicht trauen kann, ist doch schon, daß Sie Ihre Telefonnummer unterdrücken!“ Niemals in meinem Leben hatte ich je daran gedacht, irgend wen oder was zu unterdrücken, schon gar kein Telefon; schließlich weiß man ja, was herauskommt, wenn man sich an technischen Geräten über das unbedingt erforderliche Maß hinaus vergreift. Ich hatte das Ding gekauft, angeschlossen und fertig war der Lack. Ich explodiere, leider: „Herr Reibold, Sie sind krank!“ Dann wünsche ich ihm noch einen guten Tag und lege auf. Von Reibolds ist nichts mehr zu wollen. Nach ein paar weiteren Telefonaten mit Anderen ist mir aber klar, was ich schon ahnte: Die verkappten Hüttenerben hatten aus der ruhmreichen Vergangenheit ihrer Vorfahren Kapital schlagen wollen und waren dabei mit dem örtlichen Museumsverein kollidiert, der ihnen mit seinen Fördertöpfen natürlich überlegen war und den Rang abgelaufen hatte. Daher die Verbitterung. Und daran sieht man wieder einmal mehr, was die Habgier aus Menschen machen kann, die sich nicht in der Gewalt haben; schlechten Verlierern eben. Die Sache geht aber noch weiter:
Reibolds haben nämlich zahlreiche Websites, darunter eine für einen familieneigenen Service, der über kaum nennenswerte Referenzen verfügt. Die Websites drehen sich umeinander im Kreise. Um so zahlreicher sind dagegen die auf allen Websites angebrachten Haftungsausschlüsse sowie die verschiedentlich dezent angebrachten Hinweise: „Emails, Faxe, Postkarten u.ä. gelten als Geschäftsbriefe. Die Pflichtangaben für Geschäftsbriefe müssen deshalb auch auf ihnen zu finden sein. Schützen Sie sich vor möglichen Abmahnkosten durch die Verwendung automatischer Signaturen.“ Und: „Gegen unverlangte Werbung (Email, Telefax, Telefonanrufe) wird ohne weitere Ankündigung mit Abmahnungen vorgegangen.“ Auch einen Anwalt namens Reibold findet man im WWW, nur an anderer Stelle. Da also liegt der Hund begraben! Plötzlich wird mir Herrn Reibolds großer Ärger über meinen „anonymen Anruf“ glasklar: Eine Abmahnung bringt, wenn man es richtig anstellt, nämlich richtig gutes Geld. Und da geht dem Bauernfänger Reibold nun, nach längerer Durststrecke womöglich, mal wieder einer in die Falle – und dann läßt der sich sein Fell einfach nicht über die Ohren ziehen! – Ich wiederhole: Herr Reibold, Sie sind krank!
(08.06.2009)
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