Die Zwillinge oder
Liebe in der Diktatur
Von biF

Die KJS Dresden ist eine kleine Barackensiedlung, die sich auf einem Hügel in Klotzsche auf der einen Seite idyllisch an einen Waldsaum schmiegt, während zur anderen Seite hin weite Wiesen den Blick auf die Königsbrücker Landstraße freigeben. Ein schmaler Hauptweg trennt die zwei Reihen aus Unterkünften, Schulgebäuden sowie Küche und Speisesaal, an deren Anfang (oder Ende, je nachdem) im rechten Winkel zum Weg die vier Baracken liegen, in denen, zwei rechts (oder links), die Sportlerinnen und, zwei links (oder rechts), die Sportler wohnen. Die Knirpse, zu denen auch Rolf, mein Freund, und ich noch zählen, bewohnen die sportschuleinwärts gelegenen Unterkünfte. Rolf und ich sind Freunde vom ersten Tage an. Nach dem mühsam verdauten Heimweh der ersten Wochen genießen wir jede Minute unserer zwischen Schule, Training, Essen und Schlafen recht knapp verteilten Freizeit gemeinsam und entdecken Sinn und Unsinn treibend den Reiz von Freiheit und persönlicher Verantwortlichkeit. An schönen Abenden durchstreifen wir, meist auf meinem kleinen Transistorradio („Sternchen“), an dessen „Dreko“ (Dreh-Kondensator) Rolf geduldig zwischen Saarländischem Rundfunk und Rias Berlin hin- und herschraubt, verbotene Sender hörend die Wiesen; meine Band sind die Beatles, Rolf steht auf Rolling Stones. Dabei schmieden wir Zukunftspläne, durch die sich bereits die ersten Triebe unserer Geschlechtsreifung ranken. Die Schmachtfetzen mit Gerard Philipp, Alain Delon und Jean Marais, die wir uns wegen der Fechteinlagen und Rolf, der immerzu irgendwen verehren muß (danach kommt Brecht!), bei jeder Gelegenheit ansehen müssen, beflügeln unsere Phantasie, und wir beschließen, uns zu verlieben. Wir diskutieren die Mädchenbaracken durch und kommen auf die Zwillinge aus der Schwimmerklasse. Ich hätte zwar lieber die kleine Irene von den Turnern gehabt, aber zwei Freunde mit Zwillingen – das ist dann doch sehr verlockend. Rolf, als der Ältere, guckt sich die jüngere Schwester aus, ich darf mir die ältere nehmen, die ich aber sowieso viel hübscher finde. Die Sache spinnt sich auch ganz gut an. Leider trainieren die Schwimmerinnen noch intensiver als wir, so daß wir zum „Fensterln“ selten Gelegenheit finden. Die fehlende Gelegenheit gleichen wir durch die Intensität unserer Werbung aus, indem wir, zum Beispiel, zum ersten Frauentag innerhalb unserer Bekanntschaft mit den Mädchen echte Dresdener Vorgarten-Primel in Töpfen heranschaffen; eine sehr riskante Unternehmung über gefährliche Hürden aus gußeisernen Staketen, bei der uns ein ausgewachsener Schäferhund Beine macht. Leider können uns die Mädels dabei nicht sehen. Aber – wir haben sie fast weich, da ereilt uns die Katastrophe in Gestalt des Cheftrainers unserer Geliebten. Das Resultat einer „Aussprache“ lautet, kurz gefaßt: Zölibat oder Relegierung! – Unser Ausflug ins Land der Liebe wird von der SED-Terrordiktatur im Keim bereits brutal erstickt!

(09.06.2009)
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