Die Lesung
Von biF

Ich fahre zu meiner Lesung „KUNST:offen in Sachsen“ ins Meißnische, nach Jesseritz – falls das jemand kennt – auf den Vierseitenhof meiner Freunde, der „Holzgestalter Türke“. Navi „tomtom“ zeigt mir die kürzeste Verbindung dorthin (144 Kilometer), aber was für eine: Es lockt mich in Wilsdruff von der Autobahn, dann über Helm- und Buschmühle durch das Triebischtal. Falls das jemand noch nicht kennt: Bindfadenschmale, hunderttausendmal geflickte Landstraßen voller Kurven und Radfahrer, zur einen Hand steil aufragende Felsen, zur anderen unheimlich tiefe Schluchten; richtiges Niemandsland – schrecklich. (Mit dem Auto.) Trotzdem eine schöne Fahrt: Viel, doch nicht zu viel Sonnenschein, saftiges Wald- und Wiesengrün, Kornblumen, Klatschmohn und Margueriten – und keine einzige tote Katze.

Die Lesung gelingt, mit leichten Abstrichen, von A-Z: Ich habe mit Harald „Kümmelchen“ Türke und seiner Aglaja perfekte Gastgeber, mit ihrer Scheune eine fabelhaft „location“, mit Ulrich Thiem (Cello) und Anette Roth (Violine) exzellente Partner und last not least auch ein tolles Publikum aus lauter Landschaftsarchitekten und Literaturinteressierten; ich stottere wie immer, rede zu leise und zu schnell, die Zuhörer freuen sich trotzdem. Zu guter Letzt gibt es ein unerwartet üppiges Honorar aus der Spendenbüchse, ein wunderschönes „Hitrabratl“ (so nennt der Oberlausitzer ein Tablett) mit „aglajageschnitzten“ keltischen Knoten-Griffen, Ansichtskarten „Gruß aus Jesseritz“ („Fotos von Aglaja Hertling“), einen Kanten würzigen französischen Käse, eine Flasche Ziegenmilch (leider schon sauer) und einen überwältigenden bunten Frühlingsblumenstrauß, frisch aus dem Garten. Später soll ich sogar noch einen Video-Mitschnitt bekommen. Highlight der Veranstaltung sind natürlich die Geschichte „Wie ich meiner Katze Klappen einbaute“ und ihr Hauptheld, mein tragisch verunglückter rechter Mittelfinger: Die Geige, also Anette Roth, improvisiert dazu ein kongeniales Intermezzo, das mit einem fröhlichen „Miau“ beginnt und einem mißtönenden Kratzer endet.

Nach einer guten Nacht ganz ohne Licht und Lärm von außen verabschiede ich mich von meinen Gastgebern und ihrem schönen alten Bauernhof und fahre beschwingt zum Arbeiten nach Dresden; im Sächsischen Hauptstaatsarchiv warten schon einige dicke Akten auf mich. Kurz vor Niederwartha verdirbt mir einen Augenblick lang eine monströse neue Brücke die Laune, weil sie auf einzigartige Weise das bis dahin so idyllische Elbtal verdirbt. Die Sonne brennt vom Himmel wie durch ein Vergrößerungsglas, es ist hochsommerlich heiß und mein schöner Blumenstrauß auf dem Rücksitz droht schlappzumachen. Ich nehme ihn mit ins Archiv. Im Empfangsglaskasten vor dem Lesesaal sitzt wieder Maria Rex, eine hübsche kleine Archivarin, die sich große Mühe gibt, grimmig zu wirken; ich habe sie noch nie lächeln sehen. „Guten Tag, Frau Rex“, begrüße ich sie, und: „Ich möchte Ihnen heute ein paar Blumen schenken.“ Irritiert und etwas kratzbürstig will sie wissen: „Wieso denn das?“ und ich antworte wahrheitsgemäß: „Ich möchte Sie einmal lächeln sehen.“ Daraufhin zieht sie eine schiefe Grimasse, die ein Lächeln vorstellen soll, doch dann lächelt sie tatsächlich. Ihr Gesichtchen wird immer schöner, und plötzlich scheint anstelle der Leuchtstoffröhren die Sonne auch im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden.

Das nächste Mal muß die Scheunentür geölt werden; und für mich: Wenn man „lesen“ könnte, ohne vor Dutzenden Leuten reden zu müssen, und vor allem, ohne öffentliches Aufsehen zu erregen, wäre das Ganze noch viel schöner ...

(02.06.2009)
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