Tamara Lempicka
Von biF
Zu meinen Lieblingskotzbrocken, denen ich von ganzem Herzen einen schlimmen Krebs oder etwas ähnliches wünsche, gehören selbstverständlich die Arbeiterverräter Schröder, Clemens, Hartz und „Schildkröte“ Müntefering. Und Dr. Fischer, klar. Daneben gibt es noch ein paar Heuchler wie Cohn Bandit, Schlauch (allein die Namen!) und Friedmann (da ich kenn’ keine „Parteien“), deren Lebensläufe ich ebenfalls mit Interesse und einer gewissen Hoffnung verfolge. (Lepra – das wär’s natürlich, aber die kommt ja bei uns leider nicht vor.)
Wie zu allen, so auch zu Friedemann und seinem diffusen Fortpflanzungsdrang, haben sich über die Jahre ein paar Aphorismen angesammelt; schade nur, daß ich die Hobelspäne nicht von Anfang an datiert habe. Bei Friedmann hatte es aber (Suchfunktion!) angefangen mit: „Die einen kaufen sich Menschen und die anderen, wie Friedmann, mieten sie. Friedmann ist zivilisiert.“ Friedmann zwo lautet: „Menschenwürde, Menschenrecht und Toleranz – und dazu eine kleine Russin.“ Eine Meldung aus der Welt der Wissenschaft, bei der nicht zu abzusehen war, daß sie im Zusammenhang mit Freund Friedmann noch einmal auftauchen würde, bescherte mir: „Der Mensch als willenlose Zusammenballung biochemischer Strukturen und Prozesse – wenn das Schule macht, kann der Gesetzgeber abdanken.“ Doch siehe da, es dauerte gar nicht lange, da gab es eine Meldung, die mir zu folgendem Span verhalf: „Friedmann hat das Potential der Neurobiologie für sich entdeckt und daß er danach generell unschuldig sein muß. Darauf will er jetzt sogar promovieren.“
(Zu der Lempicka komm’ ich gleich, bei mir dauert so was manchmal ein bißchen; außerdem ist ja heutzutage auch alles sehr komplex.)
Damals hab’ ich über die Neurobiologen noch gelästert, aber inzwischen denke ich, daß ich mir ihre Theorie, wonach der Mensch keinen freien Willen besitzt, ebenfalls zu eigen machen sollte, und zwar aufgrund eines Schlüsselerlebnisses.

Wenn ich alle Vierteljahre wieder (auf eigene Kosten, versteht sich; siehe Arbeiterverräter) zur Kontrolle in die Charité muß, treffe ich mich anschließend an meine Untersuchungen mit einem Freund im Café Leon unter den S-Bahnbögen Friedrichstraße. Vorher gehe ich meist noch zu Jokers und zu Dussmann. Diesmal habe ich aber vor, nichts zu kaufen. In meinem Portemonnaie (für den etwas gebildeteren Anhänger der neuen Rechtschreibung: Portmonee) sind vorsichtshalber nur elf Euro fünfzig, und die Rückfahrkarte hab’ ich schon. Das bewahrt mich zwar davor, bei Presse & Buch vor dem Bahnhof den Bildband – voilà – „Tamara Lempicka“ für 19,95 zu kaufen, aber auf dem Weg von Dussmann zum Café kommen mir ein paar junge Leute von der BüSo in die Quere, die an ihrem Infostand die „Outlines of American Political Economy“ von Friedrich List haben. (List mit „st“). Dieser List interessiert mich schon lange, weil sich in der Bibliothek des Fürsten Pückler in Branitz ein Widmungsexemplar von ihm befindet. Das Buch ist nicht ganz billig, aber beim Sonderpreis von zehn Euro werde ich schwach. Wer mitgerechnet hat, weiß, daß ich jetzt noch einen Euro fünfzig für’s Café habe. Das ist nicht nur für Berlin sehr wenig. 1,90 ist der niedrigste Preis, den ich auf der Speisekarte entdecken kann. Um nicht gegebenenfalls, nämlich falls mein Freund nicht kommt, zum Zechpreller werden zu müssen, handle ich mit der Kellnerin – einer hübschen kleinen Person aus Nowosibirsk – aus, daß sie mich auf dem Trocknen sitzen läßt, bis er kommt. Mein Freund kommt natürlich. Ich hingegen komme mir ein bißchen schäbig vor. Mein Freund übernimmt zwar sowieso immer die Zeche, aber daß ich nun gleich ohne Geld dasitze, ist mir peinlich. Also erzähle ich ihm von meinem Abenteuer und daß die BüSos mir gerade noch 150 Cent gelassen haben. Das erweckt seine Besorgnis. Zum Abschied erklärt er mir, daß er mich unmöglich ohne Geld in Berlin herumlaufen lassen könne und nötigt mich, 20 Euro anzunehmen; mein Protest dagegen fällt schwach aus. Ich bin vom Frühaufstehen und dem Großstadtgewusel müde und ohne Widerstandskräfte.
Und damit bin ich – eins, zwei, hast du nicht gesehen – wieder bei „Tamara Lempicka“. Seit Monaten, es könnten auch gefühlte Jahre sein, warte ich darauf, daß das Buch billiger wird, aber es will nicht. Kurz – auf dem Weg zum Bahnsteig – Gott hilft mir nicht, ich kann nicht anders – kaufe ich mir endlich die Lempicka, für 19,95. Damit bin ich wieder bei 150 – nein: 155 Cent. – Ja, und das kann ja eigentlich nur mit jener Willenlosigkeit zusammenhängen, die den Friedmann so schlimm drangekriegt hat, und die anderen vielleicht auch.
(Erlebt am 14., aufgeschrieben am 17.10.2009.)
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