Brezelchen
Von biF
Der Antiquitätenhändler beschwatzt arme Ahnungslose, ihm wertloses Zeug billig abzulassen und nachher reiche Ahnungslose, ihm das wertvolle Zeug teuer abzukaufen.Der Spruch kommt nicht von ungefähr, sondern entspringt jahrelanger intimer Bekanntschaft mit einem Metier, in dem mehr Schlitzohren zu Hause sind als anderswo, ausgenommen, wie immer, die Politik. Ich bin nämlich, oder war eine zeitlang, leidenschaftlicher Sammler von gläsernen Briefbeschwerern; das soll heißen: Ich habe mir mein Insiderwissen als Kunde erwerben müssen, und müssen impliziert, daß fast jeder Briefbeschwerer, den ich hier relativ preiswert erwerben konnte (anders wär’s ja auch gar nicht gegangen), dennoch bis zu seiner Renovierung durch mich die Papillarlinien aller Trödler der näheren Umgebung trug und auf seinem Weg zu mir jedem von ihnen zu einem ordentlichen Stück Butter bei seine Fische verholfen hatte. Dies und einige andere gelegentlich aufgeschnappte Details dieser Art von Handelskette haben mir das Sammeln inzwischen ein bißchen verleidet. Lustig anzuhören sind die Geschichten der Trödler aber allemal.

Das älteste in der nördlichen Oberlausitz nachweisbare Glas gehört zum Beispiel einer befreundeten Trödlerin, die es am Straßenrand entdeckte, wo es als vorläufig aufbewahrter Grabungsfund einiger Erdarbeiter lag und seiner Karriere als vielbewunderter Antiquität entgegenwartete. Sein Promotor, meine Freundin nämlich, ließ nicht lange auf sich warten. Sie erspähte das Glas, entdeckte durch die es bedeckende Lehmkruste hindurch sein Potential und ließ es ohne großes Federlesen in ihrer Handtasche verschwinden mit dem Kommentar: „Ihr könnt doch mit dem ollen Ding sowieso nüscht anfangen!“

Von einem anderen dieser Händler, der regelmäßig annonciert („suche – dies und das – zahle Höchstpreise“; nennen wir ihn einmal Brezelchen) ist folgende Geschichte bekannt geworden. Eine Einkauftour hatte ihn nach – irgendwohin – gebracht und ihm die goldene Repetieruhr einer alten Dame beziehungsweise ihres seligen Gatten zum Schnäppchenpreis beschert. Die Tatsache an sich und vor allem natürlich der gezahlte Preis hatten einen erbberechtigten Enkel auf die Palme getrieben, und die bedauernswerte Großmutter (die es sicherlich „nur gut gemeint“ hatte) wurde von ihm zum Widerruf gezwungen. Brezelchen erhielt also einen Anruf, mit dem er zur Rückgabe des Erbstücks bewegt werden sollte, doch da war die Frau bei ihm an den Richtigen, oder besser: Falschen geraten. Geistesgegenwärtig erklärte er der aufgebrachten Oma: „Ach, hören sie mir bloß auf mit dieser Uhr! Wissen Sie was? Ich bin damit zum Goldschmied, und der hat festgestellt, daß die bloß aus vergoldetem Blech war, und vor Wut, das können sie sich ja vorstellen, bei dem vielen Geld, das ich dafür ausgegeben habe, hab’ ich sie gleich in die nächste Mülltonne geworfen!“
Eine ziemlich krasse Wertschöpfungskette, die ein etwas attraktiverer Briefbeschwerer vom ersten Händler bis zu mir durchmachte – und von der ich auch Kenntnis erlangte! – gliederte sich übrigens auf wie folgt: 5 – 15 – 45 – 60 – 65 Euro.
(23.11.2009.)
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