Die Radfahrer sind schuld *
Von biF
Winston Churchill schrieb: „Die Deutschen hat man entweder an der Gurgel oder zu Füßen“ – „Radfahrertypen“ ist eine im Deutschen geläufige Umschreibung für Menschen, die nach oben buckeln und nach unten treten. Jahrhunderte lang haben die Deutschen Sündenböcke zur Stabilisierung ihres Selbstbewußtseins gebraucht, gesucht und gefunden. Je nach Mode waren das geographisch, religiös, rassisch, sexuell oder politisch fixierbare, mehr oder weniger homogene, kleine oder größere Bevölkerungsgruppen wie Ausländer, Juden, Frauen, Homosexuelle, Sozialisten, Kommunisten, Moslems und wieder Juden, und jetzt, wo die Ökonomie die Gesellschaft beherrscht, sind es ganz folgerichtig – die Arbeitslosen.

Eine Nachricht aus dem Radio sorgt schon beim ersten Frühstück für entsprechenden Gesprächsstoff. Außerdem hat die Nachbarin vor einer Woche von ihrer ARGE eine Aufforderung zu einem Gespräch erhalten, für das sie Bewerbungsunterlagen, eine GuV für ihre Ich-AG sowie Vorschläge zur Gewinnsteigerung mitzubringen hat. Offenbar will die ARGE sie zur Maximierung ihrer eigenen Gewinne einsetzen und zu diesem Zwecke der kleinen Ich-Firma den Garaus machen, die zwar keine Verluste schreibt wie eine große Bank, doch leider nur jämmerliche Gewinne abwirft; obwohl sich die Kleinstunternehmerin von früh bis spät am PC den Buckel krumm sitzt; das arme Ding muß zwar ohnehin alle Einnahmen bei der ARGE abliefern, aber deren notdürftig-scheinheilig als Sozialleistung getarnter Menschenhandel bringt halt mehr ein. Staatsgelder sind ja außerdem relativ krisensicher.
Mit maximiertem Blutdruck setze ich mich nach dem Frühstück ins Auto, um einige Dinge zu besorgen. Erste Station ist der „toom BauMarkt“. An der Kasse prangt mir die unvermeidlich dämliche BILD-Zeitung entgegen, ihre fette, die halbe Titelseite einnehmende Schlagzeile lautet: „Macht Hartz IV faul?“ Als Gegenfrage fällt mir sofort ein: Ist der Ackermann von seinen Millionen faul geworden? Beladen mit ALDI- und Schlecker-Beute beende ich meinen Ausflug in die freiheitlich-demokratische Grundordnung und höre beim Aufschließen des Autos von den wohl nicht ganz rund rollenden Einkaufswagen her einen wütenden Deutschen brüllen: „Solln’se doch ma paar Arbeitlose ranholn hier! Könn die Dinger schmiern hier!“
(22.01.2010.)
* In dem Stanley-Kramer-Film „Das Narrenschiff“ („Ship Of Fools“, USA, 1964) müssen sich der Deutsche (Nazi) Siegfried Rieber (Jose Ferrer) und der deutsche Jude Julius Löwenthal (Heinz Rühmann) eine Kabine teilen. Zwischen ihnen kommt es zu folgendem Dialog: Sieber, der Nazi, sagt: „Die Juden sind an allem schuld“. Löwenthal entgegnet: „Ja, die Juden und die Radfahrer“, worauf sein Gesprächspartner verblüfft fragt: „Wieso die Radfahrer?“ und zur Antwort bekommt: „Wieso die Juden?“
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