05
Zur Startseite

Schreibender Arbeiter

Von biF

Ein Anruf „vom Verlag!“. Ich kriege einen Schreck. Was soll ich denen denn sagen, wenn sie mich nach irgend etwas fragen? Ich kann nur hoffen, daß sie gleich zur Sache kommen, denn alle meine Manuskripte sind vor Monaten aus dem Haus, manche sind schon Jahre unterwegs, von einigen werde ich wohl nie wieder etwas hören oder sehen und jeder Gedanke an sie ist längst verblaßt; ich kann mich kaum erinnern, überhaupt jemals etwas zu Ende geschrieben zu haben. Um so gespannter bin ich nun. Es sind – gottseidank – die Leute mit dem Pückler und den Frauen. Die Erinnerung daran hat sich einigermaßen erhalten.

Die junge Frau am anderen Ende der Leitung eröffnet mir, mein Foto für die hintere Umschlagseite entspräche nicht so ganz ihren Vorstellungen. Der Hintergrund (die Hofkirche Dresden!) wäre nicht schön, und ich (ein immer noch leidlich attraktiver Mittfünfziger!) würde darauf aussehen wie ein Bauarbeiter. (Das kommt von den Beinkleidern her, die ich seit Jahrzehnten bevorzuge, bequeme Latzhosen nämlich.) Mein erster Gedanke ist: Was hat die Frau denn gegen Bauarbeiter? Ohne diese müßte sie jetzt, Ende Februar, mit zerzauster Frisur schutzlos mitten im Sturmtief Cordula sitzen, mein Buch layouten und sich ihre gewiß niedlichen Ohren und die hübschen kleinen Zehlein blau frieren. Ja, und die Jeans, die auch sie vermutlich gern trägt, waren ursprünglich ebenfalls Arbeitshosen, und zwar für Männer; Bauarbeiter, um genau zu sein! Etwas angegnatzt setze ich mich gleich nach dem Gespräch an den Computer, um eine dementsprechend kontroverse Email zu entwerfen. Doch während ich mich allmählich in Stimmung ärgere, gerate ich, wie so oft, wenn ich etwas ins Blaue hinein anfange, auf Abwege. Wie hatte sich die Kollegin doch gleich ausgedrückt? Das Foto paßt „nicht so recht zum Thema und zur Art der Ausführung.“ Hm.

Ich versuche mir also vorzustellen, wie angemessene Fotos denn eigentlich aussehen müßten und finde mich plötzlich in lauter hübschen Kostümen wieder: rot-weiß-sächsisch uniformiert mit Allonge-Perücke und einem eigenhändig verbogenen Hufeisen in der Hand; als Rektor Tamm in abgeschabter brauner Livree, als Leopold Schefer im Gehrock mir Pelzkragen, als Fürst Pückler im preußischblauen Waffenrock – aber dann: „Fürst Pückler und die Frauen“! Exotisches Räucherwerk betört meine Sinne und entführt mich ins zauberhafte Dschinnistan, das Reich der Feen; Kerzen schimmern, Palmenwedel nicken weise, Papageien zwitschern, ein kleiner Mohr fächelt mir Kühlung zu; ich liege auf einem riesigen Berg samtweicher Kissen, ein hauchzarter Schlafrock hüllt mich ein, Seidenpantöffelchen umschmeicheln meine Füße, ein keckes Käppchen ziert mein Haupt und duftende Rauchkringel aus der Nargileh schweben durch den dämmrigen Raum. Ein Dutzend und zwei gertenschlanke und natürlich wunderschöne Teenager in hauchdünnen Latzhöschen umschwirren und verwöhnen mich mit Champagner, Knabberkram und Negerküssen, kaum auszudenken.


hans im glueck


Da fällt mir ein: Demnächst wollte doch jemand von der „Sächsischen“ zum Interview vorbeikommen. Am besten rufe ich nachher gleich die Redaktion an, daß sie mir den ollen Staudt gar nicht erst zu schicken brauchen, und schon gar nicht den Zwei-Meter-Bildreporter, und daß ich viel lieber die kleine Stengelin hätte. – Apropos Stengel: In welchem Ordner ist denn eigentlich diese angefangene kleine erotische Geschichte abgeblieben ...?

(28.02.2010.)


Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

Bild-Verzeichnis

made by hsulzer datenbanken © 2007